Freitag, 22.02.2019

»Einer muss immer sein letzte Arsch...«

Kleinkunst:Thilo Seibel zelebriert in Obernburger Kochsmühle politisches Kabarett mit Unterhaltungsfaktor

Obernburg
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Nicht ganz dicht? Thilo Seibel als Patient in einer Psychoklinik. Foto: Heinz Linduschka
Foto: Heinz Linduschka

Für 90 Mi­nu­ten ver­wan­del­te sich am Frei­ta­g­a­bend die Obern­bur­ger Kochs­müh­le in die ge­sch­los­se­ne Ab­tei­lung ei­ner psy­ch­ia­tri­schen An­stalt.

Thilo Seibel, 1967 in München geboren, als eine Hälfte des Kabarettduos »Seibel & Wohlenberg« vielfach ausgezeichnet, lebt seit einigen Jahren in Köln und tourt seit fünf Jahren als politischer Kabarettist über die Kleinkunstbühnen.

Im Soloprogramm »Wenn schon falsch, dann auch richtig« ist er im Bademantel zunächst »Insasse« der Klinik, der wegen eines Blaubeerkuchenattentats auf einen Politiker eingeliefert wurde, verwandelt sich dann mit Hilfe einer roten Trainingsjacke in seinen Mitpatienten, den ukrainischen Schlachthofarbeiter Yegor, der immer wieder mal kluge Sentenzen radebrecht wie »Einer muss immer sein letzte Arsch, sonst funktioniert nicht System!«

Mehrere Rollen

Seibel zelebriert in mehreren Rollen, zuletzt auch als Psychiater, der über die Entlassung der Patienten entscheidet, politisches Kabarett, wie es in der grassierenden Comedywelle immer seltener geworden ist. Der gelernte Diplomkaufmann kennt die wirtschaftlichen Zusammenhänge und legt sie in einer Mischung aus Klarsicht und unterhaltsamem Beiwerk immer wieder offen - jedenfalls für diejenigen im Publikum, die genügend Aufmerksamkeit und Interesse aufbringen.

Yegor, der sich vom Ukrainer in einen Polen verwandelt hat, um einen Job im Schlachthaus im Osten der Republik zu bekommen. Und hier gibt es eine klare Hierarchie mit Shooter, Stecher und Motorsäger als »Elite«. Und Yegor weiß, wovon er spricht, wenn er gegen Fleischmogul und Schalke-Boss Clemens Tönnies ätzt, »Insasse« Seibel prägt die sarkastische Formel von »Mauern, Grenzen und Zäunen« als Handlungsmotto Europas und trägt die Liste von »Hilfsgütern« wie »Waffen, Elektrozäunen und Scanner« als Highlights der deutschen und europäischen Entwicklungspolitik im witzigen Parlandoton mit eingestreuten Wutausbrüchen so vor, dass man ahnt, es sind nicht unbedingt die Insassen der Klinik, die nicht ganz dicht sind.

Wie der 51-Jährige »Globalisierung« und »Globulisierung« definiert und damit unsere Zeit und unsere Gesellschaft ironisch charakterisiert, sein Vorschlag, doch einfach »unfair gehandelte Produkte« zu kennzeichnen, sein Spott über den »Scheuer Andy«, dieses »Hakle feucht auf zwei Beinen« und über Eltern mit SUV-Kampfpanzern vor Grundschulen klingt im aktuellen Soloprogramm nie so ernst, wie es gemeint ist, und man darf rätseln, ob Seibel sich damit vor dem moralischen Zeigefinger hüten oder einfach so viel Unterhaltung bieten will, dass es für die Zuhörer attraktiv bleibt. Thilo Seibel ist ein hellsichtiger, analytischer politischer Kabarettist, aber manchmal hat man den Eindruck, dass er das nicht so deutlich zeigen will und lieber auf lockeres Rollenspiel und witzige Pointen setzt. Das geht oft gut, funktioniert aber nicht immer: Wenn er in die Rolle von Columbo schlüpft und über die Straftaten räsoniert, die man mit dem Kauf eines T-Shirts für 6,99 Euro begeht, dann läuft sich das schnell tot.

Im lockeren Parlandoton

Wie er dagegen in der Passage über die Khartoum-Erklärung die Unmenschlichkeit der europäischen Asylpolitik entlarvt und anschaulich vorführt, wie Europa mit Freihandelsabkommen nicht nur in Ghana gewachsene Strukturen zerstört und arme Länder in Abhängigkeiten treibt und hält, das ist für alle, die es hören wollen, höchst eindrucksvoll - auch im lockeren Parlandoton. Diese Einsichten könnten Wutausbrüche hervorrufen - und das nicht nur bei Insassen geschlossener Anstalten.

Thilo Seibel bietet politisches Kabarett mit Anspruch, auch wenn er noch seinen ganz eigenen Tonfall und Stil finden muss und sich manchmal im Gewirr der weltweiten Probleme und Themen ein bisschen verläuft. Die wenigen Besucher, die am Freitag in die Kochsmühle gekommen waren, waren am Ende des Programms »Wenn schon falsch, dann auch richtig« jedenfalls beeindruckt - und Seibel weiß vermutlich, dass man mit politischem Kabarett dieser Art nicht auf proppenvolle Säle hoffen darf.

bThilo Seibel gastiert mit »Wenn schon falsch...« am Donnerstag, 7. März, in der Frankfurter Käs.

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