Zarte Akkorde der Erinnerung

Schauspiel: Heinz Kirchner und das Abart-Theater mit »Britpop. Feincord, dunkelblau« im Aschaffenburger Stadttheater

Aschaffenburg
2 Min.

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Die Parisreise von Robert (kniend: Albrecht Sylla) und Alwin (Thomas Amberg) endet tragisch. Freundschaft, Liebe und Schicksal sind die Themen von Heinz Kirchners »Britpop. Feincord, dunkelblau«. Und über allem schwebt die Musik.
Foto: Mike Lörler
Dass die Er­in­ne­rung das ein­zi­ge Pa­ra­dies ist, aus dem man nicht ver­trie­ben wer­den kann, wuss­ten schon so schlaue Leu­te wie Je­an Paul oder Mar­cel Proust. Er­in­ne­run­gen kann uns nie­mand neh­men - sie ge­hö­ren uns al­lein, auch wenn sie nicht im­mer pa­ra­die­sisch sind.
Diese Erfahrung macht auch Robert (Albrecht Sylla), ein gestandener Mann, der die Jugend zwar vor vielen Jahrzehnten hinter sich gelassen hat, ihre Bilder aber noch immer tief im Herzen trägt. Unauslöschlich. Sie lassen ihn nicht los, jene Stimmungen, Eindrücke, Gerüche und Farben einer längst vergangen Zeit.
Dicht komponierte 75 Minuten
Zusammen mit den Zuschauern blickt er in der erzählenden Rückschau zurück auf jenes abenteuerliche Jahr 1966, als er sich mit seinem besten Freund Alwin (Thomas Amberg) aufmachte nach Paris. Eine Reise, die raus aus dem Mief ihres engen Heimatortes führen sollte, mitten hinein in die große Welt, in die Freiheit. Und die dann doch ganz anders ausging. Traurig und tödlich …
Dass im Leben nicht immer alles so kommt, wie man sich das wünscht, und trotzdem alles am Ende irgendwie gut wird - das ist der versöhnliche Grundton in der neuen Inszenierung von Heinz Kirchner und seinem Abart-Ensemble. »Britpop. Feincord, dunkelblau« feierte jetzt auf der Bühne 2 des Aschaffenburger Stadttheaters Premiere.
Kirchner hat das Stück nach seiner Erzählung »Adamos Südstaatlermütze oder die Reise nach BaRies« geschrieben. 75 dicht komponierte Minuten, in der sich Szenen wie Erinnerungsfetzen aneinanderreihen. Es ist der alte Robert, der sich an den jungen Robert (ebenfalls gespielt von Albrecht Sylla) erinnert und noch immer an dem leidet, was damals auf jener Reise nach Paris passiert ist.
Kirchner bringt mit einem kleinem Ensemble das Lebensgefühl der Jugend auf die Bühne. Die Sixties mit all ihren Versprechungen: Freiheit, Zügellosigkeit, Rausch. Und über allem schwebt die Musik. Denn »Britpop« ist nicht nur ein Theater-, sondern auch ein sorgfältig arrangiertes Musikstück. Marie Schwind und Christoph Sauer sitzen mit den Schauspielern auf der Bühne, spielen Gitarre und singen. Sie erwecken hochsensibel und mit viel Gefühl die Songs der legendären Kinks (»Waterloo Sunset«, »You really got me now«), aber auch von Bands der neuen Britpop-Generation -  Oasis, The Verve, Radiohead - zum Leben, und liefern damit den durchdachten Soundtrack zur Geschichte.
Denn die Musik ist es, die den vorlauten Gymnasiasten Robert und den fröhlich-naiven Sunnyboy Alwin verbindet. Sylla und Amberg geben die befreundeten Jungs mit viel Herzlichkeit und ein bisschen Härte, ganz so, wie es sich für Teenager gehört. Thomas Amberg spielt in einer Doppelrolle außerdem Flo, Alwins zerstreuten Bruder, der immer alles verkehrt herum sagt und für Brasilien schwärmt. Wunderbar verhuscht und verdreht ist dieser Part. Ebenfalls in einer Doppelrolle: Anna Schüßler. Sie ist die hoffnungslos in Alwin verschossene Dorfschönheit Ramona und gleichzeitig Alwins kleine Schwester Gitti - und zieht dabei schauspielerisch alle Register von kindlich-süß bis augenzwinkernd-kokett. Kurze Bilder, mehr flüchtige Eindrücke als ausgewachsene Szenen, ergeben zusammen einen fein gewebten Erinnerungsteppich, verbunden durch die Musik. Das Bühnenbild beschränkt sich bis auf das nötigste, die Dialoge sind prägnant und nie zu tiefschürfend. Und doch treffen sie den Ton der Jugend, einer Zeit, in der alles möglich ist - Grausames wie Wunderbares. Und in der Träumen noch erlaubt ist. Ganz wie es die Kinks in ihrer ironischen Faulheits-Hymne »Sunny Afternoon« so wunderbar besungen haben. Martina Himmer

b»Britpop. Feincord, dunkelblau« (75 Minuten, keine Pause): weitere Vorstellungen am Samstag, 26. Januar, und Sonntag, 27. Januar, 20 Uhr. Einführungsvortrag um 19.30 Uhr; Eintritt: 15 Euro.
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