Sexuelles Erwachen unterm Ährenkranz

Sprechtheater: Thomas Brussigs Wenderoman »Helden wie wir« als Bühnenfassung im Aschaffenburger Stadttheater

Aschaffenburg
2 Min.

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Thomas C. Zinke als Klaus Uhltzscht in der Bühnenfassung von »Helden wie wir« im Aschaffenburger Stadttheater. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith

Hans-Dietrich Genscher war es nicht. Günter Schabowski auch nicht. Und David Hasselhoff oder die Scorpions schon gleich gar nicht. Allein Klaus Uhltzscht ist es zu verdanken, dass die Berliner Mauer nur noch in Geschichtsbüchern zu finden ist. Dass der »antifaschistische Schutzwall«, der 28 Jahre lang Ost- von Westdeutschland trennte, dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Das glaubt zumindest Uhltzscht, Protagonist des satirischen Wenderomans »Helden wie wir« aus der Feder des Berliner Schriftstellers Thomas Brussig. Am vergangenen Montagabend gab es die Bühnenfassung im coronabedingt äußerst spärlich besetzten Aschaffenburger Stadttheater zu sehen. Es war ein Beispiel dafür, dass nicht jeder literarische Erfolg auch auf Theaterbrettern zu glänzen vermag.

Historisches auf Videoleinwand

Dabei beginnt Manuel Kressins Inszenierung, die erst kürzlich anlässlich des 30. Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung im Theater Altenburg Gera Premiere feierte, vielversprechend: Kressin holt die allseits bekannten Bilder Ausreisewilliger, die einst in der Prager Botschaft strandeten, samt derer ausgelassen auf der Mauer Feiernder mittels Videoleinwand direkt in den Saal des Stadttheaters. Dann spricht sein Protagonist die bedeutungsschweren Worte: »Ich war's! Ich hab die Mauer umgeschmissen!«

Die Geschichte des Mauerfalls? Uhltzschts Geschichte. Die seines »Pinsels«. So nennt Zonen-Klaus tatsächlich sein Gemächt, das die Natur bei ihm jedoch als eher überschaubar angelegt hat. Nach einem Unfall während der großen Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989 nimmt sein »Zentralorgan« allerdings schier monströse Ausmaße an - derartig monströs, dass die Grenzer wie hypnotisiert sämtliche Schlagbäume öffnen. Der real existierende Sozialismus kapituliert vor einer heruntergelassenen Hose.

Erwachsenwerden in 80 Minuten

Bis dahin 80 Minuten monologisiertes Erwachsenwerden eines DDR-Bürgers zwischen Kinderzimmer-Mief und Ferienlager-Idylle. Zwischen fehlender Aufklärung und sexuellem Erwachen. Zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahn. Als einziger Sohn einer hygienefanatischen Helikopter-Mutter und eines gefühlsreduzierten Spitzel-Vaters. Das Erwachsenwerden von »Honeckers kleinem Trompeter«, der dann doch eine ganz passable Karriere vom eifrigen Jungpionier zur peniblen »Stasi-Fresse« hinlegt.

Doch genau hier liegt das Problem von Kressins Inszenierung: Eingedampft auf eine Coming-of-Age-Geschichte wird sie der literarischen Vorlage, einem brillanten Wenderoman, der messerscharf den Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat auf die Schippe nimmt, nicht gerecht. Verharrt auf dem sexuellen Erwachen des sozial wie emotional verkümmerten Antihelden. Lässt Thomas C. Zinke, der so spielfreudig als Uhltzscht über die Bühne mäandert, von Geschlechtsteil-Größenvergleichen und »vögelnden Erziehungsberechtigten« schwatzen.

Derart oversexed und fäkalsprachgeschwängert geraten tiefgründigere Facetten der so genialen wie grotesken Gegengeschichte zur historischen Realität ins Hintertreffen. Schade. Hätte Hasselhoff doch nur früher gesungen.

Hintergrund: Der Autor Thomas Brussig

Thomas Brussig, 1964 in Ost-Berlin geboren, feierte seinen Durchbruch als Schriftsteller 1995 mit der Wendesatire »Helden wie wir«. 1999 veröffentlichte er die Erzählung »Am kürzeren Ende der Sonnenallee«, welche noch im selben Jahr von Leander Haußmann verfilmt wurde. Im neuen Jahrtausend folgten mehrere Erzählungen und Romane, unter anderem das 2004 erschienene Wendepanorama »Wie es leuchtet«. Des Weiteren schrieb Brussig das Drehbuch zu Haußmanns Filmkomödie »NVA« sowie in Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg und Ulrich Waller das Buch zum Ost-West-Musical »Hinterm Horizont«. Brussigs Werke, in denen er mehrfach satirisch das Geschehen in der ehemaligen DDR verarbeitet, haben sowohl auf dem Papier als auch in ihren filmischen Umsetzungen ein Millionenpublikum erreicht und wurden in bislang 28 Sprachen übersetzt. ()

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