Dienstag, 21.05.2019

Gründe und Abgründe

Kabarett:Claus von Wagner bewies im Elsenfelder Bürgerzentrum, dass Kapitalismuskritik süchtig machen kann

Elsenfeld
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»Ich dach­te da­mals, mein Pro­gramm er­le­digt sich in zwei Jah­ren von selbst«, sagt Claus von Wag­ner, wenn er in In­ter­views nach der Ge­burts­stun­de sei­nes fünf­ten So­lo­pro­gramms »Die The­o­rie der fei­nen Men­schen« 2012 ge­fragt wird.

Eine Prognose, mit der er ähnlich falsch lag wie die »Spezialisten« in Politik und Wirtschaft, die Jahr für Jahr bei ihren Wirtschaftsprognosen beweisen, dass sie weit weniger treffsicher sind als Wetterfrösche.

Sensibel und klug

Eine mehr als zweistündige Tour d'Horizon durch Gründe und Abgründe des Bankenwesens und des kapitalistischen Wirtschaftssystems vor knapp 500 Besuchern im Elsenfelder Bürgerzentrum, einem Publikum, das auf Kabarett-Unterhaltung gepolt ist, das schafft nur einer, der stupendes Fachwissen so unterhaltsam und anschaulich präsentieren kann wie der 41-jährige Claus von Wagner, mit Max von Uthoff seit fünf Jahren Leiter der »Anstalt« im ZDF. Er war der einzige, der manchmal auf der Bühne vor Langeweile gähnte, eingeschlossen im fiktiven Tresorraum einer Filiale der Deutschen Bank, während im Saal eine perfekte Mischung aus Aufmerksamkeit und sensiblen, klugen Reaktionen herrschte. Dass dieses Kunststück gelang, liegt auch daran, dass der Träger von 28 Kleinkunstpreisen nie nur kleine Szenen aneinanderreiht, sondern mit verblüffender schauspielerischer Brillanz ein intensives Einpersonenstück auf der Bühne zelebriert.

Wer ihn mit diesem Programm vor vier Jahren in der Kochsmühle erlebt hatte, rieb sich erstaunt die Augen: Text und Performance Wagners haben nicht nur keine Alterspatina angesetzt, sie wirken frischer, aktueller und brisanter denn je! Das liegt weniger daran, dass Wagner natürlich einige neue Entwicklungen aufnimmt, die in sein Konzept passen, wie die Farce rund um die Automobilindustrie mit einem Verkehrsminister Andreas Scheuer, der besonders dringend frische, unverbrauchte Luft bräuchte, weil er »tief im Arsch dieser Industrie steckt«, es liegt eher daran, dass der Kabarettist aus München es immer wieder schafft, sich als ahnungslos und lustlos in Sachen Finanzen und Wirtschaft zu outen. In diesem Gewand angeblicher Ahnungslosigkeit präsentiert er dann so glasklar und nachvollziehbar Themen wie Finanzderivate, den Hype um das Bruttoinlandsprodukt, die Wachs-tumsideologie und das Spiel der Ratingagenturen, dass fast spielerisch Insiderwissen öffentlich und am Ende klar wird: Auch und gerade im Finanzsektor ist der Kaiser tatsächlich nackt - er kann es nur sehr gut kaschieren.

Von Wagner alias Neumann entlarvt im Kellertresorraum der Deutschen Bank den Irrsinn im Finanzwesen, der sich als Wissenschaft tarnt, fragt nach »Abgaswerten von Derivaten«, sinniert über den angeblichen Zusammenhang von steigendem Bruttoinlandsprodukt und Wohlergehen nach und stellt »Kompass Life 3«, vor, die Methode, mit der die Deutsche Bank mit Lebensversicherungen zockte. Man ahnt jetzt, warum diese Bank ihr altes Motto »Vertrauen ist der Anfang von allem« nicht mehr verwendet,

Es war ein rundum schlüssiges Programm, das Unterhaltung, Aufklärung und gerechte Empörung perfekt miteinander kombinierte. Für brillante Kabarettisten wie Claus von Wagner gibt es offensichtlich nur ein echtes Problem, das er am Beginn des Programm im Rücken der Zuschauer schilderte: Politik und Wirtschaft sind in ihrem skurrilen, unsinnigen, paradoxen Handeln und Reden längst so allgegenwärtig, dass sie Kabarettisten das Leben schwer machen, weil deren schönste Satiren im Alltag immer wieder getoppt werden.

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