Viel Quatsch und ein schlaues Lied

Kabarett: Jakob Heymann, Cüneyt Akan, Yasminè und Jürgen Müpke als Newcomer im Hofgartenkabarett

Aschaffenburg
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Liedermacher und Comedian Jakob Heymann aus Bremen beim Tetrapack im Aschaffenburger Hofgartenkabarett Bildunterschrift 2020-02-15 --> Rotzfrech und musikalisch: Liedermacher und Comedian Jakob Heymann aus Bremen beim Tetrapack im Aschaffenburger Hofgartenkabarett. Foto: Melanie Pollinger
Foto: Melanie Pollinger

Quatsch in rauen Mengen und garantiert frei von Tiefgang hat es beim ausverkauften Tetrapack am Donnerstag im Hofgartenkabarett gegeben, zumindest vor dem wundervollen, rotzfrechen und irre musikalischen Auftritt von Jakob Heymann. Der 32-jährige Liedermacher und Kabarettist aus Bremen verhinderte zu guter Letzt, dass die Veranstaltung als farblos in die Geschichtsschreibung der Newcomer-Bühne im Hofgarten einging.

Bereitschaft zum Mitblödeln

Moderator Johannes Scherer mit seinem feinen Gespür für die Stimmung unter den Zuhörern schien es schon bei der Begrüßung zu ahnen: Die wohlige Entspanntheit und Bereitschaft zum Mitblödeln drinnen im Warmen waren besonders hoch an diesem Schmuddelwetter-Abend.

Als Erste profitierten die »Improtheaterfreu(n)de« von der wohlwollenden Atmosphäre. Das Duo besteht aus der Hessen-Pfälzerin Yasminè und dem 22 Jahre jungen Busfahrer Jürgen Müpke aus dem Landkreis Aschaffenburg, der seit 2016 den Comedy-Eintopf im evangelischen Jugendzentrum in Aschaffenburg moderiert. Schnell fanden Yasminè und Müpke Freiwillige aus den hinteren Reihen, um sie beim Spintisieren über mehr oder weniger spontane Zurufe aus dem Publikum mitmachen zu lassen.

Werner im grünen T-Shirt betätigte sich als Geräuschmacher beim ersten Date eines Pärchens an der Ostsee: Er ließ blubbernd ein Mofa in den Wellen untergehen und danach eine Riesenportion Mayo auf einer einzelnen Pommes. Die Cousins Tim und Steffen durften mit einer Klingel und einer Mööp-Hupe Krach machen zu einer Weißwurst-Frühstücks-Szene. So richtig in Schwung kommen wollte die Impro-Schauspielerei allerdings nicht, trotz der abgefahrenen Ideen. Vielleicht sollte das Duo mal bei den Aschaffenburger Improtheater-Profis die Tabutanten vorbeischauen.

Den Deutsch-Türken Cünyet Akan aus Wiesbaden kannten womöglich schon einige Zuschauer aus dem Quatsch Comedy Club im Fernsehen. So akkurat abgezirkelt wie der Scheitel im stylischen Haarschnitt waren Akans Ansichten über Ehe- und Familienleben, Kindererziehung und elektronische Medien. Aus den dahinplätschernden Smalltalk-Klischees mit der fatalistischen Schlussfolgerung »die Menschheit ist eh im Arsch« ragte allein Akans Ringen mit dem Ortsnamen Sailauf - »Seilfaul, Sauteil oder wie?« - als wirklich komisch heraus.

Und dann, endlich, versöhnte Heymann all jene, die sich gefragt hatten, ob sie wirklich noch Tetrapack-Fans sind. Listig griff Heymann die Aufgedrehtheit des Publikums auf und brachte es erst mal zum Pfeifen mit dem Lied »Was die Natur (zu bieten hat)« aus dem 2019 erschienenen Album »Emilia«.

Was für eine Stimme! Zur Gitarrenbegleitung und dem Vogelgezwitscher aus der elektronischen Loopstation ließ Heymann, einem mittelalterlichen Barden gleich, eine vieldimensionale Welt entstehen, einen pulsierenden Kosmos aus Heute, Morgen und Gestern.

Wie eine Spottdrossel äffte der gelernte Pädagoge und amtierende Deutsche Kabarett-Vizemeister feinste Dialekt-Nuancen nach, als er seinen ersten Auftritt in Würzburg schilderte. Die Zuhörer hätten ihn beschimpft, als er sie als Bayern begrüßt habe, und seien dann im Streit über den richtigen Franken-Status übereinander hergefallen. »Kann ich doch nichts dafür, dass ihr eingemeindet worden seid«, habe er den Streit zu schlichten versucht, sagte Heymann .

Köstlich auch der Singer-Songwriter-Ausflug nach Berlin, wo Menschen »Projekte!« haben und jede Menge Neurosen und Tics. Und die Schnulzen-Persiflage mit dem ultimativen Aufschrei »Ich hab' Gefühle!«. Und dann noch das wundervolle Lied über »Luxusprobleme«: zu volle Bäuche und Akkus, und zu leere Herzen.

Hintergrund

Rotzfrech und musikalisch: Liedermacher und Comedian Jakob Heymann aus Bremen beim Tetrapack im Aschaffenburger Hofgartenkabarett.

Foto:

Zur Person: Jakob Heymann

Jakob Heymann wurde 1987 in Bochum-Langendreer geboren, wo er aufwuchs und einen Großteil seiner Jugend verbrachte. Seit 2011 wohnt er in Bremen. Während seiner pädagogischen Ausbildung brachte er sich selbst Gitarre, Klavier und Gesang bei. Heymann lebte ein halbes Jahr auf Mauritius und komponierte dort eigene Lieder. 2015 unterzeichnete er einen Plattenvertrag bei Ahuga und tourte ein Jahr lang im Vorprogramm von Götz Widmann durch Deutschland und die Schweiz. Seit 2015 ist Heymann auch als Solist unterwegs. 2019 startete er sein zweites Soloprogramm »Volle Akkus leere Herzen«.

Zu Heymanns Erfolgen zählen unter die deutsche Kabarett Vize-Meisterschaft 2019, der Sieg beim NDR-Comedy Contest und beim Kupferpfennig-Wettstreit 2018. Im selben Jahr wurde er Finalist beim Fränkischen Kabarettpreis, Zweiter beim Hamburger Comedy Pokal und Dritter beim Rostocker Kleinkunstpreis. (mel)

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