Montag, 20.05.2019

»Wir brauchen keine Armee lieber Frauen«

Auf einen Kaffee mit. . . :Autorin Simone Buchholz - Zum zweiten Mal Gewinnerin des Deutschen Krimipreises - Aufgewachsen in Laufach-Hain

Wiesbaden
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Schreibt Krimis mit Haltung: Simone Buchholz, die in Hain aufgewachsen und seit 20 Jahren in Hamburg zu Hause ist. Foto: Gregor
Foto: Stefan Gregor

Si­mo­ne Buch­holz räumt mit ih­rer Kri­mi­rei­he rund um die Staats­an­wäl­tin Chas­ti­ty Ri­ley mo­men­tan al­le Prei­se ab. Zu­letzt für »Me­xi­ko­ring« den Deut­schen Kri­mi­preis, den sie auch 2017 ge­won­nen hat­te.

In »Mexikoring« erzählt die 47-jährige Autorin von den Machenschaften eines kriminellen Clans in Bremen, die zarte Liebesgeschichte von Nouri und Aliza, die nicht zusammenkommen durften und in ein anderes Leben türmten. Daneben kämpft Riley, die so auf den Punkt und doch so emotional verkorkst ist, mit ihren eigenen Romanzen. Das Schöne: Buchholz verwebt kunstvoll mehrere Geschichten in einer. Und parallel brennen die Autos in Hamburg. Jede Nacht, wahllos angezündet.

Aufgewachsen ist Buchholz in Laufach-Hain im Spessart (Kreis Aschaffenburg), Liebeskummer führte sie nach Hamburg, wo sie seit 20 Jahren lebt. Sie hat ein Philosophie-Studium in Würzburg abgebrochen und die renommierte Henri-Nannen-Schule in Hamburg abgeschlossen, für Magazine und Frauenzeitschriften gearbeitet, bis »das für mich auserzählt war«. Sie fing an, »hard-boiled« zu schreiben, »weil ich einen anderen Sound wollte und andere Themen verhandeln«.

Ihre Krimis stecken voller Haltung und Kapitalismuskritik, sind eine Liebeserklärung an St. Pauli und Wahlfamilien. Zeit also für einen Kaffee und ein Gespräch mit Fee Berthold-Geis im Wiesbadener Hotel Oranien. Beim Frühstück erzählt Buchholz, warum es fantastisch sein muss, einen Penis zu haben, von Bösewichten, die wie HSV-Spieler heißen und von ihrer Jugend in Aschaffenburg.

Haben Sie noch Ihre Dauerkarte fürs Millerntor-Stadion?

Die habe ich noch. Aber da ich 150 Tage im Jahr auf Reisen bin und meistens nicht da, wenn St. Pauli spielt, habe ich sie einem Freund geliehen. Ich freue mich trotzdem, dass Alex Maier aus Frankfurt zurückgekommen ist.

Was läuft in Hamburg schief, wo Sie seit 20 Jahren wohnen?

Hamburg hat eine Großmannssucht. Politik wird nicht für die Bürger gemacht, sondern für das Ansehen der Stadt. Der Wohnungsmarkt ist dereguliert. Hamburg ist inzwischen teurer als Frankfurt. Als Normalverdiener mit Kind kannst du dir das eigentlich nicht leisten, dort zu wohnen. Die Stadt ist nun für Touristen gebaut. Warum kann man denn nicht den Mietpreis auf zehn Euro pro Quadratmeter warm begrenzen? Machen die nicht. Die sind lahm.

Was lieben Sie an der Stadt?

Ich liebe den Hafen, das offene Denken. Meine Mutter ist in Hamburg aufgewachsen. Als Kind war ich da oft an der Alster. Als ich hergezogen bin, musste ich dringend weg aus Würzburg, weil ich schlimmen Liebeskummer hatte. Dann war ich da und habe gemerkt, dass ich beim Laufen Wurzeln unter den Füßen hatte. Weil ich hier Familie habe. Ich habe schnell tolle Freunde gefunden.

Die Stadt hat mich gewissermaßen gerettet. St. Pauli zeigt seit Hunderten von Jahren, wie es gehen kann, wenn viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern auf engstem Raum zusammenwohnen. Für mich ist das auch ein Vorbild an Humanismus.

St. Pauli ist auch arm.

Ja, es ist immer noch ein sozialer Brennpunkt mit einer großen Diversität trotz der Gentrifizierung. Wenn ich mir die Schulklassen anschaue: Die sind so bunt. Da hat jedes Kind etwas anderes in der Pausenbrotdose. Die Kinder lernen von klein auf, dass man unterschiedlich leben kann. Das macht bessere Menschen aus ihnen. Mein Sohn Rocco wird elf im Sommer. Als wir neulich durchs Karolinenviertel gelaufen sind, saßen vor einem Café zwei Frauen, die sich küssten. Er ist in einem Alter, da findet er es total interessant, wenn Menschen sich küssen. Er sagte: »Mama, weißt du, warum ich so gerne in einer Stadt wie Hamburg wohne? Weil hier jeder küssen darf, wen er möchte.« Da geht mir das Herz auf. So Menschen braucht die Welt.

Was mögen Sie noch an Hamburg?

Das Wetter.

Was haben Sie am Neujahrsmorgen gemacht?

Ich war nicht wie sonst am Hafen und habe nach Flaschenpost gesucht. Ich habe am 30. Dezember schon so unfassbar Silvester mit Freunden vorgefeiert. Mit zwölf runterzählen und Konfettikanone. Es ging bis fünf. Ich war so zerstört. Silvester habe ich mit meiner Familie gefeiert. Den Neujahrsmorgen habe ich komplett verschlafen. Rocco und ich haben »Ocean's 11« bis »Ocean's 13« am Stück geguckt. Weil draußen Eisregen war. Aber sonst gehe ich am Neujahrsmorgen an den Hafen und suche nach Flaschenpost.

Haben Sie mal eine gefunden?

Nur an der Ostsee. Aber ich habe viel Post weggeschickt, in alten Sektflaschen.

Was stand drin?

»Sitze hier fest. Brauche Rum und Zigaretten.« Dazu die Adresse.

Schreiben Sie immer noch am besten nach 14 Uhr?

Ja, Hölle, echt. Das ändert sich nicht. Inzwischen geht das aber. Mein Sohn hat offiziell um halb vier Schulschluss, aber der treibt sich viel herum. (lacht) Meist kriege ich dann einen Anruf, ich bin beim Basketball oder Breakdance. Oder er kommt nach Hause, wirft den Ranzen in die Ecke, hört Musik und sagt: Ich brauche jetzt meine Ruhe. Deshalb haben sich meine Arbeitstage verlängert. Früher war das als berufstätige Mutter furchtbar. Da musste ich um drei an der Kita sein. Meine Kreativmaschine läuft aber erst ab halb zwei an. Schreiben kann ich idealerweise zwischen 14 und 21 Uhr. Das ist perfekt als berufstätige Mutter. (lacht) Schriftstellerleben mit einem Familienleben zu vereinbaren, ist nicht so leicht.

Sie schreiben zu Hause?

Wenn mein Mann früh nach Hause kommt, klatschen wir uns kurz ab und dann gehe ich in die Bar und schreibe da weiter. Oder ich gehe ins Café. Wenn ich Stille brauche, gehe ich auch manchmal in die Unibibliothek.

Wie viel recherchieren Sie?

Ordentlich. Viel mehr als drin steht. Ich finde es langweilig, Ermittlungen zu erzählen. Der Alltag eines jeden Berufs ist meist öde. Ich muss aber wissen, wie die Leute reden - bei der Polizei, in den Clans. Ich muss mich sehr gut in der Welt auskennen, in die ich meine Hauptfiguren schmeiße. Um zu wissen, wie sie die Welt sehen, muss ich mit Leuten reden. In Bremen und Hannover habe ich viel Zeit mit Clanspezialisten verbracht. Da bin ich dann drei Tage und Abende bei der Polizei. Dann weiß ich ungefähr, in welcher Welt sie sich bewegen.

Sie kommen an Infos, an die sonst keiner kommt.

Richtig. Als Journalist kommt man auch nicht unbedingt an alle Infos. Denn dann musst du Quellen zitieren, du brauchst Zitate. Das brauche ich ja nicht. Ich will nur was von der Welt erzählen. Ich will denen ja auch gerecht werden. So ein Gangsterboss hat es ja auch nicht leicht. Der wurde in diese Struktur hineingeboren. Keiner macht das freiwillig - im Gegensatz zu einer mafiösen Struktur.

Ihre Sprache ist oft nüchtern und auf den Punkt und dann wieder voll außergewöhnlicher Bilder, die wie gemeißelt wirken. Da »stellt der Regen Wände in die Nacht«, der Mond sieht aus, »als wäre ihm schlecht«. Wenn sich Riley mit ihren Freunden trifft, heißt es: »Es dampft, in den Herzen wie in den Bäuchen. Wir nennen es: Klebstoff anrühren. Die Familie zusammenhalten.«

Die Bilder werden auch gemeißelt. (lacht) Das ist echt Arbeit. Das hat mit der Hauptfigur zu tun. Chastity Riley ist sehr auf die Zwölf. Sie lebt in Hamburg, da darf man den Mund nicht so lang aufmachen wegen des Wetters. Man muss zackig reden. Alles ist rougher und härter. Und die gemeißelten Bilder kommen daher, dass sie keinen Zugang zu ihren Gefühlen hat, da sie emotional gehandicapt ist.

In Ihren Krimis ist viel Haltung drin.

Was wichtig ist.

Weil?

Krimi ist das Genre, das Missstände aufzeigen kann. In kaum einem anderen Genre kann man sagen: Hier brennt die Scheiße. Das ist nah am Journalismus. Krimis müssen mit dem Finger auf die Bösen zeigen. Das ist die Chance, zu gucken: Was läuft wo schief? Größer gesprochen: Es ist einfach nicht mehr die Zeit für Künstler, die Fresse zu halten. Wir sollten unsere Stimme erheben, wo es nur geht. Wer 100 000 Bücher verkauft, dem hören die Leute zu. In dem Moment hat ein Autor gesellschaftliche Verantwortung. Wir haben etwas zu verteidigen hier - unsere offene, demokratische Gesellschaft. Wenn wir das nicht machen, sind doch Künstler die ersten, die platt gemacht werden. Es ist wichtig, dass durch jede Kunst Haltung schimmert. Du kannst Sachen einschmuggeln in die Gehirne der Leser.

Etwa Kapitalismuskritik.

Organisiertes Verbrechen und Kapitalismus gehören zusammen. Organisiertes Verbrechen ist Kapitalismus in Reinform, komplett entfesselt, unreguliert. Und Kapitalismus ist oft organisiertes Verbrechen in versteckter Form. Die Clanspezialisten haben mir gesagt: Die Jungs aus den Clans haben in Deutschland noch nicht geschnallt, dass man das Geld nicht mit Autoschiebereien, sondern mit VW verdient, wenn man Mafia ist. Ich will jetzt nicht so auf VW zeigen, aber Lobbyismus greift in Deutschland oft in politische Entscheidungen ein, gesteuert von Konzernen.

Ich frage mich manchmal, was ist bedrohlicher für unsere Gesellschaft: Andreas Scheuer im Verkehrsministerium oder ein Clan, der mal Berlin auf links zieht? Das ist populistisch, aber ich finde: Kapitalismus und organisiertes Verbrechen sind Brüder.

Die Guten in Ihren Krimis heißen nach St.-Pauli-Spielern ...

... und Eintracht-Spielern, ja. Wer gerade den Spaß an der Bundesliga zurückbringt, ist die Eintracht. Die Bösen nenne ich nach HSV-Spielern.

Und wenn sie ganz böse sind?

Dann heißen sie wie Bayern-Spieler, natürlich ein bisschen verfremdet, um Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Haben Sie mit 16 echt zwei Mal im besetzten Haus in der Hanauer Straße in Aschaffenburg übernachtet?

Das war super. Darf man das heute nicht mehr?

Das Haus gibt es nicht mehr. Abgerissen. Da steht jetzt ein Küchengeschäft.

Nein! Ich fand die Punks ganz toll. Einer war Rolli, der so hieß, weil er im Rollstuhl saß. Der hatte einen rosa Amischlitten, ich glaube eine Corvette. Und Michelle. Der kam aus Berlin. Ich weiß nicht, wie der nach Aschaffenburg kam. Der hat uns geschockt. Der war für mich und meine alternativen Freunde unser Schlüsselloch in die Großstadt. Meinen Eltern habe ich nicht erzählt, dass ich da übernachtet habe.

Haben die es rausgefunden?

Nö. Jetzt. (lacht) Da war es dunkel, es gab Kerzenlicht, man schlief um einen Ofen auf Matratzen auf dem Boden. Das war höllen-aufregend.

Lieblingsort in Aschaffenburg?

Früher und heute: Da, wo sie Boule spielen. Das finde ich toll, dieses französische Erbe. Das ist wahnsinnig kitschig mit dem Blick auf den Main. Aber ich mag das.

Der Geschmack Ihrer Kindheit?

Schnittlauchbrot.

Das Geräusch ihrer Kindheit?

Wenn ich einen Specht höre. Da könnte ich heulen.

Was aus Laufach-Hain fehlt Ihnen in Hamburg?

Der Wald.

Sie machen wirklich einmal im Jahr in Aschaffenburg Urlaub?

Seit Rocco auf der Welt ist. Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich aufgewachsen. Wir haben immer eine Ferienwohnung in der Altstadt, sitzen oft vorm Schlappeseppel, und Rocco klettert herum, denn da ist ja autofrei. Vergangenen Sommer waren wir den ganzen Tag im Stadtbad und saßen abends vorm Schlappeseppel.

Sie haben im Februar zum zweiten Mal den Deutschen Krimipreis bekommen und nach einer überheblichen Kritik in einem Interview mit der »Zeit« gesagt: »Es muss fantastisch sein, einen Penis zu haben.« Warum eigentlich muss das so fantastisch sein?

Nicht wegen der Gerätschaft selbst, sondern weil es dich zu jemanden macht, der historisch privilegiert ist in unserer Gesellschaft. Wenn du das Glück hast, zufällig als weißer Mann auf die Welt zu kommen, gibt es keine Hindernisse. Wenn du keine weiße Hautfarbe hast oder eine Frau bist, dann bekommst du oft Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Inwiefern?

Dann wird das, was du machst, klein gemacht. Wenn du als Mann ein Buch schreibst, ist das ganz schnell große Literatur, politisch radikal, existenziell. Als Frau dagegen hörst du viele vergiftete Komplimente wie »Toll, dass sie ihr Niveau halten kann mit dem Buch«. Wieso sollte ich das nicht? Oder »Sie ist ja auch Mutter«. Ja und? Mein Mann ist auch Vater.

Es ist wichtig, dass Frauen wütend sind und wütend bleiben über diese Ungerechtigkeit. Frauen unserer Generation sind noch dazu erzogen worden, lieb zu sein und geliebt werden zu wollen. Schluss! Unsere Gesellschaft braucht keine Armee lieber Frauen. Man muss alles tun, das an den Verhältnissen rüttelt und nicht zementiert.

Hintergrund

» Hier sind meine Wurzeln. Wir haben immer eine Ferienwohnung in der Altstadt. «

Simone Buchholzüber Urlaub in Aschaffenburg

Hintergrund

» Kapitalismus und organisiertes Verbrechen sind Brüder. «

Simone Buchholz,Krimiautorin

Zur Person: Simone Buchholz

Simone Buchholz, 1972 in Hanau geboren, ist in Laufach-Hain (Kreis Aschaffenburg) aufgewachsen. Seit 2008 lässt sie Staatsanwältin Chastity Riley in Hamburg ermitteln. »Mexikoring«, der Band acht, erschien 2018. Dafür gewann Buchholz den Deutschen Krimipreis - auch 2017 für »Blaue Nacht«. Am 25. April liest sie im Altonaer Museum in Hamburg. Von 2. bis 5. Mai präsentiert sie beim Festival »Newcastle Noir« ihr Buch im Nordosten Englands. ()

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