Mittwoch, 20.03.2019

Menschen ohne Allüren

Ausstellung:»Weit weg von Brüssel« mit Porträts von EU-Bürgern in Frankfurt

FRANKFURT
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Ju­rek sieht auf den ers­ten Blick gar nicht aus wie ein Wald­ar­bei­ter. Wer ge­nau­er hin­sieht, ent­deckt den von der schwe­ren Ar­beit ge­beug­ten, seh­ni­gen Kör­per, die ver­krüp­pel­te lin­ke Hand und ein Ge­sicht, das Ent­beh­run­gen kennt.

Der 60-jährige Jurek arbeitet seit 27 Jahren als Köhler in den Waldkarpaten, einem Gebirgszug im südöstlichen Polen.

Wenn er wieder Holzkohle produziert, bleibt er für Monate im Wald. Allein und nur in Gesellschaft wilder Bären. Keine Ablenkungen, keine Freunde, nur harte Arbeit und die raue Wildnis. Und Gasflaschen, mit denen er immerhin abends so viel Licht hat, dass er lesen kann.

Eindrucksvolles Bildnis

Es ist ein starkes Porträt. Ein eindrucksvolles Bildnis eines ungewöhnlichen Mannes. Gemacht hat es der Fotograf Stefan Enders. In der Schau »Weit weg von Brüssel« im Frankfurter Museum für Kommunikation hängt es neben vielen anderen und erzählt von Menschen in der Europäischen Union. Nicht von den glanzvollen, den berühmten, jenen im Rampenlicht, sondern von ganz normalen Menschen ohne Allüren und Glamour. Diejenigen, die jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen wie Jurek oder der Fabrikarbeiter. Aber auch diejenigen wie der arbeitslose Stefan aus Bulgarien, dessen Familie in einem völlig verschimmelten Haus leben muss und der seine Kinder nicht zum Arzt schicken kann, weil er ihn nicht bezahlen kann. Auch die am Rande von Gesellschaften Stehenden interessierten den Professor für Fotografie von der Hochschule Mainz.

Auf seiner siebenmonatigen Reise von Schottland über Portugal bis zum äußersten Nordosten Skandinaviens hat der in Köln lebende Enders über 200 Porträts an den Außengrenzen der EU aufgenommen. Er zollt darin allen den gleichen Respekt: Armen wie Reichen, Alten wie Jungen, Lauten wie Leisen.

Nüchtern dokumentiert

Nüchtern dokumentiert er, hält fest, bewertet nicht, sondern zeigt, demonstriert und präsentiert. Und entdeckt dabei Menschen, die in ihrer Existenz berühren. Weil er sie in Momenten aufnimmt, in denen sie ganz bei sich sind, ganz sie selbst sind. Und plötzlich begreift man den Hintergedanken von Enders: Er beschwört mit seinen Porträts in »Weit weg von Brüssel« eine Einheit, ein universelles Gefühl. Ob das nun in Bulgarien ist oder in Dänemark.

Informationen zur Schau

»Weit weg von Brüssel«: Bis 10. März im Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53; geöffnet Dienstag bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag 11 bis 19 Uhr; »Stirbt 2019 das Internet? Die Europa-Wahl und das Urheberrecht«, Dienstag, 26. Februar, 18.30 Uhr; Aktionstag Europamit pulse of europe, Sonntag, 10. März, ab 11 Uhr; Führungen am 21. Februar und 7. März, jeweils 17 Uhr.

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