Mittwoch, 19.12.2018

Und irgendwas fehlt

Rock:Die finnische Band Nightwish ist mit einer Retrospektive auf Tour, die die Ex-Sängerin Tarja Turunen vermissen lässt - Station in der Frankfurter Festhalle

FRANKFURT.
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Nightwish-Sängerin Floor Jansen, hier bei einem Auftritt in Interlaken (Schweiz). Foto: Peter Klaunzer (dpa)
Fotograf: Peter Klaunzer

Es soll­te ei­ne in­ten­si­ve Rei­se in die Ver­gan­gen­heit wer­den, das ha­ben Night­wish schon an­k­lin­gen las­sen, be­vor sie am Mitt­woch­a­bend über­haupt die Büh­ne der Frank­fur­ter Fest­hal­le be­t­re­ten ha­ben.

Vor dem Countdown wies eine eindringliche Stimme sogar darauf hin, doch bitte die Handys wegzustecken und den Trip in die Welt der musikalischen Erinnerungen voll und ganz auf sich wirken zu lassen (was natürlich nicht geklappt hat).

»Decades« heißt die Tour zum gleichnamigen Best-of-Album, mit dem die finnische Symphonic-Metal-Band derzeit den Fans einiges zu bieten hat: Nämlich eine Retrospektive von den Anfängen der Gruppe 1996 bis zum jüngsten Studioalbum, »Endless forms most beautiful«, das das Leben auf der Erde und die Evolution feiert.

Auf »Decades« haben Nightwish eine Auswahl von Songs ihrer über 20-jährigen Karriere aufpoliert und als »Remasters« veröffentlicht. Und zur Freude vieler Nostalgiker im Publikum fanden sich ein Großteil dieser Titel in der Setlist wieder. Nach einer hübschen Instrumentalversion von »Swanheart« als Intro auf der Flöte gespielt ging's krachend los mit »Dark Chest of Wonders« - und leise wurde es dann für die nächsten zwei Stunden selten.

Hohes Tempo

So gab es ein Wiederhören mit »Gethsemane« vom - in den Augen vieler Anhänger besten Nightwish-Album »Oceanborn« und »Elvenpath« von der allerersten CD »Angels Fall First.« Das traditionelle Stück »Elvenjig« bot eine kurze Verschnaufpause, sonst blieb das Tempo hoch, die Mischung gelungen: Neues Material von jüngeren Alben wie »Imaginaerum« und Klassiker wie die Single »Nemo«, die Nightwish 2003 zum kommerziellen Durchbruch verholfen hat, fügten sich gut zu einer Einheit zusammen. Und wie kann ein Nightwish-Konzert würdiger enden als mit dem bombastischem »Ghost Love Score«, eingebettet in »The Greatest Show on Earth«? Soweit, so gut. Die Idee mit der Reise in die Vergangenheit und dem Schwelgen in Nostalgie hat funktioniert - eigentlich. Doch irgendwie blieb am Ende ein Gefühl der Leere. Trotz opulenter Filmsequenzen mit fantastischen Bildern, Pyro-Show und Konfettiregen fehlte da irgendwas - und komischerweise war dieses Gefühl bei Nightwish-Konzerten in den vergangenen paar Jahren nicht so stark.

Dann taucht die Lösung auf: Es ist die Stimme von Ex-Nightwish-Sängerin Tarja Turunen, die plötzlich wieder sehr fehlt. Wohl, weil so viele ältere Stücke auf dem Programm standen in Frankfurt - und weil Turunens Stimme einfach unweigerlich nicht nur mit den Melodien, sondern mit all den Erinnerungen verknüpft ist, die jeder ganz individuell mit Nightwish-Songs verbindet.

Es muss nicht jedem gefallen

Diese geteilte Einsamkeit, diese Sehnsucht... Jedenfalls: Die herausragenden Kompositionen von Keyboarder Tuomas Holopainen können nicht immer für sich stehen, und weder Frontfrau Floor Jansen noch Vorgängerin Anette Olzon können den Stücken immer den Ausdruck verleihen, den sie brauchen, um restlos und tief zu berühren. Natürlich hat jede Band das Recht, ihre Stücke neu zu interpretieren und ihnen eine neue Stimme zu geben - gefallen muss es nicht jedem.

Die üble Akustik in der Frankfurter Festhalle verstärkte diesen Eindruck nur noch: Jansens ohnehin oft dünn wirkende Stimme geht im Klangbrei und Hall teilweise völlig unter. Auch wenn Turunen seit 2005 nicht mehr zur Band gehört: Bei einer Tour, die eine Reise in die musikalische Vergangenheit zum Thema hat, muss sich die Band diesen Vergleich gefallen lassen.

Wie gut, dass Nightwish an diesem Abend »Sleeping Sun« nicht angerührt haben - eines der schönsten Lieder von Nightwish, das wirklich nur Turunen singen sollte. Aber am Schluss des Konzerts in Frankfurt bleibt dann doch die Dankbarkeit, Nightwish mal wieder live gesehen zu haben. Trotzdem: Die Klassiker klingen auf CD besser.

MIRIAM SCHNURR
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