Montag, 12.11.2018

Der erste große Skandal in der Traumfabrik

Hollywood: Christof Weigolds »Der Mann, der nicht mitspielt« nimmt den Leser mit in die amerikanische Filmindustrie der 1920er-Jahre

Literaturdienst - «Der Mann, der nicht mitspielt» (© - (Verlag Kiepenheuer & Witsch))
Hollywood Dienstag, 17.04.2018 - 20:10 Uhr

Hol­ly­wood 1921. Die Fil­m­in­du­s­trie er­lebt ih­re ers­te gro­ße Blü­te. Aber für den aus Deut­sch­land ein­ge­wan­der­ten Har­dy En­gel ist es ei­ne schwe­re Zeit. Wenn über­haupt, dann be­kommt er ab und zu ei­ne Sta­tis­ten­rol­le, die kaum zum Über­le­ben reicht. In der Not ver­dingt En­gel sich als Pri­vat­de­tek­tiv.

Eine junge Frau engagiert ihn, damit er ganz diskret ihre Mitbewohnerin findet. Hardy kann sein Glück kaum fassen, als er in einem Filmstudio nicht nur wichtige Informationen über die verschwundene Virginia bekommt, sondern gleich noch einen zweiten Auftrag an Land zieht.
Eine prekäre Situation
Weil er nach San Francisco fahren wird, soll er ein Päckchen mitnehmen und einem bekannten Schauspieler geben, der dort eine große Party feiern will. Engels Glückssträhne hält an. Als er in dem Luxushotel in San Francisco seine Lieferung übergibt, entdeckt er auch die Frau, die er suchen sollte. Ein Wochenende des schnell verdienten Geldes, wie es scheint. Aber da hat er sich gründlich getäuscht. Denn Christof Weigold hat Engel in »Der Mann, der nicht mitspielt« mitten in eine prekäre Situation der Hollywood-Geschichte platziert.
Der Mann, dem Engel seine Lieferung übergibt, ist Roscoe Arbuckle, von allen nur Fatty genannt, der bestbezahlte Filmkomiker seiner Zeit, der gerade einen Vertrag mit der unglaublichen Jahresgage von einer Million Dollar unterschrieben hat. Während einer Drehpause war er nach San Francisco gefahren, um eine große Party zu feiern.
Wie Engel sofort feststellt, ist diese Party in Wirklichkeit eine Orgie, in der es Sex, Alkohol und Drogen im Überfluss gibt. Der Privatdetektiv will gerade wieder gehen, als er die gesuchte Virginia entdeckt - sie ist nackt, fast völlig weggetreten und klagt über Schmerzen. Fatty Arbuckle könnte etwas mit ihrem Zustand zu tun haben.
Hardy kann seine Aufträge dennoch als erledigt melden und sich auf sein dringend benötigtes Honorar freuen, als ihn die Nachricht erreicht: Virginia ist gestorben. In der Geschichte Hollywoods war ein erster kritischer Punkt erreicht: Hatte der Filmstar die Schauspielerin Virginia Rappe vergewaltigt und so misshandelt, dass sie an den Folgen starb? Für die Sensationspresse war der Fall gefundenes Fressen. Auch die konservativen Amerikaner, die schon ein Alkoholverbot durchgesetzt hatten, sahen ihre Chance gekommen, dem »Sündenbabel Hollywood« den Garaus zu machen. Der Sicherheitschef eines Filmstudios fasst es im Roman prägnant zusammen: »Die ganze Geschichte fliegt uns um die Ohren, wenn Fatty schuldig ist. Es kann sein, dass die gesamte Filmindustrie den Bach runtergeht.«
Christof Weigold nutzt diese Ausgangssituation, um seine erdachte Figur Hardy Engel durch eine faszinierende Welt zu führen. Hardy weiß mehr als andere, und so wird er zu einer interessanten Person für Arbuckles Arbeitgeber ebenso wie für die konkurrierenden Filmstudios. Auf einmal hat er einen guten Job mit jeder Menge Privilegien.
Sündenpfuhl Hollywood
In seiner neuen Funktion als Sicherheitschef der Universal Films des ebenfalls deutschstämmigen Carl Laemmle entdeckt er immer wieder, wie sehr in Hollywood Anschein und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Engel versucht, in einer von Alkohol, Drogen und Sex beherrschten Welt seine Integrität zu wahren, aber er muss all seine Kräfte einsetzen, um seinen Weg zu gehen.
Realistische Beschreibung
Christof Weigold hat sehr viel Mühe darauf verwendet, die Szenerie des frühen Hollywood darzustellen. Die Personen werden durch Kleidung, Aussehen und Sprechen so genau beschrieben, dass man sie sich sehr gut vorstellen kann. Und auch Straßen, Häuser, Autos und vieles mehr erscheinen durch die Beschreibungen realistisch. »Der Mann, der nicht mitspielt« verbindet sehr gelungen eine Krimihandlung mit einer faszinierenden historischen Situation. Hardy Engel ist ein Ermittler mit Zukunft.

bChristof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielt, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 630 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-462-05103-2
AXEL KNÖNAGEL
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