Samstag, 20.07.2019

So süße wie tödliche Verführungen

Oper: Humperdincks »Hänsel und Gretel« in familiengerechter Inszenierung im Mainfranken-Theater Würzburg

WÜRZBURG
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Auf einem Schwanenboot: Hänsel (Marzia Marzo) und Gretel (Akiho Tsujii) in der Oper von Engelbert Humperdinck. Foto: Nik Schölzel (Mainfranken-Theater Würzburg)
Foto: Nik Schölzel

Wie herr­lich fies kann die­se He­xe la­chen und ih­re Lip­pen ver­zückt be­ben las­sen!

»Knusper, knusper Knäuschen, wer knuspert mir am Häuschen?« tönt es genüsslich, ehe ein anarchisches Wesen im geblümten Pluderärmel-Kleid und mit blonder Fönwelle das Geschwisterpaar mit so süßen wie tödlichen Verführungen in ihr Reich lockt. Mit Mathew Habib in der Rolle der lustvollen, durch und durch bösen sowie völlig unberechenbaren Knusperhexe in Engelbert Humperdincks Märchenoper »Hänsel und Gretel« ist dem Mainfranken-Theater Würzburg ein wahrer Coup gelungen. Nach einem sinnesfreudigen Hexenritt jubelt am Premierenabend mancher Zuschauer dem Tenor zu. Kindgerecht inszeniert gelingt es Regisseurin Sigrid Herzog dennoch, auch das erwachsene Publikum zwei Stunden lang gut zu unterhalten.

Erste Kapellmeisterin Marie Jacquot verzichtet gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Würzburg in der Ouvertüre weitgehend auf spätromantische Fülle. Stattdessen nähert sie sich dem Humperdinck-Werk, das am 23. Dezember 1893 Uraufführung gefeiert hatte, mit zarter Leichtigkeit. Im Laufe des Abends analysiert sie filigran und tiefgründig die Ereignisse, nimmt das Publikum mit in scheinbar heiter-heile Welten, erzählt von kindlicher Freude und menschlichen Urängsten, verwandelt mit den Musikern Bedrohungen und lustvolle Bosheit in Klang.

Ausgelassenes Tollen

Mit Schauspielerin Julia Baukus nimmt zudem ein stummes Schutzengelchen die Zuschauer, den ein bisschen grummeligen Hänsel (Marzia Marzo) sowie die zuckersüße Gretel (Akiho Tsujii) an die Hand. Es hebt fürs Publikum den Vorhang, tollt ausgelassen mit den Kindern, deckt sie nachts im Wald fürsorglich zu und versteckt die Messer der bösen Knusperhexe. Ein Schutzengelchen in Alltagsklamotten, das Grenzen zwischen Publikum und Bühne, Realität und Fantasie verschwimmen lässt. Und diese Fantasien sind ganz zauberhaft, denn Bühnenbildnerin Julia Katharina Berndt hat die Ereignisse im zweiten Bild nicht in einen Wald, sondern auf ein verlassenes Rummelplatzgelände gelegt mit maroden Achterbahnschienen, einer alten Zuschauertribüne mit Lampions, einem ausgedienten Schwanenboot.

Zufall, dass just am selben Wochenende in Würzburg Kiliani beginnt? Auf alle Fälle entdeckt das Theaterpublikum einen Ort, so morbide wie magisch, der Klein und Groß fasziniert. Erst recht, als ein leuchtendes Sandmännchen mit Mondkopf (Misun Kim) silbrig-glänzende Märchengestalten und eine herrschaftlich gekleidete Königsfamilie in die Träume des Geschwisterpaars sendet (Kostüme Pascal Seibicke). Doch die Gefahr ist nah: Verführerische Naschereien locken die Kinder in die Backstube der lustvoll-gruseligen Knusperhexe.

Auch musikalisch erlebt das Publikum magische Momente. Marzia Marzos warmer Mezzosopran und die glockenklare, hochflexible Stimme der japanischen Sopranistin Akiho Tsujii harmonieren hervorragend. Sie interpretieren die bekannten volkstümlichen Passagen der Märchenoper, sie meistern komplexe Opernmomente. Und vor allem bescheren sie immer wieder sehr intime Augenblicke, etwa im Abendgebet.

So ausgelassen kindlich sich die beiden Sängerinnen den Rollen nähern, bleiben sie doch in Sigrid Herzogs Inszenierung bewusst archetypische Figuren, die mit menschlichen Urängsten konfrontiert werden. Gleichzeitig stammen sie aus einem recht normalen Elternhaus (Barbara Schöller als Mutter Gertrud, Kosma Ranuer als Vater Peter), in dem vielleicht einmal geschimpft, aber vor allem geliebt wird, so dass sich auch kleine Theaterbesucher rasch in die Rollen hineindenken können. Eine gelungene Premiere feiert am Ende des Opernabends der neu begründete Junge Chor des Mainfranken-Theaters Würzburg in niedlichen Lebkuchenkostümen (Leitung Anton Tremmel).

Langer Applaus

Das Publikum applaudiert wohlwollend und lang. Tränen in den Augen hat Dirigentin Marie Jacquot. Gerade einmal 26 Jahre jung hatte die Französin im September 2016 ihre Arbeit als Erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin angetreten. Mit »Hänsel und Gretel« verabschiedet sie sich nun vom Publikum des Mainfranken-Theaters Würzburg. Ab der Spielzeit 2019/20 wird Jacquot Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein. Ihre Nachfolge in Würzburg wird Gábor Hontvári antreten.

bDauer: zwei Stunden (mit Pause); nächste Vorstellungen, jeweils 19.30 Uhr: 16. und 27. Juli, 3. und 31. Oktober, 9. November; 14. und 19. Dezember; 11. Januar; 5. Februar; jeweils 15 Uhr: 29. September; 17. November; 17 Uhr: 29. Dezember.

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