"Liebesgeschichte in äußerst bewegten Zeiten"

Heinz Kirchner Der Aschaffenburger Regisseur inszeniert zum dritten Mal ein Theaterstück zum Dichter Julius Maria Becker - Uraufführung im März

Aschaffenburg
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Einer der wenigen, die sich noch für den Aschaffenburger Dichter Julius Maria Becker interessieren: Autor und Regisseur Heinz Kirchner. Im März führt sein Abart-Theater das Becker-Stück "Dalbergtauben" erstmals auf. Kirchner hat es selbst verfasst.
Foto: Stefan Gregor
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Stätte der Erinnerung: Das Becker-Zimmer im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg.
Foto: Victoria Schilde
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Dichter ohne Nachwelt: Julius Maria Becker.
Foto: privat
Wer war Julius Maria Becker? Vor 60 Jahren ist der Lehrer und Dichter in Aschaffenburg gestorben. Kaum einer kennt ihn heute noch. Zu Recht? Heinz Kirchner ist eine Ausnahme
Im März hat Ihr Becker-Stück "Dalbergtauben" Premiere. Dessen 60. Todestag war aber schon im Juli. Die "Dalbergtauben" sollten zum Todestag aufgeführt werden, aber das war zeitlich nicht machbar. Es ist Ihr drittes Becker-Stück. Warum interessieren Sie sich so für ihn? Ich kam um das Jahr 2000 über Kulturamtsleiter Burkhart Fleckenstein in Kontakt mit Gerrit Walther, dem Becker-Biografen und Autor einer Theater-Festschrift, in der etwas über Becker stand. Das hat mich interessiert. Walther hat mir sein Buch zugeschickt, und auch Beckers Theaterstück "Der Brückengeist". Dessen Geschichte hat mich vor allen Dingen fasziniert, weil es in ganz Theater-Deutschland für Aufsehen gesorgt hatte. Ich dachte mir, dass an dem Stück ja was dran sein muss, wenn es so erfolgreich war. Ich habe es dann bearbeitet, gekürzt und mit einem Prolog versehen, in dem Becker vorgestellt wird. Das Stück wurde damals im neu gegründeten Erthal-Theater im Jahr 2002 aufgeführt. Ich fand die Recherche spannend, weil damals erstmals der "Nazi-Becker" aufgetaucht ist. Ich hatte ein Gespräch mit der damaligen Leiterin der Museen, Ingrid Jenderko-Sichelschmidt. Sie fragte, warum ich mich ausgerechnet mit diesem "Nazi- Becker" beschäftigen müsste. Das hatte mich schon etwas erschüttert. So wird er ja heute noch gesehen, vor allem von Leuten, die sich nicht mit ihm beschäftigen. Natürlich muss man sich fragen, ob man sich überhaupt mit ihm beschäftigen muss.

Und warum sollte man es? Wenn jemand mal einen Rekord aufgestellt hat und dafür gelobt wurde, dafür bekannt geblieben ist, dann kann man nicht sagen, dieser Rekord sei nichts mehr wert, sobald jemand einen neuen Rekord aufstellt. Ich sehe es historisch. Für mich war Becker eine Person der Stadt Aschaffenburg, die eine Zeit lang weit über deren Grenzen hinaus bekannt war und danach völlig in der Versenkung verschwunden ist. Das hat mich interessiert. Und dann die Nazi-Sache, die fand ich auch hochinteressant. Es hat nichts mit Becker als Literat zu tun. Aber viel mit ihm als gebrochener Person. In den "Dalbergtauben" entwickelt sich Becker vom euphorischen zum verbitterten Mann. Ist das der Bogen seines Lebens? Das ist es. Er ist am Ende der Enttäuschte, der Vernichtete. Deswegen ist es reizvoll, im Stück mit seinem Ende anzufangen. Es ist ja immer die Frage, wie ich ein Leben im Theater darstelle. Ich konfrontiere also zum Beispiel die junge Luise (Anm.d.Red.: Luise war Beckers Frau) mit der alten Luise. Der Zuschauer muss das natürlich mitmachen und am Ball bleiben. Er war vom Wesen her kein Nazi-Typ und kein Aktivist, der über Leichen geht. Heinz Kirchner, Autor der "Dalbergtauben" Ich wollte reduzieren. Ein Ziel war für mich auch, möglichst wenig Personal einzusetzen. Deshalb die Reduktion auf vier Personen - eigentlich nur zwei, Becker und Luise, in unterschiedlichen Altersphasen.

Sind die Tauben ein Symbol der Freiheit? Solche Assoziationen kommen einem oft erst später in den Sinn. Plötzlich stößt einen jemand auf die Bedeutung. In meinem Stück "Burkersdorph" ist das Lied "La Paloma - Die weiße Taube" ein Anstoß für die ersehnte Freiheit. Vielleicht ist es bei den "Dalbergtauben" ähnlich. Ich finde das Wort reizvoll, es hat einen Klang. Den Dalberg kennt man. Und ich will ja auch die Leute hier vor Ort ansprechen. Heute spielt Becker in der Literaturgeschichte überhaupt keine Rolle mehr. Natürlich, ganz klar. Als Literat ist er zweit- und drittrangig. Und er hat er einen zweifelhaften Ruf. Seine Nazi-Vergangenheit, die Sie schon angesprochen haben, spielt eine wichtige Rolle in den "Dalbergtauben". Es war ein gewichtiger Aspekt seines Lebens, aber nur einer. Er hat sich ja später distanziert, aber es bleibt an ihm haften. Dabei kann niemand heute sagen, wie er sich damals verhalten hätte. Vor allem, wenn man sich - wie Becker - von den Herrschenden erhoffte, den eigenen Weg zu ebnen. Dann ist die Versuchung äußerst groß zu sagen: Ich suche mir bei den Nazis aus, was mir gefällt, und alles andere blende ich aus. Begeistert war er ja anfangs schon. Der Becker ist mit fliegenden Fahnen in den Ersten Weltkrieg gezogen, wurde verwundet und kam total desillusioniert zurück. Er war vom Wesen her kein Nazi-Typ und kein Aktivist, der über Leichen geht. War er ein Mitläufer? Er war der Opportunist, der sich Vorteile erhofft hat von den Nazis. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie ihn für - um es im heutigen Jargon zu sagen - ein Weichei gehalten haben. Also hat Becker sich geirrt.

Ja. Er hat sich eben für ungeheuer bedeutend gehalten und hat gehofft, dass nun diejenigen kommen, die ihn entdecken. Und dem war nicht so. Wäre es umgekehrt gewesen, würde ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Becker sich anders entwickelt hätte. Sie selbst positionieren sich in den "Dalbergtauben" nicht zu seiner Nazi-Vergangenheit. Ich hatte ursprünglich überlegt, das Thema Becker als Nazi in den Vordergrund zu schieben. Aber es wäre nicht fair, ihn nur darauf zuzuspitzen. Ich kann aus Becker keinen Bilderbuch-Nazi machen, weil er keiner war. Für mich ist dieses Stück eine Liebesgeschichte zwischen ihm und Luise in äußerst bewegten Zeiten. Ich wollte die Nazi-Zeit bewusst nicht überbetonen. Da macht man es sich zu leicht. Aber im Ensemble kam auch die Kritik, dass ich ihn zu positiv darstelle. Ich meinte nicht, dass Sie ihn zu positiv darstellen, sondern weder positiv noch negativ. Ja, okay. Dann überlasse ich das dem Publikum. Es darf sich seine eigene Meinung bilden. Der Zuschauer soll also ein neues Becker-Bild bekommen? Vielleicht. Man muss ja dazu sagen, dass die allermeisten Becker nicht oder nicht mehr kennen. Was sein Werk angeht, hielt Becker sich nicht nur für bedeutend, wie Sie sagten, sondern für verkannt. Und? War er das? Nein. Zu Lebzeiten tun das ja viele. Wenn man sich aber die Literaturszene von heute anschaut oder die Theaterszene, dann stellt man fest, dass ein Erfolgsstück von 1998 im Jahr 2009 überhaupt nicht mehr auf dem Spielplan steht. Es kann wieder auftauchen. Aber Becker als jemand, dessen Zeit noch kommen wird, ist eine Illusion.

Er hat sich überschätzt. Er dachte, dass er mit einer Art "Faust III" auftrumpft und alle an die Wand spielt.

Als neidischen Menschen stellen Sie ihn in Ihrem Stück aber bei so viel Misserfolg auch nicht dar. Das kann ich auch nicht durch meine Recherchen bestätigen. Neid spielt in diesem Business natürlich immer eine Rolle. Ich habe vor einiger Zeit mit der jüngeren Schwester seiner Frau gesprochen, die Becker als Kind und junge Erwachsene miterlebt hat. Sie sagt, er sei ein Mensch gewesen, der zu gut war für diese Welt. Er sei unpragmatisch und weit weg von der Welt gewesen. Er war ein Träumer, hat sich gerühmt, als erster Aschaffenburger in einem Lexikon zu stehen. Der Eintrag stammte aber von ihm selbst. Ist auch seine Lyrik, die ja auch in den "Dalbergtauben" ihren Widerhall findet, Ihrer Meinung nach unbedeutend? In der Lyrik war Becker an seinem großen Vorbild Goethe ausgerichtet. Alles in seiner Lyrik hat sich an der Klassik und Romantik orientiert, weil er Zeitgenossen wie Brecht, Rilke und Trakl gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Er war seiner Zeit immer hinterher. Es gibt einige schöne, berührende Gedichte, da zählt die Qualität und die Fähigkeit, mit Worten eine Emotion zu fassen. Ich kann aus Becker keinen Bilderbuch-Nazi machen, weil er keiner war. Heinz Kirchner, Autor der "Dalbergtauben" Im Stück gibt es einige Gedichte von Becker, die vertont worden sind und vorgetragen werden. Diese Texte haben Bestand, die kann man noch präsentieren.

Außerdem gibt es den Becker-Fond, der Auflagen an Becker-Stücke stellt. Es sind Dinge eingearbeitet als Zugeständnis an die Erben und den Fond.

Hätte es die "Dalbergtauben" ohne den Fond gegeben? Wahrscheinlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Als ich den "Brückengeist" gemacht habe, wusste ich von dem Fond nichts. Den folgenden Becker-Lyrikabend und jetzt auch die "Dalbergtauben" aber hätte ich ohne diesen Hintergrund und den Anstoß von Herrn Fleckenstein, ob ich nicht nochmals etwas machen wolle zu Becker, nicht gemacht. Seine Frau Luise ist die zweite wichtige Person in den "Dalbergtauben". Luise Becker war ein praktisch veranlagter Mensch, der von der Kunstwelt sehr wenig mitgekriegt hat. Becker war aber für sie wichtig als Repräsentant einer Welt, in die sie hineinwollte. Sie hat das Dandytum, also wie Becker sich ausstaffiert hat, kultiviert. Ihm war das piepegal. Also ließ er sich lenken von ihr? Ich denke, er war ein leicht lenkbarer, gutmütiger Mensch, der die wesentlich jüngere Luise auf Knien verehrt hat. Man muss aber auch sagen, dass sie sich um sein literarisches Werk gekümmert hat und Sachen aus dem Papierkorb geholt hat, die er weggeworfen hatte. Wird es ein viertes Becker-Stück geben? Höchstwahrscheinlich nicht. Es sei denn, es gibt neue historische Erkenntnisse.

"Dalbergtauben" von Heinz Kirchner vom 18. bis 20. März 2010 jeweils um 20.30 Uhr, Karten an der Theaterkasse unter Tel. 0 60 21 / 2 70 78, ab 13 Uhr
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