Mittwoch, 19.06.2019

Reichlich Haut und Erotik in heißen Tanzszenen

Broadway-Musical: »Chicago« gastiert vom 18. bis 23. Juni in der Frankfurter Alten Oper - Weltweit bisher über 31 Millionen Besucher in 36 Staaten

NEW YORK/FRANKFURT
Kommentieren
Verführerisch: Szene aus dem Musical »Chicago«. Foto: Tristram Kenton
Foto: Tristram Kenton

»›Chi­ca­go‹ ist welt­weit ei­ne Mar­ke, übe­rall kennt man die­ses Mu­si­cal - selbst in Chi­na!« Für ei­nen Mo­ment er­fasst Lei­den­schaft Bar­ry Weiss­ler, wäh­rend der al­te Herr mit dem ak­ku­rat sit­zen­den Ein­steck­tuch im dun­k­len Bla­zer den Blick aus dem Fens­ter sei­nes hoch ge­le­ge­nen Bür­os gen Ti­mes Squa­re schwei­fen lässt.

Seine blauen Augen hinter der Brille blitzen und ein zufriedenes Lächeln zieht sich über die bärtigen Gesichtszüge. Kein Wunder, schließlich hat der Produzent in den vergangenen Jahrzehnten bereits zahlreiche Shows am Broadway herausgebracht und dafür allein sieben Tony-Awards eingeheimst - doch diese Produktion ist zweifellos die erfolgreichste in seiner langen Karriere: Allein im New Yorker Ambassador Theater, wo das Musical um Sex und Mord, Jazz und sensationslüsterne Presse seit 1996 ununterbrochen läuft, wurden bis heute mehr als 570 Millionen Euro eingespielt, weltweit haben über 31 Millionen Besucher in 36 Ländern die Produktion gesehen und damit das Einspielergebnis auf 1,34 Milliarden Euro anwachsen lassen.

In Deutschland wenig bekannt

Lediglich in Deutschland ist das Stück noch kaum bekannt - doch Weissler zeigt sich zuversichtlich, dass sich dies mit der nun anstehenden zweimonatigen Tournee und ihrem Gastspiel in Frankfurt ändern wird. »Die Kompositionen von John Kander und Fred Ebb sind einfach brillant, es gibt keine einzige langweilige Nummer - was man wirklich nicht von vielen Musicals sagen kann«, schwärmt der 80-Jährige. Obendrein ist die Geschichte um die zwei mordlustigen Frauen Roxie Hart und Velma Kelly authentisch, basiert die satirische Komödie der Gerichtsreporterin Maurine Watkins auf zwei spektakuläre Fälle im Chicago der 1920er-Jahre. Habgier, Korruption, Skrupellosigkeit: »Die Grundgedanken dieser Story sind bis heute aktuell, vielerorts läuft es noch immer so - ein Spiegel unserer Gesellschaft«, stellt Weissler fest.

Zweitlängste Spieldauer

Und der lang anhaltende Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Ist »Chicago« doch inzwischen am Broadway nach Lloyd-Webbers »Phantom der Oper« das Musical mit der zweitlängsten Spieldauer! Was mehr als nur einen feuilletonistischen Superlativ bedeutet im heiß umkämpften New Yorker Musical-Markt, wo sich rund um den Times Square zwischen der 41. und 53. Straße mehr als 40 große Theater ballen und um die Gunst sowie das Geld der vergangenen Saison fast 14 Millionen Besucher werben: Wer hier nicht allabendlich die Theaterreihen zu füllen vermag, ist schnell vom Spielplan wieder abgesetzt. Erst vor zwei Monaten erwischte es das mit zehn Tony-Awards ausgezeichnete Musical des Jahres 2018 »The Band's Visit« - nach noch nicht einmal zwei Jahren Laufzeit.

Umso erstaunlicher, dass sich »Chicago« seit bald 23 Jahren in diesem knallharten Business behauptet: Schließlich handelt es sich weder um eines jener zirkus-bunten Disney-Stücke noch um ein »Movical« (die Übertragung eines Blockbuster-Films auf die Bühne) oder ein Jukebox-Musical, dessen Handlung um die Hits von (ehemaligen) Popstars gestrickt ist. Ganz im Gegenteil: Die Produktion ergeht sich in edler Schlichtheit, die Jazz-Combo ist mitten auf der Bühne platziert, die Darsteller begnügen sich ohne große Kostümwechsel mit Netz, Dessous und dem kleinen Schwarzen. Was nicht nur reichlich Haut und Erotik mit sich bringt, sondern auch die nötige Bewegungsfreiheit zum Tanzen lässt: Ist doch die Choreografie neben der Musik das zweite tragende Element dieser Show. Heiße Tanzszenen, mit denen 1997 schon Ute Lemper in eben dieser Inszenierung als Mörderin Velma Kelly der internationale Durchbruch gelang.

Deren Ursprünge indes liegen noch einmal 20 Jahre weiter zurück: Uraufgeführt wurde das Musical nämlich bereits im Juni 1975 im 46th Street Theatre - und seinerzeit hatte Choreografen-Legende und Oscar-Preisträger Bob Fosse (Tanz-)Regie geführt. »Nach dem Abendessen stand er daheim auf, hat getanzt und gesungen und mir erklärt, warum es genau so aussehen müsse«, erinnert sich seine damalige Muse und Lebenspartnerin Ann Reinking an die Entstehung der Inszenierung. Zwei Jahre später fiel dennoch erst einmal der letzte Vorhang und das Musical verschwand in den Annalen des Broadway? bis Weissler knapp zwei Jahrzehnte später wieder auf das Stück aufmerksam wurde. In Erinnerung an Fosse kam für ihn als Choreografin der Neuauflage nur Reinking in Frage - und die hat das »Chicago«-Revival denn auch ganz im Geiste ihres 1987 verstorbenen, künstlerischen Ziehvaters inszeniert und schaut bis heute regelmäßig auf die New Yorker Produktion.

»Das Konzept sollte dasselbe sein, denn seine Arbeit war und ist zeitlos - sexy, doch immer elegant«, beschwört die 69-Jährige für einen Augenblick noch einmal den Genius ihres verflossenen Liebhabers. Um zum Abschluss - wir sind ja im Theater und die preisgekrönte Schauspielerin und Tänzerin weiß natürlich nur zu gut um die Wirkung tränenreicher Pathos-Sätze - noch hinzuzufügen: »Was mich bei all diesem Erfolg allein traurig macht ist, dass Bob diese Show hat nicht noch einmal sehen können - aber vielleicht schaut er ja vom Himmel aus zu?«

b »Chicago«: von Dienstag, 18., bis Sonntag, 23. Juni, in der Frankfurter Alten Oper

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!