Zwischen »Down« und »Krone der Schröpfung«

Obernburger Mühlstein 2022:Ein sehr ausgeglichener Jahrgang mit zwei Preisträgern - Katalyn Hühnerfeld und Patrick Nederkoorn

Obernburg
3 Min.

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Seit 1989 wird der Obern­bur­ger Mühl­stein des Ar­beits­k­rei­ses Kul­tour der Klein­kunst­büh­ne Kochs­müh­le (Kreis Ml­ten­berg) ver­ge­ben, ur­sprüng­lich als »Ka­ba­rett- und Klein­kunst­nach­wuch­s­preis« aus­ge­lobt, heu­te of­fi­zi­ell für »New­co­mer« aus­ge­schrie­ben.

Für den diesjährigen Jahrgang mit zwei Künstlerinnen und drei Künstlern zwischen Anfang 30 und Mitte 40 - viele von ihnen schon reichlich preisgekrönt - passen zwar beide Bezeichnungen nicht so ganz. Trotzdem, vielleicht auch deshalb konnten sich die Besucher in der schon lange ausverkauften Kochsmühle über einen besonders guten »Erntejahrgang« freuen, und fühlten sich bestens unterhalten von den fünf jeweils 20-minütigen Auftritten und von der witzigen und sympathischen Moderation des letztjährigen Jury- und Publikumspreisträgers Johannes Floehr.

»Grenzenlos Zuhause«

Zum ersten Mal seit neun Jahren gab es heuer wieder einmal zwei unterschiedliche Preisträger von Publikum und Jury. Die Besucher fanden den letzten Auftritt des Abends am besten, die Glanzlichter aus Katayln Hühnerfelds »Krone der Schröpfung«. Die dreifache Mutter, geboren in Bremen, lebt und arbeitet in Wiesbaden. Sie bot in Obernburg eine mitreißende Pantomime zu Text aus dem Off, entlarvte den Unsinn nur nominell menschlichen Verhaltens, stellte unterschiedliche, oft sehr skurrile Frauen in einer Umfrage zum Urlaub in Coronazeiten vor und zeichnete ein Bild eines SUV-Fahrers, das Betroffene möglicherweise zum Nachdenken gebracht haben könnte.

Technisch perfekt war es, was sie bot, erinnerte ein bisschen an durchaus traditionelles Nummer-Kabarett und manche - vielleicht auch die Jury - mag ein bisschen die authentische Kathleen Hühnerfeld im attraktivem Outfit hinter ihren Rollen gesucht haben. Beim Großteil des Publikums kam der Auftritt sehr gut an.

Bei der Jury deutlich auf Platz 1: der 39-jährige Niederländer Patrick Nederkoorn mit Auszügen aus »Die orangene Gefahr«. Bereitwillig stiegen die Besucher auf seinen Bonsai-Sprachkurs in Niederländisch ein und begrüßen ihn mit »U Bent Welkom« - und dass darin eigentlich ein durchaus zwiespältiges »bis auf weiteres« enthalten ist, spielte an diesem Abend keine Rolle.

Überzeugend war der geschlossene Auftritt, waren die Witze über die »orangene Flüchtlingswelle«, wenn der Meeresspiegel weiter steigt, wobei die zunächst schier grenzenlose Aufnahmebereitschaft für niederländische Überflutungsflüchtlinge im Lauf des Programm als nicht allzu haltbar entlarvt wurde. Nederkoorns positive Ausstrahlung mit dem Appell, große Probleme gemeinsam zu lösen, fiel auf fruchtbaren Boden, und nach seinem sensiblen Chanson zur Begleitung durch einen Pianisten »Ich fühl mich grenzenlos Zuhause« brach ein Jubelsturm los. Vermutlich lag der Niederländer auch beim Publikum weit vorne, jedenfalls wurde die Juryentscheidung sehr positiv aufgenommen und viele dürften sich freuen, ihn in der Kochsmühle mit seinem Soloprogramm und im Herbst 2023 als Moderator beim »Mühlstein« wiederzusehen.

Ebenfalls überzeugend

Ohne Preis, aber ebenfalls überzeugend agierten die drei restlichen Teilnehmer. Rainer Holl aus Neuwied lebt und arbeitet in Leipzig. Er hatte das Pech, den Abend eröffnen zu müssen und brauchte etwas viel Anlaufzeit, bis sein Programm »Optimist auf niedrigem Niveau« so richtig Fahrt aufnahm. Seine großen Qualitäten waren aber immer zu ahnen, kamen in der sarkastischen Nummer über die »Erste-Welt-Probleme« gut zur Geltung und kulminierten in angeblich taufrischen Text in schönster Poetry-Slam-Manier über das harte Rennen, das sich »Fortschritt und Dummheit« liefern. Sein großes Potential war immer dann zu spüren, wenn er seine Variationsbreite in Mimik, Gestik und Tonfall ausspielte.

Etwas weniger facettenreich, aber durchaus authentisch waren zwei Akteure aus Österreich, Elli Bauer aus Graz und David Stockenreitner aus Wien. Bauer zeichnete das schwere Leben eines Lehrerkindes nach, zelebrierte ein Loblied auf ihre Oma und machte klar, wo die Gemeinsamkeiten zwischen Hochzeiten und Tätowierungen liegen. Ein Höhepunkt ihres Auftritts und zugleich eine Anregung für sie, ihre gute Singstimme noch intensiver einzusetzen: ihre »drei schrägsten Hochzeitslieder«, gipfelnd in dem Musicalsong der Braut im champagnerfarbenen Hochzeitskleid »I don't know how do love him«.

Der 32-jährige David Stockenreitner wirkte sehr authentisch, als er im Programmausschnitt von »Down« seine Behinderungen durch seine Frühgeburt zum zentralen Thema machte, dabei Diskriminierungen und verletzendes Verhalten aufspießte und fragte: »Warum bringt niemand Unternehmen bei, wie man Bewerbungen ablehnt?« Sein trockener Humor und die oft skurrilen Sprachbilder überzeugten und konnten in den besten Momenten die allzu starke Fixierung auf sein zentrales Thema relativieren. Das Jodeln als »kontrollierter Nervenzusammenbruch« und sein ungeliebter Demospruch »Pelz ist Mord - und warm« waren schöne Beispiele dafür.

Erwartungen angeheizt

Der 34. Jahrgang des »Mühlsteins« wird als einer der ausgeglichensten und besten in Erinnerung bleiben und heizt die Erwartungshaltung für das kommende Jahr an.

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