Physikalische Kräfte und Erdverbundenheit

Ausstellung:»Farbe im Stein - Schwingungen im Metall« - Helmut Dirnaichner und Martin Willing« im Museum im Kulturspeicher Würzburg

WÜRZBURG
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Erinnerung an die Maya: »Uxmal« von Helmut Dirnaicher im Kulturspeicher Würzburg. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider
Küh­l­es Me­tall und erd­ver­bun­de­ne Far­ben: So rich­tig viel ge­mein ha­ben die or­ga­nisch wir­ken­den Skulp­tu­ren des Bild­hau­ers Mar­tin Wil­ling und die Wer­ke des Ma­lers Hel­mut Dir­naich­ner nicht, der in auf­wen­di­gen Ar­beit­s­pro­zes­sen Er­den und Stei­nen Pig­men­te ent­lockt. Und doch steht hin­ter ih­ren Ar­bei­ten ein ge­mein­sa­mer Ge­dan­ke:

Beiden Künstlern geht es weniger um die Abbildung an sich, sondern um die direkte Wirkung ihrer Werke.

Willing arbeitet mit Spannung gegen die Schwerkraft - und erst, wenn seine Objekte nach leichter Berührung zu wogen, wanken oder wabern beginnen, beginnt man sie als Ausstellungsbesucher in ihrer ganzen Dimension zu begreifen. Die Dynamik in Dirnaichners Werken ist verhaltener, doch ebenso da: Je nach Lichteinfall verändern sich durch das Kristalline der verarbeiteten Steine Farben und Glanz. Einige der Papierarbeiten hängen zudem frei im Raum, ein Lufthauch lässt sie tanzen. Und: Die Werke beider Künstler entstehen in extrem aufwendigen Prozessen, die viel, viel Geduld sowie handwerklichen Einsatz erfordern.

Formen im Dialog

»Farbe im Stein - Schwingungen im Metall. Helmut Dirnaichner und Martin Willing« ist die Sonderausstellung betitelt, die bis zum 28. Juli im Museum im Kulturspeicher in Würzburg zu sehen ist. Erstmals stellen die beiden Künstler gemeinsam aus. Gut gelungen: die Gegenüberstellung einzelner Werke, die kontrastreich nebeneinander stehen und doch vor allem durch ihre Formen miteinander in Dialog treten. Willings »Kugel« aus Titan etwa die mit Dirnaichners »Feuerstelle« zu sprechen scheint - einem geschöpften, grauschwarzen Papieroval. Erst beim genaueren Blick sieht man, wie viel Materie neben den maximal 20 Prozent Zellulose im Werk stecken.

Dann wird auch deutlich, dass die Arbeitsweise des Künstlers aus Kolbermoor, der heute in München, Mailand und Apulien lebt, wenig zu tun hat mit einem klassischen Malvorgang. Denn Dirnaichner kauft keine herkömmlichen Farben im Handeln, sondern reist nach Mexiko, Spanien oder Apulien zum Beispiel und sucht dort nach Erden, Asche, Sumpf und Steinen. Mit einer Steinmühle entlockt er Mineralien farbige Substanzen und siebt aus Erden oder Schlamm feinste Partikel. Mit Zellulose verarbeitet schöpft er dann seine zum Teil riesigen Arbeiten.

Inspiration für seine an sich ganz eigenen gegenstandslosen Formen zieht er nicht selten aus kulturgeschichtlichen Ideen. Das Werk »Uxmal« etwa lehnt sich an die gleichnamige Ruinenstätte der Maya auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán an. Die Idee einer Rundpyramide hat Dirnaichner aufgegriffen, sein aus farbigen Elementen zusammengesetzter Kreis steht für Vollkommenheit, Zeit und Unendlichkeit. In seiner Serie »affresci« setzt er sich mit der jahrhundertealten Technik der Freskomalerei auseinander sowie mit dem mineralischen Pigment Lapislazuli, das in der italienischen Frührenaissance herausragende Bedeutung gewann. Dirnaichners zwölfteiliges Objekt »La Ballerina« - bestehend aus Flusskiesel, Lapislazuli, Malachit, Kobalt, Azurit, Auripigment, Zinnober, Verdit, Caput mortuum, gebranntem Elfenbein und Zellulose - lehnt sich in kreisender Dynamik an das berühmte Henri-Matisse-Gemälde »Der Tanz« an, das heute im Museum of Modern Art in New York ausgestellt ist.

Physik- und Kunststudium

Das Werk des Kölner Bildhauers Martin Willing prägen verschiedene Lebensstationen. Sein Vater hatte eine Fahrradwerkstatt und so war er schon als Kind vertraut mit Mechanik und Metall, auch wenn er zu Schulzeiten zunächst malte. Dann folgten ein Physik- und ein Kunststudium. Metall, Bewegung, die Erforschung der Eigenschaften verschiedener Werkstoffe und Grenzerkundungen des physikalisch Möglichen: All das macht heute Willings künstlerisches Schaffen aus. Sichtbar machen möchte er, welche physikalischen Kräfte im Material und welche Schwingungseigenschaften in verschiedenen geometrischen Formen stecken. Deshalb sind sämtliche Werke beweglich, sichtbare Schwingung, ein Zittern und Tanzen entsteht durch leichte Berührung. Zwar dürfen die Ausstellungsbesucher im Kulturspeicher nicht selbst Hand anlegen, das Museumspersonal aber hat die Erlaubnis. Keine der Skulpturen ist kompakt, vielmehr winden sie sich in Spiralen, sind geschichtet gebogen. Das erlaubt bei sämtlichen Objekten ein Erkunden bis ins Innerste.

Als Willing seine zunächst so statische »Dreibandscheibe« aus Titan in Bewegung setzt, kommt man kaum umhin, an wabernde Lavablasen zu denken. Weshalb sein mehr als neun Meter langer »Sinus-Stab, horizontal auf Vertikale« in Balance bleibt, fragt man sich, als dieser raumgreifend in Zeitlupenwellen schwingt. Als Kinetiker sieht sich Willing übrigens nicht, auch wenn Bewegung eine so zentrale Rolle in seinem Werk spielt. »Ich konnte Kunst und Physik miteinander verbinden. (?) Ich lernte, dass ein konkretes Werk eine Dimension hat. Ich verstand, dass Kunst nicht nur abbilden muss, sie kann auch konkret sein«, lauten seine Worte im Ausstellungskatalog.

Hintergrund: Informationen zur Ausstellung im Kulturspeicher Würzburg

Die Ausstellung »Farbe im Stein - Schwingungen im Metall. Helmut Dirnaichner und Martin Willing« ist im Museum im Kulturspeicher am Oskar-Laredo-Platz in Würzburg bis zum 27. Juli 2019 zu sehen.

Geöffnet ist das Museum Dienstag, 13 bis 18 Uhr, Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr, sowie Donnerstag bis 19 Uhr. Öffentliche Führungen finden jeden Sonntag um 11.15 Uhr statt.

Ein Künstlergespräch ist geplant am 3. Juli um 18.30 Uhr.

Zur Ausstellung ist ein 143-seitiger Katalog im Wienand Verlag erschienen. (mic)

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