Mittwoch, 21.08.2019

Ein Abenteuer auf dem Rhein

Petra Johanna Barfs: Die Künstlerin und Geschichtenerzählerin über ihre Kajakfahrt und ihre Kunst

FRANKFURT
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Petra Johanna Barfs. Foto: Christian Huther
Foto: Christian Huther
Im ver­gan­ge­nen Som­mer fuhr die Frank­fur­ter Künst­le­rin mit dem Ei­n­er­ka­jak fünf Wo­chen auf dem Rhein. Ih­re 535 Ki­lo­me­ter lan­ge Tour führ­te sie von Mainz-Gu­s­tavs­burg, wo der Main in den Rhein mün­det, bis Ho­ek van Hol­land bei Rot­ter­dam, wo der Rhein in die Nord­see fließt.

Jetzt erzählt Petra Johanna Barfs im Gespräch mit Christian Huther über ihre Erlebnisse auf der Reise und die danach entstandenen Werke.

Was waren Ihre wichtigsten Erlebnisse und Eindrücke?

Jeder Tag war anders und hat mich vor neue Herausforderungen gestellt, sei es der stärkere Wind, die wechselnde Strömung, die Hitze oder die Schiffe und Fähren, denen ich ausweichen musste. Teilweise bin ich auch in gefährliche Situationen geraten.

Zum Beispiel?

Na ja, auf dem Wasser gibt es eine klare Hackordnung, große Schiffe haben vor kleinen Schiffen immer Vorrang. Mit meinem kleinen Boot musste ich zusehen, dass ich nicht in die Fahrrinnen der Schiffe gerate. Aber gefährlicher waren die Fähren, die den Fluss kreuzten oder die Jet-Ski-Fahrer, die oft betrunken waren.

Und Ihre Eindrücke?

Bis Rüdesheim war es sehr beschaulich und ruhig, dann begann die Herausforderung mit mehr Schiffen und einer stärkeren Strömung. Das romantische Bild vom Rhein stimmt nur von außen, aber nicht auf dem Wasser mit einem Boot. Später am Niederrhein gibt es nur die von Menschen geschaffene Industrielandschaft, die auf ihre Weise auch faszinierend ist.

Sie sind sehr sportlich, haben vor der Tour auch intensiv trainiert. Gab es dennoch Situationen, wo sie aufgeben wollten?

Ja, einmal habe ich die Zeiten für Ebbe und Flut verwechselt und paddelte dann sechs Stunden gegen die Strömung, um nur 15 Kilometer voranzukommen. Da war ich kurz vor dem Aufgeben. Irgendwann geht es nur noch um die eigene mentale Stärke, damit so etwas zu schaffen ist. Zuweilen hatte ich auch Angst, aber die war hilfreich, sie schärft die Sinne.

Sie haben auf der Reise Material gesammelt und Geschichten über den Rhein gehört. Welche Begegnungen hatten Sie?

Am Niederrhein hat mir eine Biologin erklärt, dass der Rhein mit seiner Begradigung eine ökologische Katastrophe ist. Durch die Kanalisierung verschwanden die vielen Seitenarme des Rheins, die den Fischen als Laichplätze dienten. In Wesel, auch am Niederrhein, berichtete ein Archivar, dass der Fluss für die Anwohner eine Gefahr bedeutet, nicht nur wegen der Strömung und der Schiffe. Im Zweiten Weltkrieg wurden zahllose Städte von allen Nationen mit Phosphorbomben in Brand gesteckt. Manchmal fielen diese in den Rhein. Die kleinen und glitzernden Teilchen wirkten auf die am Ufer spielenden Kinder sehr reizvoll. Sie hoben diese auf, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, dass Phosphor mit Wärme reagiert und sich erhitzt.

Und wie sieht es mit Ihren künstlerischen Ideen aus?

Auf der Tour habe ich nur Material gesammelt und meine Tageserlebnisse in einem Logbuch geschildert. Erst nach der Rückkehr habe ich alles ausgewertet. In einem Antiquariat im niederländischen Arnheim etwa fand ich zwei Bücher, eines über deutsche und niederländische Frauentrachten und eines über chinesische Keramik, die mich an das Delfter Porzellan mit seinem intensiven Blau erinnert hat. Die Trachten und die chinesischen Ornamente habe ich miteinander verbunden, denn die Holländer führten im frühen 17. Jahrhundert auf dem Rhein auch das chinesische Porzellan ein. In die Köpfe der Frauen und auf andere Körperteile habe ich die Ornamentik von chinesischen Vasen collagiert und die Kopien dann auf normale Kacheln montiert. So entstand die Serie »Good Girls«.

Aber war die Tour für Sie eine künstlerische Inspiration oder auch eine Selbsterfahrung?

Beides, denn ich kann in meinen Werken nur das erzählen, was ich erlebt habe. Ich verstehe mich als Geschichtenerzählerin und bin deshalb immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Der Rhein ist ja voller Geschichten.

Hat die Rheinfahrt Ihre Motive verändert? Bisher beschäftigten Sie sich mit Heimat, Geschichte, Natur und deutscher Identität.

Ja, die Motive haben sich geändert. Die Natur steht nicht mehr im Vordergrund, sondern die Frauen mit ihren alten Trachten. Es sind schöne Frauen mit majestätischer Erscheinung; im Hintergrund leuchten kleine, blassgelbe Kreise auf, die an die glitzernden Phosphorteilchen aus dem Rhein erinnern. Bei mir mischt sich immer das Schöne mit dem Schrecklichen. Dass die Frauen so stark in den Vordergrund gerückt sind, hat auch damit zu tun, dass ich auf dem Rhein fast nur mit Männern zu tun hatte. Sie behandelten mich zwar mit Respekt, aber belächelten mich auch. Eine solche Tour traut man einer Frau nicht zu. Wir stecken also immer noch in den alten Rollenklischees.

Zur Person: Petra Johanna Barfs

Mit dem Wasser ist Petra Johanna Barfs bestens vertraut, wurde sie doch 1974 im ostfriesischen Emden geboren. Nach dem Kunststudium im niederländischen Groningen zog sie vor 19 Jahren nach Frankfurt. Dort ging sie parallel an zwei Kunsthochschulen, zum Aufbaustudium für elektronische Medien an die Offenbacher Hochschule für Gestaltung und zum Gaststudium in der Filmklasse an die Frankfurter Städelschule. Einen Überblick über ihre Arbeit und mehr über ihre Kajakfahrt auf dem Rhein gibt es unter: www.petrabarfs.de (hut)

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