Montag, 18.03.2019

Wo bleibt die Moral?

von Bettina Kneller

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Marktheidenfeld, Kulturzentrum Franck-Haus: Main-Echo - Redakteurin Bettina Kneller. Foto: Stefan Gregor 06.02.2019
Foto: Stefan Gregor

D ie Auf­re­gung in der Kunst­welt ist groß. 2017 hat­te Fran­k­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Macron ei­ne De­bat­te an­ge­sto­ßen und die Rück­ga­be afri­ka­ni­scher Ko­lo­nial­kunst an die Her­kunfts­län­der ge­for­dert - und die Sze­ne in tie­fe Ver­wir­rung ge­stürzt. In­zwi­schen ste­hen da­durch auch deut­sche Mu­se­en un­ter Zug­zwang.

Museumsvertreter, Galeristen, Kunsthändler sind seitdem auf den Barrikaden. Wie beispielsweise der Pariser Galerist Anthony Meyer. Er stellt gerade auf der Maastrichter Kunstmesse Tefaf aus: Stammeskunst, Masken, Ritualobjekte aus Afrika. Er versteht nicht, warum die Franzosen Kunst an afrikanische Völker zurückgeben sollen. »Die Kolonialzeit zu kriminalisieren, ist absurd«, sagt der Mann. Die Werke seien nach den Maßstäben der damaligen Zeit rechtmäßig erworben worden. »Nur sehr wenige Werke wurden tatsächlich gestohlen oder unter Zwang erworben.« Kolonialismus, so seine Überzeugung, habe es immer gegeben.

Nicht genug Museen

Auch gebe es in Afrika gar nicht genug Museen, die all die Werke aus Frankreich aufnehmen könnten, gibt er ebenfalls zu bedenken. Und wenn man einmal damit anfange, Kunst zurückzugeben, wo solle das enden? »Es würde bedeuten, die Büchse der Pandora zu öffnen«, sagt er.

Ja, dann natürlich lieber alles so lassen wie es ist. Und die Büchse lieber fest geschlossen lassen. Bloß nicht, dass da noch jemand auf Einfälle kommt. Dann käme möglicherweise noch jemand auf die Idee, die Nofretete aus Berlin zurück nach Tell el-Amarna in Ägypten zu bringen - woher sie ursprünglich stammt. Und von wo sie von dem Archäologen Ludwig Borchardt im Januar 1913 mit Genehmigung der ägyptischen Altertümerverwaltung nach Deutschland gebracht wurde.

Aber jetzt haben wir nun mal 2019 - und über 100 Jahre später haben sich die Zeiten geändert. Die Erde hat sich weitergedreht. Und damit auch das Bewusstsein und die Sensibilität, mit solchen Dingen umzugehen.

Unzweifelhaft ein Konsens

Unrecht wird nicht automatisch zu Recht, nur weil jemand die Augen vor dem Recht verschließt. Das hat beispielsweise die katholische Kirche viel zu lange gemacht in Bezug auf den sexuellen Missbrauch, der in ihren Reihen jahrzehntelang einfach so stattfand und geduldet wurde. Und dass das nicht gut war: Darüber besteht ja wohl unzweifelhaft ein Konsens.

Und so sollte man auch überlegen, ob man die Rückforderungen aus den Ursprungsländern einfach so als unsinnig abtut oder ob man sie ernst nimmt. Es ist schließlich eine Frage der Ehre - und keine des Zwangs oder der Kasteiung. Und egal, was mit den zurückgegebenen Werken in ihrer Heimat passiert: Das kann keine Richtschnur sein für das weitere Vorenthalten von Kulturgut, das einem vielleicht rechtlich, aber ganz sicher nicht moralisch gesehen gehört.

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