Lasst die Musik für sich sprechen

Konzert: Die US-Band Wilco stellt in der Alten Oper Frankfurt ihre neue Platte vor

FRANKFURT
2 Min.

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»Cru­el Co­un­try« - als LP-Ti­tel nicht ge­ra­de ei­ne Ein­la­dung in die laue Som­mer­fri­sche. Den­noch be­nann­te Band­chef, Kom­po­nist und Tex­ter Jeff Twee­dy das 12. Stu­dio­werk sei­ner For­ma­ti­on Wil­co so.

»I love my country like a little boy Red, white, and blue / I love my country, stupid and cruel Red, white, and blue«, textet Tweedy im Titelsong und meint damit sein Heimatland USA.

Doch der subversive Inhalt ließe sich auf jedes x-beliebige Land rund um den Globus der Gegenwart beziehen. Scheint doch die Welt täglich mehr aus den Fugen zu geraten: Krieg, Attentate, Massaker, Vergewaltigungen, Morde - die Liste an längst zum Alltag gewordenen Ausnahmezustand lässt sich weiter fortführen. Was Hoffnung signalisiert: Nicht alle 21 Songs des Doppelalbums beinhalten Kontroverses, Sinistres und Makabres.

Zweistündige Stippvisite

Exakt eine Ode mehr umfasst das Repertoire bei der zweistündigen Stippvisite in der Frankfurter Alten Oper, eines von nur zwei Konzerten in Deutschland der 1994 in Chicago aus der Taufe gehobenen Formation. Optimal ausgelastet ist die Halle nicht, als Wilco mit flotter Power-Pop-Ode »A Shot In The Arm« von LP »Summerteeth« (1999), zumal ein Songdebüt auf der gegenwärtigen Tour, den Startschuss geben. Aber die eingefundene Besucherschar setzt sich nahezu ausnahmslos aus treu eingeschworenen Wilco-Fans zusammen. Viele Anwesende können die Songtexte in- und auswendig, wie sich an den exakten Lippenbewegungen ablesen lässt, und dürften wohl schon bei Tweedys stilistisch ähnlicher Vorgängertruppe Uncle Tupelo aufmerksame Zuhörer gewesen sein.

Eigentümlich ausgelassen

Jedenfalls herrscht von der ersten Sekunde an eine eigentümlich ausgelassene Stimmung, frei nach dem Mantra Heute-zelebriert-der-Club-der-Eingeweihten-das-rare-Wiedersehen-mit-seiner-favorisierten-Band. Nach nahezu jedem Song, den Wilco offerieren, hält es die rundweg enthusiastisch gestimmte Fangemeinde nicht mehr auf ihren Sitzplätzen - sie springt auf, spendet stürmischen Applaus und ruft überschwänglich Komplimente in Richtung Bühne. Jeff Tweedy, seit 1984 als Künstler aktiv, kontert die intensive Fanverehrung irgendwann später, mitten im Konzert, mit augenzwinkernder Ironie: »I expect a compliment by each one of you«, lässt er wissen. Von allzu intensiven Schmeicheleien zeigte sich der 54 Jahre alte Musiker noch nie angetan. Dennoch begegnet er der fast schon religiösen Anbeterei auf höfliche Art und Weise. Geplauder und Geplänkel zwischen den Songs sind ohnehin nicht sein Ding.

Lebenslang hielt sich Tweedy an das Credo: »Let The Music Do The Talking«. Abgesehen davon, dass Tweedy mit seinen E- und Akustikgitarren samt Mikrofon sich zur Bühnenmitte platziert, präsentieren sich die mit Nels Cline (Gitarre, Lap Steel), John Stirratt (Bass, Gitarre, Keyboards, Harmoniegesang), Glenn Kotche (Schlagzeug), Mikael Jorgensen (Keyboards, Synthesizer, Piano) sowie Pat Sansone (Keyboards, Gitarre, Banjo) komplettierten Wilco als kohärente Bandeinheit. Auf dem Programm stehen immerhin zehn neue Songs aus »Cruel Country« (2021) - den Rest bilden Klassiker wie »Handshake Drugs«, »Impossible Germany«, »I Am Trying To Break Your Heart« oder »At Least That's What You Said« aus der 28-jährigen Karriere. Wobei Wilco ohnehin auf Tournee jeden Abend eine etwas andere Setlist kredenzen - sonst wird so eine Gastspielreise ja rasch zur langweiligen Routine.

In virtuoser Konzentration funktionieren Wilco. Dennoch ragt nach Tweedy noch ein zweiter aus dem Bandkontext heraus: Gitarrist Nels Cline liefert nicht nur punktgenaue Solis und rhythmisch Edles, vor allem sticht sein über die Dekaden entwickelter ureigener Gitarrenstil hervor. Bis zum finalen »The Late Greats« halten Wilco das Spannungspotenzial. Jeff Tweedy hebt noch einmal seinen Hut, verspricht hoch und heilig, dass Wilco sich bald wieder auf hiesigen Bühnen blicken lassen werden.

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