Samstag, 21.09.2019

Mit Hagen und Siegfried nachts im Museum

Oper:Das Mainfranken Theater Würzburg wagt sich in einer gelungenen neuen Fassung von Eberhard Kloke an Richard Wagners »Götterdämmerung«

WÜRZBURG
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Er hat es nicht leicht: Siegfried (Paul McNamara) in der »Götterdämmerung«. Foto: Nik Schölzel (Mainfranken Theater)
Foto: Nik Schölzel
Wer »Nachts im Mu­se­um« Ge­stal­ten aus mys­ti­schen Zei­ten be­geg­nen will, braucht da­für nicht un­be­dingt ins Ki­no ge­hen. Für sei­ne Ins­ze­nie­rung von Ri­chard Wag­ners »Göt­ter­däm­me­rung« am Main­fran­ken Thea­ter Würz­burg ließ sich Re­gis­seur To­mo Su­gao von der Film­ko­mö­d­ie aus dem Jahr 2006 in­spi­rie­ren.

In einer Art Naturkundemuseum lässt er Relikte aus dem Nibelungen-Mythos zum Leben erwachen. Klingt überraschend, ist aber eine großartige Idee - längst nicht nur, was die Chance zur spektakulären Kostüm- und Bühnenausstattung angeht.

Das Publikum begegnet dort, im Museum, dem Opernschurken Hagen bereits als Kind. Sugao arbeitet heraus, wie aus einem unschuldigen Jungen ein Bösewicht werden konnte - und überbrückt damit unterhaltsam erzählend auch jene sonst doch eher langatmigen Szenen der monumentalen Wagner-Komposition.

66 Orchestermusiker

Kritische Stimmen gibt es, die Wagner ungeeignet halten für die mittelgroßen Bühnen. Würzburg beweist jedoch - nach Meyerbeers »Hugenotten« und Verdis »Sizilianischer Vesper« in den vorigen Spielzeiten - erneut, dass die große Oper hier sehr gut funktioniert. Und eigentlich ist die Erkenntnis noch nicht mal so neu, immerhin gibt es mit der so genannten Coburger Fassung schon seit Anfang des 20. Jahrhundert eine kleine Bühnenspielfassung des Wagner-Trilogie-Finales. Würzburgs Publikum kommt nun sogar in den Genuss einer kleinen Uraufführung, denn Generalmusikdirektor Enrico Calesso präsentierte mit seinem Philharmonischen Orchester Würzburg eine Neufassung des Komponisten Eberhard Kloke, die dieser im Vorjahr fertiggestellt hatte. Statt 115 Orchestermusikern braucht es für die Fassung nur noch 66.

Typische Wagnerklänge

Kloke wollte aber auf typische Wagnerklänge nicht verzichten - und da ist ihm ein kleiner Geniestreich geglückt. Denn zum einen verzichtet er nicht auf wagnertypische Instrumente wie etwa Wagnertuba, Kontrabassposaune oder Basstrompete. Zum anderen verwendet er bewusst Instrumente, die Wagner gar nicht kannte wie etwa die Celesta, um mit weniger Musikern möglichst nah ans Wagner-Original ranzukommen. Für die Orchestermusiker ist die Herausforderung entsprechend groß: Nicht nur, dass sie - wie das Publikum - sechs Stunden lang durchhalten müssen. Indem Kloke das Orchester umorganisierte, haben viele der Musiker nun wesentliche höhere Spielanteile.

Enrico Calesso setzte für die Produktion vorab so viele Orchesterproben wie noch nie an. Das macht sich jetzt in der Klangschärfe mehr als bezahlt. Dass der Generalmusikdirektor mit seinen Musikern Urgewalten, mystische Klänge und die volle Emotionspalette präsentieren wird, dürfte zuvor indes kaum bezweifelt haben, wer mit dem »Würzburger Klang« vertraut ist.

Zurück zur Inszenierung: Da geht es also um den kleinen Hagen, den erst die Kindheitserlebnisse zu jenem Mann machten, der er heute ist: Das Produkt einer Vergewaltigung, bläut ihm der Vater von klein auf ein, dass Hagen, um ein guter Sohn zu sein, an den Ring gelangen muss. Der Junge hört als Kind vom alten Nibelungen-Mythos und macht als Erwachsener, was bis heute beliebte Propagandataktik ist: Er missbraucht den Mythos (der anbei auch für die Religion stehen könnte), um Intrigen zu spinnen und um an den verdammten Ring zu kommen. Die Sprosse des Geschlechts der Nibelungen stehen in Tomo Sugaos Inszenierungen für eine Politikergesellschaft, die für diese Form der Propaganda allzu offen ist.

Hier überzeichnet Sugao bewusst: Er lässt eine abgedrehte Kostümparty, steigen, die Damen haben Pin-Up-Figuren, Ziel allen Strebens sind Sex, Alkohol und der eigene Vorteil. Da erstaunt kaum, dass Gunther einen blauen Anzug, rote Krawatte und eine blonde Haartolle trägt und sein Büro dem Oval Office ähnelt. Als später der Chor die Bühne betritt, muss das Publikum eine ganze Horde Trump-Klone ertragen. Ob es den so direkten Bezug braucht oder nicht, kann man zumindest diskutieren.

Den Kontrast zwischen der Mythen- und der Menschenwelt arbeiten Bühnenbildner Paul Zoller und Kostümbildnerin Carola Volles grandios heraus: Auf der einen Seite sind da die Sagengestalten mit silbrig bemalten Körpern und in monochromen, pompösen Kostümen. Leblos sitzen sie wie Ausstellungsstücke in ihren beschrifteten Vitrinen, ehe sie in Aktion treten. Daneben steht die quietschbunte Party-Polit-Welt mit schrillen Kostümen und Luftballons. Die beiden Welten sind auf der Drehbühne getrennt - und auch wieder nicht. Wie fehl am Platz und wie machtvoll wirkt Brünhilde im schweren Silberkleid, als sie plötzlich mitten im ordinären Partyvolk steht!

Sämtliche Sänger feiern am Premierenabend ihr Rollendebüt. Der irische Heldentenor Paul McNamara kehrt in der Partie des Siegfried wieder einmal zurück ans Mainfranken Theater, bleibt allerdings diesmal etwas blass neben Guido Jentjens als Hagen. Die Herausforderung, einen doch recht menschlichen Schurken zu geben, der an seiner Vergangenheit knabbert, meistert er mit Bravour - und dies öffnet ihm auch gesanglich spannende Facetten: Mal lässt er Zerbrechlichkeit mitschwingen, mal mit Stimmgewalt seinen unumstößlichen Willen zur Zerstörung. Und dann klingt da wieder jene böse Coolness durch, die es braucht, um Intrigen zu spinnen. So geht echtes Opernspiel. Unter den Sängerinnen, keine Frage, glänzt die gefeierte Mezzosopranistin Elena Batoukova-Kerl am stimmgewaltigsten. Mit beeindruckender Klangtiefe klagt sie sich als Brünhilde durch ihr Schicksal. Schöner kann ein »Weh« kaum klingen. In weiteren Rollen unter anderem: Claudia Sorokina (Gutrune) und Sandra Fechner (Waltraute) sowie aus dem Ensemble des Mainfranken Theaters Kosma Ranuer (Gunther) und Igor Tsarkov (Alberich).

Durchdachte Ideen

Wagner so frei, so erzählend zu inszenieren, wie es Tomo Sugao in Würzburg macht, ist mutig. Und natürlich, wenige Protestrufe sind beim Endapplaus zu hören, als der Regisseur die Bühne betritt. Fürs Gros des Publikums sind seine durchdachten Ideen aber eine echte Bereicherung wie auch anhaltende Ovationen belegen. Sechs Stunden »Götterdämmerung« - zwei Pausen inklusive - vergehen überraschend flott.

bDauer: sechs Stunden (mit zwei Pausen); nächste Vorstellungen, ab 15 Uhr: 16. und 30. Juni; ab 16 Uhr: 30. Mai, 9., 20. Juni; 14. Juli; ab 17 Uhr: 20. Juli; jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn Stückeinführung im Foyer. In beiden Pausen werden im Foyer Bratwurst, Kartoffelsalat und Getränke serviert. In der einstündigen ersten Pause gibt es bei Vorabbuchung in Kooperation mit den Bürgerspital Weinstuben dort ein saisonales Auswahl-Menü.

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