Freitag, 22.02.2019

Schönheit inmitten von Chaos

Ausstellung:»Flächenbrand Expressionismus« im Aschaffenburger Kirchnerhaus zeigt 70 Holzschnitte aus der Sammlung Joseph Hierling

Aschaffenburg
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Expressionismus auf dem Weg in die Abstraktion: Wassily Kandinskys »Zwei Reiter vor Ort« von 1911. Der Holzschnitt ist im Kirchnerhaus zu sehen. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Einsame Menschen in düsterer Szenerie: Joachim Rágóczy fertigte den Holzschnitt »Rote Kirche am Friedhof« 1929. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor

Es brennt: ein dun­k­les Haus in der Nacht, aber die Fens­ter sind hell er­leuch­tet. Flam­men und Rauch qu­el­len aus den Öff­nun­gen. Ei­ne Lei­ter ist an die Haus­wand ge­lehnt, dar­auf klet­tert ein Mann und ver­sucht of­fen­bar sich oder Per­so­nen aus dem Haus zu ret­ten. Pa­nisch flieht auch ein Pferd vor dem Feu­er.

»Brennendes Haus« von Maria Uhden aus dem Jahr 1918 ist eines von gut 70 eindrucksvollen Blättern in der Schau »Flächenbrand Expressionismus« im Aschaffenburger Kirchnerhaus. Und es steht stellvertretend für viele andere Holzschnitte in der sehenswerten Ausstellung. Weil es die Gestaltungsprinzipien des Expressionismus so ungeheuer eindringlich verdeutlicht.

Das strenge Schwarz-Weiß, die reduzierten Formen, der unmittelbare Ausdruck von Gefühlen. 1918 entstanden, birgt die Grafik auch eine tiefe Symbolik in sich: Der Erste Weltkrieg ist vorbei, viele Menschen fühlen sich entwurzelt, sind traumatisiert und heimatlos - ähnlich jenen Menschen, die durch einen Brand Hab und Gut verloren haben.

Heute in Vergessenheit geraten

Die Schau, die Brigitte Schad aus dem Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm nach Aschaffenburg geholt hat und die dort in größerem Umfang zu sehen war, zeigt, wie viele Künstler aus dieser Zeit heute vergessen sind. Unverschuldet, wie man auch an Uhdens Werk sieht, denn von der Qualität her steht es dem von expressionistischen Künstlerkollegen wie Ernst Ludwig Kirchner oder auch Wassily Kandinsky in kaum etwas nach. Die in Aschaffenburg gezeigten Werke stammen aus der Sammlung des Münchner Sammlers Joseph Hierling. Seit 2009 wird Hierlings Bestand in der Schweinfurter Kunsthalle gezeigt. Wer durch den Raum im Kirchnerhaus geht, bekommt einen umfassenden und doch kompakten Eindruck, was Expressionismus bedeutet. Welche Themen den Künstlern wichtig waren. Wie sie das Leben und die Menschen sahen. Und wie sie mit ihrer Kunst die Welt verändern wollten. Denn trotz aller Not und des von ihnen kritisierten gesellschaftlichen Elends finden sie die Schönheit inmitten von Chaos: eine Zebradressur im Zirkus, bei der die gestreiften Felle der Tiere einen ganz eigenen Tanz vollführen - und die Walther Klemm 1912 in einer Manege beobachtet hat. Ein Liebespaar - innig verschlungen von Adolf de Haer 1921 wiedergegeben. Artisten, deren Körper kunstvolle Muster auf das Papier zaubern und die Heinrich Ehmsen 1913 wohl fasziniert haben.

»Flächenbrand Expressionismus« zeigt in einem fast intimen Rahmen eine Fülle dieses Stils, die man sonst nur in einem großen Haus vermuten würde. Ein Glücksfall - für das Kirchnerhaus, das damit Kirchners künstlerische Wurzeln näher beleuchtet, und für die Besucher, die auf kleinstem Raum viel geboten bekommen.

Informationen zur Schau

»Flächenbrand Expressionismus«: Bis 28. April im Kirchnerhaus Aschaffenburg, Ludwigstraße 19, geöffnet Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag 14 bis 17 Uhr, Mittwoch 16 bis 19 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr; Demonstration »Wie entsteht ein Holzdruck?« an den Sonntagen, 17., 24. Februar, 31. März und 7. April, jeweils 14.30 Uhr.

»Die Not von damals gibt es heute auch noch«

Brigitte Schad (Foto: Petra Reith), die das Kirchnerhaus Aschaffenburg leitet, hat die Ausstellung »Flächenbrand Expressionsmus« nach Aschaffenburg geholt. Im Gespräch mit Redakteurin Bettina Kneller erzählt sie, was sie daran gereizt hat.

Was fasziniert Sie an den Kunstwerken? Was macht den Expressionismus auch heute noch so attraktiv?

Ich finde, es ist eine ruhige, klare Schau nur mit Holzschnitten, dem Grafikmittel des Expressionismus schlechthin. Mich beeindruckt die Vielfalt des Ausdrucks - auch wenn alle Künstler das Strenge, das stark Abstrahierte eint. Und die Themen der Expressionisten, vor allem deren Gesellschaftskritik, sind auch heute noch aktuell. Das Blatt beispielsweise mit der Mutter, die am Sarg ihres Mannes steht und an deren Rock sich frierend und hungrig ein Kind drängt, ist zeitlos. Die Not von damals gibt es heute auch noch.

Man sieht hier viele Künstlernamen, von denen man noch nie zuvor gehört hat.

Das ist richtig. Mit der Qualität ihrer Arbeiten hat das aber nichts zu tun. Für viele der hier gezeigten expressionistischen Künstler stellte die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zäsur dar. Sie bekamen Berufsverbot, mussten fliehen ins Exil - Ernst Ludwig Kirchner floh in die Schweiz, weil er panische Angst hatte, noch einmal nach dem Ersten Weltkrieg an die Front zu müssen. Ihre Ateliers wurden zerbombt und das Werk ging in Flammen auf. Dadurch konnten viele von ihnen nach dem Krieg nicht wieder an den Erfolg von früher anknüpfen. Deswegen gerieten viele später in Vergessenheit.

Warum kommt das immer wieder vor, dass Künstler in Vergessenheit geraten?

Das ist die Frage, die sich aus der Schau ergibt. Es ist ein Verdienst von Sammlern wie Joseph Hierling, dass Künstler, deren Namen nicht mehr geläufig sind, zurück in das Rampenlicht geholt werden. Und wie man sieht, sind sie das allemal wert.

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