Samstag, 20.07.2019

Weltmacht Rom am Rande der Schwäbischen Alb

Antike Geschichte: Neues Limesmuseum in Aalen - Zweieinhalb Jahre hat die gründliche Modernisierung und Erweiterung gedauert

AALEN
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Vor dem Limes-Museum in Aalen ist mit Beton der Verlauf der einstigen Kastellmauer nachgezeichnet. Das Museum wurde neu gestaltet. Foto: Stefan Puchner (dpa)
Foto: Stefan Puchner

Rö­mi­sche Ge­schich­te wo­hin man schaut. Am Ein­gang so­gar un­ter den Fü­ß­en: »Wir ste­hen di­rekt auf der Mau­er des größ­ten Rei­ter­ka­s­tells nörd­lich der Al­pen«, sagt Mar­tin Kem­kes (55). Die Mau­er ist zwar längst weg. Sym­bo­li­siert wird sie nur durch ei­nen be­schrif­te­ten Bo­den­st­rei­fen.

Doch die Fantasie werde dadurch eher noch beflügelt, findet der Leiter des Limesmuseums in Aalen. »Hier waren 1000 Reitersoldaten samt Pferden untergebracht, das muss man sich mal vorstellen.« Zweieinhalb Jahre hat die gründliche Modernisierung und Erweiterung des Museums gedauert.

Die Bedeutung des Limesmuseums für Europa und das Studium seiner Geschichte sollte nach Kemkes' Überzeugung nicht unterschätzt werden. Das spiegele sich im neuen Konzept für das zuerst 1964 eröffnete größte Museum am 550 Kilometer langen Obergermanisch-Raetischen Limes, den die Unesco 2005 in den Rang einer Weltkulturerbestätte erhob.

»Hier wird der Limes als Grenze zwischen der Weltmacht Rom und den Germanen beziehungsweise Kelten erlebbar, aber zugleich als eine Verbindungslinie zwischen ihnen«, sagt Kemkes. Historiker gehen davon aus, dass Rom sich mit den Befestigungsanlagen, Wachtürmen und Kastellen zwar auch schützen, aber durchaus nicht abschotten wollte.

Der Limes habe die Möglichkeit eines kontrollierbaren Austausches mit den jenseits davon lebenden Völkern geboten, meint auch Kemkes. »Die Römer waren tolerant gegenüber anderen Kulturen und Religionen, aber sie wollten wissen, wer in ihr Reich kommt und wer es verlässt.« Das neue Museum helfe bei der Suche nach Antworten auf Fragen wie diese: »Wie ging damals eine Weltmacht mit vermeintlich barbarischen kleineren Völkern um? Und was können wir daraus lernen?«

Digitales Storytelling

Anfangs führt die Museumstour, zu der auch das Freigelände mit Überresten des Kastells gehört, in Räume, die das Leben der Römer in Aalen und Umgebung veranschaulichen. Dazu werden Methoden des sogenannten digitalen Storytelling nutzbar gemacht: Vor den Besuchern präsentiert sich eine 1800 Jahre zurückliegende Welt anhand der persönlichen Lebensgeschichten von sieben Menschen, die tatsächlich in der Aalener Region gelebt haben - Soldaten ebenso wie Zivilisten. Kemkes: »Alles hier wird nun viel besser präsentiert.«

Pünktlich zur Wiedereröffnung hat Steinmetz Gunter Weinreuter aus Freiberg (Landkreis Ludwigsburg) mit seinem Team Gedenksteine und Statuen wieder aufgebaut. »Die von Trajan gefällt mir besonders gut«, sagte er. Kaiser Trajan (53 bis 117 n. Chr.) gilt wegen der von ihm in Auftrag gegebenen Trajansmärkte in Rom als »Urvater« der Shopping Malls. Die Originalstatue aus Marmor steht zwar im Pariser Louvre. Doch rund 1200 Stücke, die im neuen Limesmuseum auf 1500 Quadratmetern gezeigt werden, sind Originalfunde aus der Region. Das bedeutendste Römermuseum zwischen Schwarzwald, Bodensee und Allgäu sei der Stolz sehr vieler der fast 70 000 Aalener Bürger, sagt Oberbürgermeister Thilo Rentschler (SPD). Mit ihrer modernen Industrie und ihrer alten Geschichte sei die Stadt am Rande der Schwäbischen Alb von überregionaler Bedeutung - wie schon vor rund 2000 Jahren. Da reichte die römische Provinz Raetia vom heutigen Schwäbisch-Gmünd bis nach Passau in Bayern. Mit Augsburg als Hauptstadt und Aalen als größtem Militärstützpunkt.

Römischer Militärstützpunkt

»Mit dem Limesmuseum legen wir Zeugnis ab für die uralte römische Geschichte in unserer Region«, sagt Rentschler (51). »Und wir leisten einen Beitrag für das Projekt Deutsche Limes-Straße mit inzwischen 93 Städten, Märkten und Gemeinden sowie zahlreichen Landkreisen und Touristikgemeinschaften als Mitgliedern.« Rentschler ist Vorsitzender des Vereins, dessen Geschäftsstelle im Aalener Limesmuseum untergebracht ist. Realisiert wurde das Vorhaben mit Gesamtinvestitionen von rund 8,5 Millionen Euro durch die Stadt, das Land und Bund. »Ganz leicht war es nicht, auch den Bund zu überzeugen, der am Ende 2,6 Millionen aus dem Topf für Projekte von nationaler Bedeutung beigesteuert hat«, sagt Rentschler. Dass auch künftig rund 40 000 Besucher pro Jahr in das Aalener Limesmuseum kommen, gilt als sicher. 30 bis 40 Prozent waren bisher Schulklassen, meist aus Baden-Württemberg und Bayern. »Zum Glück stehen die Römer ja immer noch im Bildungskanon«, sagte Kemkes. Dem Tourismus helfe das neugestaltete Museum. »Klar ist aber, dass die Unesco-Auszeichnung als Welterbe kein touristisches Label ist, sondern in erster Linie ein Bildungsauftrag zur Vermittlung von Kulturgeschichte.«

Hintergrund: Aalen

Aalen eine mittelgroße Stadt im Osten Baden-Württembergs, etwa 70 Kilometer östlich von Stuttgart und 50 Kilometer nördlich von Ulm. Sie liegt im Tal des oberen Kocher in der sogenannten Aalener Bucht am nordöstlichen Rand der Schwäbischen Alb. Aalen entstand aus einem alamannischen Dorf in der Nähe eines römischen Kastells und wurde 1360 zur Reichsstadt ernannt. Nach einem Großbrand im Jahr 1634 mussten viele Gebäude wie das Rathaus und die Stadtkirche wieder neu aufgebaut werden. 1803 wurde Aalen württembergische Oberamtsstadt. Heute ist Aalen Kreisstadt und bildet ein Mittelzentrum. Neben dem Maschinenbau sind die Industriezweige Optik, Papier, Informatik und Textilien wichtige Träger der Wirtschaftsstruktur. Mit der Hochschule Aalen für Technik und Wirtschaft, an der 6000 Studierende eingeschrieben sind, ist Aalen eine Hochschulstadt. (mk)

Hintergrund

» Hier waren

1000 Reitersoldaten

samt Pferden untergebracht. «

Martin Kemkes,Museumsleiter

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