Mittwoch, 19.06.2019

Katzenjammer beim Noteinsatz

Medizin: Die Münchner Tierrettung ist mit drei Einsatzwagen ohne Blaulicht und Martinshorn unterwegs

MÜNCHEN
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Tierarzt Gabor Horvath und Tiermedizin-Studentin Malin Schmidt bringen eine Katze zum Wagen der Münchner Tierrettung. Foto: Felix Hörhager (dpa)
Foto: Felix Hörhager

Ge­müt­lich sitzt ein ro­ter Ka­ter in der Son­ne und putzt sich. Doch er hump­le, mei­nen be­sorg­te Fuß­g­än­ger - und ha­ben die Tier­ret­tung Mün­chen ge­ru­fen. »Das ist der Ka­ter Ka­si­mir«, ruft ei­ne Frau mit knall­ro­tem Man­tel. Er sei der »Frei­man­ner St­reu­ner«, den je­der in dem Stadt­teil ken­ne.

Geschickt packt der Tierarzt Gábor Horvath den Kater am Nacken und bringt ihn in den Rettungswagen. Aus dem wackelnden Auto ertönt Miauen. Dem Kater geht es gut. Er sei alt und habe schlechte Zähne, sagt Horvath. Mehr fehle ihm nicht. Wieder auf der Wiese ausgesetzt blickt Kasimir verwirrt umher.

Kostenpflichtige Einsätze

Die Münchner Tierrettung gibt es seit 2001. Mit drei speziellen Rettungswagen - ohne Blaulicht und Martinshorn - fahren abwechselnd sechs festangestellte Tierärzte mit Assistenten umher und behandeln Notfälle direkt zu Hause. Auch in anderen Städten gibt es solche Vereine, etwa die Deutsche Tierrettung im Raum Essen und die bundesweite Tierrettung des Vereins »UNA«. Sie werden häufig durch Spenden und Mitgliedschaften finanziert. Für kostenpflichtige Einsätze bezahlen Tierbesitzer. In Kasimirs Fall zahlt vorerst niemand. Wenn die Besitzer nicht ermittelt werden können, sendet die Tierrettung Anträge zur Kostenübernahme an Behörden.

Inzwischen kommt der nächste Anruf, wieder eine Katze. Als die Helfer ankommen, ist sie schon eingefangen. Zitternd sitzt sie auf dem Behandlungstisch. Mit festem Griff hält Assistentin Malin Schmidt die Katze, Horvath prüft den Herzschlag, misst die Temperatur und leuchtet der gefleckten Katze in die Pupillen. Sie ist blind. »Eine blinde streunende Katze, das geht nicht lange gut«, sagt der Veterinärmediziner. Sie kommt in die Chirurgische Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Horvath fährt los. Schmidt sitzt hinten und flüstert dem Kätzchen beruhigend zu. Die Acht-Stunden-Schicht hat erst vor Kurzem begonnen, bis 23 Uhr dauert sie. Unablässig klingelt das Telefon, Schmidt geht ran und ruft Horvath die neue Adresse zu. Sie studiert Tiermedizin im siebten Semester, seit etwa einem Jahr ist sie bei der Tierrettung. Neben dem Studium sei das zwar anstrengend, vor allem aber lehrreich.

Der Tierarzt beschreibt die Arbeit als abwechslungsreich. Seit 2006 ist er dabei und komme viel herum. »Ein großer Nachteil ist aber, dass wir nur einen kurzen Einblick in das Leben eines Tieres bekommen«, sagt Horvath. Er würde gerne wissen, wie es den Tieren geht, nachdem er sie in Kliniken gebracht hat - dafür fehle aber meist die Zeit. Während die Fundkatze in der Kleintierklinik der LMU aufgenommen wird, hat er sie aber: Wie es der Katze von letztem Mal gehe, will der 49-Jährige wissen. Als er erfährt, dass sie noch in der Nacht gestorben ist, wirkt er für einen kurzen Moment traurig.

»Man legt sich ein dickes Fell zu«, erklärt Horvath. Das tun wohl alle Tierärzte - aber weil die Tierrettung häufig zu Notfällen gerufen wird und keine Routineuntersuchungen vornimmt, muss das von Horvath vielleicht noch ein bisschen dicker sein. »Wir retten am liebsten jeden Tag Leben, aber manchmal geht das nicht«, sagt er.

Zurück im Rettungswagen hat Schmidt zwei weitere Notrufe. Sie müssen entscheiden, welcher Fall dringender ist. »Eine Konfliktsituation«, sagt Horvath. Er entscheidet sich für den Anruf einer Frau, ihre Katze sei sehr krank und müsse eingeschläfert werden.

Horvath holt tief Luft. Er nehme viele Einschläferungen vor, erzählt er. Das sehe er als eine Art »Service für das Tier«. Haustiere seien in einer privilegierten Stellung, sagt er - und wird kurz politisch: Man könne ihr Leid verkürzen und sie entlasten.

In der Wohnung der Anruferin untersucht er den Kater. Das Tier ist dünn und schwach. Schmidt kramt in den Utensilien, holt Spritzen, Ampullen, Kochsalzlösung und einen kleinen Rasierer hervor. Horvath setzt sich neben die Frau, der Kater liegt auf dem Tisch in seinem Körbchen. Mit ruhiger Stimme erklärt er den Vorgang, jeden einzelnen Schritt, und versichert, dass der Kater bald nicht mehr leiden wird.

Mittlerweile ist es dunkel. An diesem Abend schläfert er noch einen Hund ein, behandelt eine weitere Katze und versorgt ein Eichhörnchen mit gebrochenem Oberschenkel. Zeit für Pause und Essen war nicht.

Zurück in der Dienststelle dokumentiert Horvath Einsätze bis spät in die Nacht. »Die Dienststelle ist für alle wie ein zweites Zuhause.« Am Ende ist er »ziemlich fertig«. Kostendeckend war die Schicht nicht, aber er konnte Tiere retten. »Das ist doch ein Gewinn.«

Hintergrund

» Eine blinde streunende

Katze, das geht nicht

lange gut. «

Gábor Horvath,Tierarzt

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