Sonntag, 18.08.2019

»Absolutistische Monarchie«

Daniel Bogner: Der Moraltheologe geht in seinem aktuellen Buch mit der katholischen Kirche hart ins Gericht

Münster
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Der Theologe Daniel Bogner vom Excellenzcluster Religion und Politik in Münster (Aufnahme vom April 2010). Bogner ist der Ansicht, dass der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland mehr hätte bewegen können. Allein die Ansprache im Bundestag habe eine Debatte angestoßen, so Bogner. Foto: Brigitte Heeke/Exzellenzcluster "Religion und Politik" +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Foto: Brigitte Heeke
Der Mo­ral­theo­lo­ge Da­ni­el Bog­ner (Fo­to: Bri­git­te Hee­ke/Ex­zel­lenz­clus­ter »Re­li­gi­on und Po­li­tik«) ver­g­leicht die ka­tho­li­sche Kir­che mit ei­ner ab­so­lu­tis­ti­schen Mon­ar­chie. Ge­wal­ten­tei­lung exis­tie­re nicht, heißt es in sei­nem neu­en Buch »Ihr macht uns die Kir­che ka­putt«.

Darin kritisiert er außerdem eine mangelnde Beteiligung der Kirchenmitglieder und vor allem eine fehlende gleichberechtigte Teilhabe der Frauen. Über seine Bestandsaufnahme sprach der in Fribourg (Schweiz) lehrende und in Münster wohnende Theologe im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Herr Professor Bogner, was war der Impuls für Ihre kirchliche Bestandsaufnahme?

Ganz klar die Missbrauchskrise. Genauer gesagt die Art und Weise, wie die Kirche mit dieser Krise umgeht. Mir sind in dieser Debatte sehr viele grundlegende Zusammenhänge klar geworden, die ich unbedingt zu Papier bringen musste.

Welche Zusammenhänge sind das im Einzelnen?

Die Kirche ist eine Institution, die von sich behaupten kann, dass es sie schon viel länger als die anderen Organisationen und Staaten gibt. Sie hat die Gesellschaften Europas zutiefst geprägt. Die Kultur, von der wir hier alle zehren, ist wesentlich von ihr mitgestaltet worden. Diese 2000 Jahre alte Geschichte sorgt aber zugleich dafür, dass die Kirche nach Mechanismen funktioniert, die überhaupt nicht mehr in unsere Zeit passen. Dadurch befindet sie sich heute in einer Lage, wo viele Leute nichts mehr von ihr wissen wollen, in der sie aber auch berechtigten Vorwürfen ausgesetzt ist. Sie steht in der Ecke. Das ist die Ausgangslage.

Wie sehen diese Mechanismen aus?

Die Kirche ist ihrer Rechtsordnung nach eine absolutistische Monarchie. Ihre Verfassung stammt aus Antike und Mittelalter. Der Bischof vereint alle Gewalten in einer Person, es gibt keine Gewaltenteilung wie in einer Demokratie. Infolgedessen mangelt es an Kontrollmechanismen. Wir brauchen Gewaltenteilung und Demokratie in der Kirche. Natürlich hat auch die Demokratie ihre Schwächen. Aber sie vermag besser als andere Herrschaftsformen, mit den Fähigkeiten und Ansprüchen, aber eben auch mit den Abgründen der Menschen auf eine wahrhaft humane Weise umzugehen. Auch die Demokratie hat als inneres Zentrum ein hohes Gut, und das ist die Achtung der Menschenwürde jedes Einzelnen.

Würden Sie sagen, dass in diesen kirchlichen Strukturen Gründe für den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche liegen?

Das spielt ganz sicher eine wesentliche Rolle. Ohnehin schon defizitär veranlagten Menschen wird es in der Kirche geradezu leicht gemacht, zu Tätern zu werden. Vor allem, weil die Kontrolle von Macht und Herrschaft fehlt.

Nun gibt es aber in allen Teilen der Gesellschaft sexuellen Missbrauch, auch in Bereichen, die nicht, wie Sie es nennen, absolutistisch organisiert sind ...

Das ist richtig. Aber in einer Institution, die für sich beansprucht, eine Heilsbotschaft zu verkündigen, wiegt der Missbrauch besonders schwer. Sie verkündet die Lebensfülle der Botschaft Gottes und ermöglicht zugleich Taten, die absolut lebensfeindlich und zerstörerisch sind. Das widerspricht komplett ihrem Zeugnis. Zu sagen, dass der Missbrauch auch in anderen Bereichen der Gesellschaft passiert, das muss doch ein Ansporn, ein Stachel für die Kirche sein, dass gerade bei ihr solche Vergehen deutlich weniger vorkommen.

Ein zentraler Punkt Ihrer Kirchenkritik ist die Rolle der Frau.

Die Frauenfrage macht die Kernproblematik in der Kirche sichtbar: die Gleichheit aller Menschen, das Recht auf gleiche Teilhabe, wird missachtet. Die katholische Kirche hat den Frauen immer schon einen zweitrangigen Platz zugewiesen, gemessen am Anspruch einer gleichen geschöpflichen Würde von Mann und Frau. Das muss man so nüchtern feststellen, auch wenn es über lange Zeiten hindurch nicht in derselben Weise als ein Problem wahrgenommen wurde, wie viele Menschen es heute - Gott sei Dank - tun.

Und jetzt boykottieren die Frauen die Kirche. Im vergangenen Mai verweigerten Frauen bei der Aktion »Maria 2.0« eine Woche lang ihre Tätigkeiten in der Kirche...

Ja, aber diese Frauen machen das immer noch auf eine konstruktive Art und Weise: Sie haben in einer Woche gestreikt, in der keine wichtigen kirchlichen Feste anstanden. Und die Frauen sagen ja nicht, dass sie mit der Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Sondern sie sagen, dass diese Kirche auch die ihrige ist, dass sie aber mehr Rechte und auch die Weihe für Frauen einfordern. Sie wollen also im Grunde dabei sein, nicht abgesondert bleiben.

Was sagen Sie zu den kritischen Reaktionen der Bischöfe auf diese Aktionen?

Eigentlich müssten sich diese Bischöfe doch als erstes fragen: Wie schlimm muss die Lage in der Kirche für diese Frauen sein, dass sie den gemeinsamen Gottesdienst verlassen? Das tun sie aber offenbar nicht, und darüber bin ich sehr enttäuscht. Da wird dann nur sehr diplomatisch gesagt, dass man die Frauen und ihre Anliegen durchaus zur Kenntnis nehme, aber kein Verständnis dafür habe, dass sie zu diesem Mittel greifen. Das zeigt, wie wenig die Problematik bei manchen Kirchenführern überhaupt angekommen ist.

Wie stehen Sie zu dem Argument, dass solche Aktionen einer Kirche, die in der Krise ist, noch mehr schaden? Dass Forderungen nach einer Weihe für Frauen im schlimmsten Fall zu einer Kirchenspaltung führen könnten?

Die Warnung vor dem sogenannten Schisma, der Kirchenspaltung, ist hier ein klassisches Totschlagargument. Es gab zur Frage nach dem Weihezugang für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten unheimlich viele Bemühungen. Wissenschaftliche Kongresse, theologische Initiativen, Dialogprozesse rauf und runter mit sogenannten Reformbischöfen, die sich dem gestellt haben, die zu Tagungen eingeladen haben, die intern und halböffentlich betonen, dass diese Anliegen zumindest bedenkenswert seien. Im zweiten Satz sagen sie aber sofort: Ich weiß nicht, ob das Erfolg hat, wir müssen schauen, was weltkirchlich möglich ist. Und danach kommt dann gar nichts mehr. Diese ganzen sogenannten Dialogprozesse haben nicht viel gebracht. Da hat sich bei vielen eine große Ernüchterung breitgemacht.

Aber ist denn die potenzielle Gefährdung der Einheit der Weltkirche kein berechtigter Einwand?

Grundsätzlich natürlich schon. Aber der Gedanke wird eben oft instrumentalisiert. In diesem Denken steckt oft auch eine gehörige Portion Kolonialismus drin, wenn man sagt, etwa in Afrika sei man noch nicht so weit, was Gleichberechtigung angeht. Ich selbst war in Indonesien, in Ländern Afrikas, in Guatemala und habe an der kirchlichen Basis nicht die Erfahrung gemacht, dass diese Gedanken von Teilhabe, von gleichem Zugang zu Mitgestaltungschancen, dass die als so verwegen empfunden oder als westliche Importideen angesehen werden. Darin drücken sich nämlich Anliegen aus, die die Menschheit als Ganze betreffen. Deshalb würde ich sagen, man sollte sich hier nicht verbieten, Vorschläge zu machen. In der Kirche muss sich die Mentalität ändern, mit der man sich erlaubt, über Dinge nachzudenken. Und da sehe ich ganz klar auch uns Theologinnen und Theologen in der Verantwortung, auf die Probleme hinzuweisen.

bDaniel Bogner: Ihr macht uns die Kirche kaputt... - ... doch wir lassen das nicht zu!, Verlag Herder, Freiburg 2019, 160 Seiten, ISBN 978-3-451-39030-2, 16 Euro

Hintergrund

» Im Verweis auf die Einheit der Weltkirche steckt eine

große Portion Kolonialismus. «

Daniel Bogner, Moraltheologe

Hintergrund

» Die Warnung vor einer

Kirchenspaltung, ist ein

Totschlagargument. «

Daniel Bogner, Moraltheologe

Hintergrund

» Die katholische Kirche hat Frauen immer zweitrangigen Platz zugewiesen. «

Daniel Bogner, Moraltheologe

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