Sonntag, 26.05.2019

"Wir brauchen Bildung und Aufklärung mehr denn je"

Buchbranche: Literatur-Lobbyistin Karla Paul will fürs Lesen begeistern und appelliert an Verlage und Buchhandlungen, auf Menschen zuzugehen

Aschaffenburg
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Die Literaturlobbyistin Karla Paul.
Foto: Simone Hawlisch

Vor ei­ni­gen Jah­ren wur­de Kar­la Paul von den Le­sern Ne­on-Ma­ga­zins zur »neu­en Mar­cel Reich-Ra­ni­cki« ge­wählt. Die­sen Ti­tel fin­det die 35-Jäh­ri­ge zwar nicht wir­k­lich ge­lun­gen, ganz falsch ist er aber nicht: Im In­ter­net er­reicht Kar­la Paul mit dem The­ma Li­te­ra­tur viel mehr Men­schen, als es gro­ßen Ver­la­gen oder an­de­ren Li­te­ra­tur­ver­mitt­lern ge­lingt. Wir ha­ben die ge­bür­ti­ge Würz­bur­ge­rin ge­fragt, wie man in Zei­ten von Net­f­lix noch Men­schen fürs Buch be­geis­tern kann - und warum Reich­wei­te verpf­lich­tet.

Frau Paul, was macht eigentlich eine Literaturlobbyistin?

Ich liebe Literatur und möchte das auf allen Wegen transportieren, online und offline. Und ich möchte dazu anregen, dass möglichst viele Leser und Leserinnen auf möglichst vielen Kanälen ebenfalls über Literatur sprechen, Literatur lesen, Literatur erwerben und natürlich auch Literatur produzieren.

Warum braucht Literatur heute eine Lobby?

Ich glaube, alle Dinge, die uns wichtig sind, brauchen über kurz oder lang eine Lobby. Mit Literatur sind auch sehr viele politische und gesellschaftliche Dinge verbunden: Sie kostet Geld, sie muss produziert werden, ist mit Urheberrecht verbunden. Irgendjemand verdient daran, und viele verdienen eben auch nicht daran. Für all diese Dinge muss jemand kämpfen. Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, genau das für das Buch generell zu übernehmen. Es gibt ja im Internet jede Menge Influencer, die viele Menschen erreichen. Es gibt Werbekampagnen, zum Beispiel rund um Netflix. Ich würde das gerne fürs Buch übernehmen und Menschen für die Geschichten begeistern, die innerhalb der Seiten stattfinden. Ich will zeigen, warum wir wieder Bock haben sollten auf Bildung und auf Informationskompetenz. Warum dieses Reiben mit unseren Gedanken innerhalb der Seiten so wichtig ist - und auch so viel Spaß machen kann.

Warum wir alle wieder mehr lesen sollten: Literaturlobbyistin Karla Paul im Interview
Quelle: Moni Münch

Sie haben sich ein großes Publikum aufgebaut und nutzen jeden Kanal, den Sie bekommen können: Instagram, Facebook, Twitter und TV - zum Beispiel. Viele traditionelle Institutionen, die sich mit dem Buch beschäftigen, verlieren dagegen an Reichweite. Was raten Sie Buchhandlungen, Verlagen und Bibliotheken, die Leser erreichen wollen?

Früher gab es nur bestimmte Publizisten, etwa die Verlage. Und da es weniger Informationen gab, waren die Menschen darauf angewiesen, sich diese Informationen von den Publizisten aktiv abzuholen. Sie mussten nehmen, was man ihnen gegeben hat, also was man veröffentlicht hat. Inzwischen ist das nicht mehr so. Wir haben einen Überfluss an Informationen und Publizisten. Der Leser kann sich aussuchen, was er konsumiert und hat übers Netz alles zur Verfügung. Ich überlege mir deshalb: Wie kann ich jeden neuen Kanal nutzen, um meine Botschaft, meine Liebe zur Literatur, zu verbreiten? Wie kann ich auf dem neuen Kanal meine Werte vermitteln? Auf welchem Medium kann ich meine Botschaft wie übersetzen, um dort neue und alte Leser zu begeistern? Das heißt: Ich warte nicht darauf, dass die Menschen zu mir kommen. Ich glaube, diesen Weg sollten auch Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken nutzen. All das, was sie können, was sie begeistert, was sie ja auch verkaufen wollen - das müssen sie übersetzen lernen. Sie sind nicht mehr der einzige Aussender, sondern stehen in Konkurrenz. Aber das kann uns ja ganz guttun und uns anspornen zu zeigen, was wir können!

Sie wollen Lust machen aufs Internet und vermitteln diese Botschaft auch oft vor Fachpublikum. Dabei verbreiten Sie viel Optimismus. Aber mal ehrlich: Wo sehen sie schwarz, wenn Sie an die Buchbranche denken?

Nachdenklich stimmt mich eben dieser Pessimismus, dieses Beharren auf alten Strukturen. Es gibt in der Branche durchaus Herausforderungen. Buchhandlungen müssen schließen, die Zahl der Leser sinkt und vor kurzem hat zum Beispiel der Buchgroßhändler KNV Insolvenz angemeldet. Diese Herausforderungen kann ich auch nicht lösen. Aber meine Grundeinstellung ist eine andere. Ich liebe das, was wir machen. Ich glaube so sehr an das Medium Buch, weil ich weiß, dass es das Richtige ist. Weil ich Rückmeldungen bekomme, weil sich Leute auch für schwierige Inhalte begeistern lassen. Ich bin überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass wir uns nur mehr Mühe geben müssen. Dass wir anders denken und die Moderne verstehen müssen. Dass wir nicht darauf beharren dürfen, dass unser alter Weg der richtige ist. Es gibt jetzt tausende Wege. Und entweder wir verstehen das und übersetzen unsere Inhalte. Oder es wird kaputt gehen. Wir dürfen nicht denken: »Wir sind die Herrenpublizisten und entweder nehmen die Leute unsere Inhalte, so wie sie sind, oder gar nicht« - ja dann nehmen sie sie gar nicht! Ich habe da eine andere Einstellung. Ich glaube, dass wir die Menschen begeistern können.

Warum?

Weil die Menschen ja weiterhin Emotionen wollen. Seit tausenden von Jahren wollen wir diese Geschichten erzählt bekommen. Und wir brauchen Bildung und Aufklärung mehr denn je. Das sehen wir weltweit an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Das, was wir zu erzählen haben und was wir zu bewirken haben mit Literatur, ist wichtiger, als es jemals war. Und ich glaube im Gegensatz zu vielen anderen, dass diese Veränderung mit viel Liebe - und mit viel Bock auf Literatur - möglich ist.

Sie nutzen Ihre Reichweite auch für Themen, die auf den ersten Blick nichts mit Literatur zu tun haben. Warum?

Ja, ich spreche auch über Vielfalt, Diversität, Feminismus, über Menschlichkeit - über Werte, die mir wichtig sind. Weil ich finde: Wenn man eine gewisse Reichweite hat - und damit auch eine gewisse Macht, Meinungen zu prägen - dann sollte man sie verantwortlich nutzen. Und wenn ich vielleicht nicht alle Menschen dazu bringe, dass sie die Bücher lesen, in denen die mir sehr wichtigen Werte, etwa Offenheit und Toleranz, vermittelt werden - dann muss ich es vielleicht direkter sagen. Dann muss ich es eben in einem Tweet sagen und vielleicht auch mit denen diskutieren, die anderer Meinung sind. Ich glaube, es gelingt auch ganz gut, für gesellschaftliche und politische Inhalte zu begeistern. Denn wenn nur die sprechen und das Internet nutzen, die eher in die falsche Richtung gehen - und wir zeitgleich damit beschäftigt sind, das alles schlecht zu finden - dann ist das Internet irgendwann nur voll von diesen Stimmen. Und das sehe ich gar nicht ein. Ich überlasse denen nicht das Netz, und schon gar nicht die Reichweite. Und ich würde mich freuen, wenn viele Menschen ebenso mit ihren Werten eintreten würden gegen Fake News, gegen Hetze und Hass. Dafür wird jeder und jede genauso gebraucht wie ich.

Das wäre ein schönes Schlusswort! Wenn Sie uns nicht noch den obligatorischen Buchtipp geben müssten...

Gerade gelesen habe ich den Roman »Gezeitenwechsel« von Sara Moss, übersetzt von Nicole Seifert und erschienen im Mare Verlag. Es geht um eine junge Familie aus London, die zwei Kinder hat und bei der die 15-jährige Tochter von heute auf morgen umfällt. Sie kann nicht mehr atmen, das Herz schlägt nicht mehr richtig. Für die Familie verändert sich alles, auf einmal zieht die Angst in ihr Leben ein und die ganze Dynamik zwischen diesen Menschen beginnt sich zu drehen. Das ist sehr spannend, weil die Autorin so viele Worte für Emotionen, für Situationen und für Veränderungen findet, die selbst ich, mit viel Erfahrung, nicht finden würde. Das ist so lesenswert, dass ich mich nicht entscheiden konnte zwischen den Emotionen a.) Unbedingt weiterlesen und b.) ich möchte, dass es niemals endet.

 

Zur Person: Karla Paul

Geboren wurde Karla Paul am Tag des Buches - am 23. April 1983 - in Würzburg, heute lebt sie in Hamburg. Paul studierte Betriebswirtschaft und Mediendesign in Würzburg und kennt den Literaturbetrieb von unterschiedlichen Seiten: Einige Jahre war Karla Paul als hauptberufliche Redaktionsleiterin und Social Media Managerin für das größte deutschsprachige Literaturnetzwerk LovelyBooks.de zuständig.

Anschließend leitete sie den Bereich Digitales Publizieren beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe, bevor sie 2015 zur Verlagsleitung Edel eBooks bei der Edel AG Hamburg wechselte.

Von 2006 bis 2013 betrieb Karla Paul ihren Buchblog »Buchkolumne«. Unter diesem Markennamen spricht, schreibt, bloggt und postet Karla Paul auch heute noch auf Social Media und auf ihrer Homepage über Literatur und Bücher. Insgesamt erreicht Paul auf den verschiedenen Netzwerken wie Facebook, Twitter, LovelyBooks, Instagram, Pinterest über 100.000 Leser, Autoren und Verlage. Auch im ARD-Mittagsmagazin gibt sie regelmäßig Lesetipps. In der Verlags- und Buchbranche ist Karla Paul gefragte Sprecherin, unter anderem zu den Themen Social Media sowie Community Management. (mm)

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