Montag, 17.06.2019

Schaurig-schräges Gruselkabinett

Rockmusical:Mainfranken Theater Würzburg zeigt Tom Waits »The Black Rider« in der Behr-Halle im Rathaus - Wer das Skurrile mag, erlebt eine »gay old time«

WÜRZBURG
Kommentieren

Was für ein schrä­ges, ro­cken­des Gru­sel­ka­bi­nett! Die bild­h­üb­sche Mut­ter An­ne - bleich ge­sch­minkt im wal­len­den Ba­rock­k­leid mit auf­ge­ris­se­nen, schwarz um­ran­de­ten Au­gen - säuft die Schnaps­bar leer. Erb­förs­ter Ku­no zuckt und stot­tert, bleckt die schwarz be­pin­sel­te Zun­ge, stöhnt düs­ter und hat den blan­ken Wahn­witz im Blick.

Und die Mimik des an sich doch so reizenden Käthchens kennt nur extreme Stereotype: ein festgefrorenes Grinsen etwa, den zum Schrei verzerrten Mund oder ein teilnahmsloses Starren.

Horrorgestalten

Und das sind noch nicht alle Horrorgestalten, die das Mainfranken-Theater-Publikum in der neuen Behr-Halle im Rathaus als externer Spielstätte des Mainfranken Theaters erwarten. Mit dem Rockmusical »The Black Rider« bereitet das Schauspielensemble Fans des schaurig-schrägenden Horrors im Stile eines Tim Burton ziemlich viel Spaß. »Tu was Du willst, das ist die ganze Regel«, macht sich auch das Team um Regisseur Tim Egloffs fantasiereich zur selbigen. Die Braut küsst sich den Bizeps, Blut fließt, die Kuschelgans lässt Federn.

Die Geschichte, angelehnt an den »Freischütz«, in aller Kürze: Försterstochter Käthchen (Julia Baukus) liebt Amtsschreiber Wilhelm (Cedric von Borries). Der aber darf sie - so lautet die patriarchale Regel der Erbförsterei (Alexander Darkow als Erbförster) - nur heiraten, wenn er des Schießens mächtig ist. Oberförster Bertram (Martin Liema), der lieber Biber, Otter und den Raps statt Zeitung liest, hat deshalb Jäger Robert (Bastian Beyer) auserkoren. Blöd für Käthchen, dass der nach Zwiebeln stinkt.

Abgedrehte Inszenierung

Mutter Anne (Johanna Meinhard) quatscht nicht allzu viel rein und trinkt und singt lieber. Praktisch für Wilhelm, dass plötzlich ein mysteriöser Typ namens Stelzfuß (Maria Brendel) auftaucht mit magischen Kugeln, die ihr Ziel niemals verfehlen. Doch die Sache hat einen Haken: Wohin die letzte Kugel fliegt, bestimmt Stelzfuß. Klar, manchen traditionell verorteten Theatergast dürfte es geben, der mit der abgedrehten Inszenierung von Regisseur Tim Egloff, wenig anfangen kann und eine Carl-Maria-von-Weber-Variante des »Freischütz« vorzieht. Aber so ist es nun mal mit den kleinen Geniestreichen: Sie spalten gerne die Gemüter. Der Spaß beginnt schon bei den teilweise »denglischen« Reimen - so morbide wie selbstironisch, so düster wie lyrisch. 1990 wurde das Bühnenstück von Autor William S. Burroughs und Musiker Tom Waits in Hamburg uraufgeführt.

So richtig einordnen lässt sich die Musik in kein Genre und bewegt sich irgendwo zwischen provokant-rockiger Sperrigkeit, Kabarettmusik der 30er Jahre, Brechtschen Anleihen und berührenden sowie im Kontrast schon wieder ironisierenden Balladen. Adrian Sieber sitzt mit sechsköpfiger Liveband in Verkleidung auf der Bühne - und sorgt zwischendurch auch mit singender Säge und klingenden Gläsern für Schauersound.

Dass sie für Schauspieler ziemlich gut singen können, stellen die beteiligten Ensemblemitglieder - nach »Leighton`s Jukebox« in der vorigen Spielzeit - erneut unter Beweis. Von Maria Brendel weiß man's sowieso. Mit charmant-dreckiger Power-Stimme lenkt sie als Stelzfuß magische Gewehrkugeln wie auch die Bühnenereignisse. Ihr finales »The last Rose of Summer« dürfte Würzburgs Publikum in Erinnerung bleiben und deutet wohl gleichsam auch den Abschied der Theaterpreisträgerin 2018 an. Bastian Beyer als Erbförster Kuno kann ganz schön hohe Töne, Johanna Meinhard macht die Gospelmama, Möchtegern-Schütze Cedric von Borriesduettiert verliebt mit seinem Käthchen.

Und weil sich Julia Baukus durchaus im Klaren ist, dass nicht jeder hohe Ton bei ihr sitzen wird, macht sie daraus lieber ab und an ein hysterisches und im doppelten Sinn schräges Brautkreischen. Richtig gut röhrt sich auch Martin Liema durch Songs wie »But he`s not Wilhelm«.

Open-Air-Atmosphäre

Die neu überdachte Behr-Halle des Rathauses (ehemals Efeuhof) bietet als externe Spielstätte Open-Air-Atmosphäre - und gleichzeitig Schutz vor Wind und Regen. Technik steht Bühnen- und Kostümbildnerin Nicole Zielke nicht allzu viel zur Verfügung, doch stört dies nicht. Die Rundbögen bieten Bühnenatmosphäre genug, dazu ein bisschen Projektion, ein Bett und ein - nennen wir es ausgeweidetes Hirsch-Bar-Objekt. Das Ensemble bezieht Treppenstufen, Rundbögen sowie die Fenster im oberen Stock mit ins Spiel ein.

Mal erscheint dort Stelzfuß, mal regnet es Silbersternchen. Großartige Hingucker: die extravaganten Kostüme mit historischen Elementen wie Anleihen aus der Steampunk- und Gothic-Szene. Das Premierenpublikum lohnt die »gay old time« mit »The Black Rider« mit anhaltendem Applaus - und darf sich über eine Zugabe freuen.

bDauer: 135 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen in der Behr-Halle im Würzburger Rathaus, jeweils ab 20 Uhr: 28. Mai, 5., 13., 16., 19. und 26. Juni sowie 3. und 17. Juli.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!