Sie entspricht dem Role Model der Generation Z

Konzert: US-Megastar Billie Eilish beglückt das Publikum in der ausverkauften Frankfurter Festhalle - Als Vokalistin ist sie aber durchschnittlich

FRANKFURT
3 Min.

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ARCHIV - 01.06.2022, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Popstar Billie Eilish singt auf der Bühne. Die Musikerin gab vor dem Start ihrer Europatour ein Akustik-Konzert im Rahmen von Telekom Electronic Beats. (zu dpa "Billie Eilish unterbricht Konzert aus Sorge um Fan-Sicherheit") Foto: Marius Becker/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Bildunterschrift 2022-06-23 --> Popstar Billie Eilish bei einem Auftritt am 1. Juni in Bonn.Foto: Marius Becker/dpa
Foto: Marius Becker
Wer erst zum Vor­pro­gramm mit der ka­na­di­schen Sin­ger-Song­wri­te­rin Jes­sie Rey­ez an­rückt, muss vor­bei am Schlacht­feld aus Un­men­gen an Ab­fall, Klei­dung­stü­cken, Ta­schen und Re­gen­schir­men - letz­te­re di­en­ten als Schutz vor den fie­sen Son­nen­strah­len.

Bis zum Einlass stauten sich während des Ausharrens in der Gluthitze auf der Brüsseler Straße über Stunden Emotionen ebenso wie sich später die gefühlten 80 Grad in der komplett ausverkauften Frankfurter Festhalle hartnäckig in der gigantischen Konzertarena halten. Klimaanlage? Fehlanzeige! Doch nicht im Zeitalter des Klimawandels.

Turboaufstieg

Dabei kochen die Gemüter der mehr als Zehntausend Besucher schon allein wegen des Hauptacts über: Billie Eilish - derzeit einer der weltweit größten US-Megastars. Nicht nur Kids und Jugendliche, auch reifere Semester finden sie unglaublich toll. Im Februar 2019, bei der ersten Frankfurt-Stippvisite von Billie Eilish, gastierte der aufstrebende Künstlernachwuchs noch im Zeil-Club Gibson. Danach gelang binnen kurzer Zeit der Turboaufstieg erst in den US-, dann in den internationalen Pop-Olymp direkt zwischen Rihanna, Beyoncé und Lady Gaga. Das Revolutionäre daran ist, dass Billie Eilish, im Gegensatz zu den genannten Kolleginnen, als Vokalistin eher durchschnittlich wirkt. Als sich das in jeder Sekunde minuziös durchgetaktete Spektakel in Gang setzt, kommt ihre Stimme in den ersten Songs »Bury A Friend«, »I Didn't Change My Number«, »NDA« und »Therefore I Am« kaum zur Geltung. Dafür sind die Kreischattacken der mehrheitlich weiblichen Besucher derart dominant, wie einst zur Ära von Beatles und Rolling Stones.

Gigantische Natur-Impressionen

Es ist aber auch beeindruckend, was es da zu sehen und zu hören gibt. Dabei gestaltete sich der Anblick des noch abgedunkelten Bühnenambientes mit lang in den Zuschauerraum ragenden Catwalk vor der Inbetriebnahme reichlich karg. Hinten auf der einen Seite steht auf Anhöhe ein Schlagzeug. Direkt gegenüber platzieren sich ebenfalls auf dem Podium Keyboards, Laptop, Percussion, Bass, E- und Akustikgitarre. Als Trockeneisnebel aufsteigt, sich ein Teil des Bühnenbodens anhebt, in Schräglage geht, um fortan als Projektionsfläche für gigantische Natur-Impressionen (u.a. Riesenspinne, Haie, Wasserfälle, Eismeere) zu funktionieren, nehmen Schlagzeuger Andrew Marshall und Billies vier Jahre älterer Bruder Finneas Baird O'Connell (24) Platz hinter den Gerätschaften.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ohne Finneas würde nichts von den Superlativen der vergangen Jahre stattfinden. Im Kinderzimmer in Los Angeles produzierte er 2016 für die damals 15-jährige kleine Schwester die Debütsingle »Six Feet Under«. Seither zeichnet sich Finneas als Universalgenie für das gesamte Spektrum verantwortlich, das nun in rund 100 Minuten in Frankfurts Gudd Stubb schallt: Ein rasanter Querschnitt durch die weltweiten Nummer-eins-Alben »When We All Fall Asleep, Where Do We Go?« ('19) und »Happier Than Ever« ('21) sowie diverse Singles.

Allein schon Billie Eilishs Entrée erweist sich als wahre Schau, als sich im Lichtkegel von grellen weißen Spots zur Bühnenmitte eine Vertiefung im Boden aufzeigt, wo urplötzlich Billie Eilish mit Karacho herausschießt: Schwarze Haare im Mangastil, weiße DocMartens an den Füßen und Batikklamotten am Körper. Heidi Klum als GNTM-Chefin wäre wohl nicht sonderlich interessiert an der 20-Jährigen. Bei DSDS oder The Voice Of Germany würden die Juroren wohl auch eher abwinken.

Doch Billie Eilish hat gleich mehrere unwiderstehliche Asse im Ärmel: Entspricht die in Los Angeles geborene Billie Eilish Pirate Baird O'Connell, Tochter des Schauspielers Patrick O'Connell sowie der Aktrice und Schauspiellehrerin Maggie Baird, doch just dem aktuell gängigen Role Model der Generation Z.

Ideale Selbstvermarkterin

Zudem erweist sie sich als ideale Selbstvermarkterin in der Ära von Social Media: Sie raucht und trinkt nicht, lebt vegan, zeigt sich seit Kindheit von kleineren Tics und dem Tourette-Syndrom belastet. Über all das und auch über gescheiterte Beziehungen informiert Billie offen im TV, Internet, per Teen- und Klatsch-Magazine sowie weiteren Multiplikatoren.

Selbst vor der eigenen zeitweiligen Depressionen macht sie nicht halt. Für ihre Offenheit wird Billie Eilish weltweit gefeiert. Nicht wenige Kritiker hingegen betrachten sie als einen Hype, ein von den Eltern auf Popruhm getrimmtes Plastikprodukt. Ein Indiz dafür ließe sich in den Videoclips von »Getting Older« finden: Da sehen wir Billie als Baby, Kleinkind, Jugendliche überlebensgroß auf die Multifunktionsfläche projiziert - schon da zeigte sich bei der Kleinen ein Faible am Verkleiden und Posieren. Deshalb wird sie von ihren Bewunderern auch gerne Mozart-Wunderkind bezeichnet. Doch der eigentliche Mozart dürfte Finneas O'Connell sein - er plant rund um sein Schwesterherz praktisch alles. Auch die Dramaturgie der opulenten Show, wo Billie Eilish singt, rappt, durch die Gegend hüpft und weite Strecken auf dem Bühnenareal zurücklegt.

Ins Ohr gehendes Songmaterial

Auch beim Repertoire zeigt Finneas Talent wie Geschmack: Ziemlich rund ins Ohr gehendes Songmaterial aus Electronica, Pop und selbst Rock und Heavy Metal. Stets ungemein tanzbar. An einem Unplugged-Set, wo Billie und Finneas Akustikgitarren bedienen, kommt heutzutage keiner vorbei. Weitere fünf Songs verbringt Billie Eilish am anderen Ende der Hauptbühne auf der B-Stage.

Hintergrund

Popstar Billie Eilish bei einem Auftritt am 1. Juni in Bonn.Foto:

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