Sonntag, 18.08.2019

»Die Thematik wird vonseiten der Täter aufgerollt«

Norbert Bertheau: Der Regisseur des Theaterstücks »Herr, öffne meine Lippen« über Hexenprozess - Aufführung am Originalschauplatz

ZELL AM MAIN
Kommentieren
Norbert Bertheau, Regisseur des Theaterstücks "Herr, öffne meine Lippen" . Bildunterschrift 2019-07-16 --> Norbert Bertheau, Regisseur des Theaterstücks »Herr, öffne meine Lippen«. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider
Das Kloster Unterzell brannte bei der Bombardierung Würzburgs im Jahr 1945 nieder. Die Ruine wird nun Theaterschauplatz. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider
Der He­xen­pro­zess ge­gen die ade­li­ge Ma­ria Re­na­ta Sin­ger rück­te Würz­burg im Jahr 1749 in den Blick der Welt­öf­f­ent­lich­keit. Kai­se­rin Ma­ria The­re­sa äu­ßers­te sich ent­setzt, der Papst droh­te mit Bloß­stel­lung des Würz­bur­ger Fürst­bi­schofs. Doch was ge­nau war da­mals ge­sche­hen?

Dieser Frage wird das Theaterstück »Herr, öffne meine Lippen« aus der Feder des Autors Roman Rausch nachgehen. Gespielt wird ab 18. Juli am Originalschauplatz im ehemaligen Kloster Unterzell. Regisseur Norbert Bertheau zeichnet für die Inszenierung mit der neu gegründeten Theater-Company Zell verantwortlich. Ein Gespräch mit dem 82-Jährigen.

Wer genau war denn eigentlich diese Maria Renata Singer?

Sie war Subpriorin des Klosters Unterzell, dieses gehörte - wie auch das Kloster Oberzell, in dem damals die Mönche lebten - zum Prämonstratenser-Orden. Maria Renata Singer führte das Frauenkloster wohl mit Strenge, dadurch waren ihr einige Mitschwestern nicht gut gewogen. In der Zeit war es im Volk üblich, Leute der Teufelei oder Hexerei zu beschuldigen, wollte man ihnen Übles. Hinzu kamen außerdem wohl auch wirtschaftliche Gründe: Die Mönche hatten als Osterspende Geld von der Subpriorin gefordert, sie hatte dies aber abgelehnt. Und so kam es dann, nachdem 100 Jahre lang in Franken keine Hexe mehr verbrannt worden war, dass Maria Renata Singer der Hexerei bezichtigt wurde und am 21. Juni 1749 im Höchberger Hexenbruch starb. Zum Richtplatz musste sie getragen werden aufgrund ihres hohen Alters und, weil sie wohl zuvor von Mönchen misshandelt worden war.

Und wie kommt es, dass Sie nun ein Theaterstück über die Ereignisse inszenieren?

Ich habe vor 27 Jahren das »Theater Ensemble« in Würzburg gegründet. Seit drei Jahren lebe ich in Zell. Eines Tages kam die Gemeinde auf mich zu und fragte, was ich von einem Theaterstück über Maria Renata Singer hielte, vermutlich auch, weil ich auf der Sommerbühne vor einigen Jahren bereits eines inszeniert hatte. Nun sollte aber ein neues Stück entstehen. Mir kam sofort der Autor Roman Rausch in den Sinn, der ja bereits in zwei seiner historischen Würzburg-Romane die Hexenthematik aufgegriffen hatte. Er lebt inzwischen in Berlin, wir kannten uns bis dahin nicht. Ich schrieb ihm im vorigen September, wir trafen uns, besprachen Einzelheiten und innerhalb von zwei Monaten schrieb er ein abendfüllendes Theaterstück. Gleichzeitig starteten wir über das Gemeindeblatt die Schauspielersuche - und fanden 14 interessierte Leute aus Zell und Umland.

Welche Einzelheiten besprachen Sie mit Roman Rausch?

Wir vereinbarten, die Thematik vonseiten der Täter aufzurollen und Maria Renata Singer gar nicht auftreten zu lassen. Stattdessen kommt eine Katze vor und steht symbolisch für das Böse und die Hexerei. Für die Rolle konnten wir die Tanzpädagogin Lisa Kuttner gewinnen. Sie tanzt den Teufelstanz, animiert die Nonnen zum Bösen, wird aber gleichzeitig von den Mönchen drangsaliert.

Und fest stand ziemlich schnell, dass am einstigen Originalschauplatz gespielt wird, nämlich in der Ruine des Klosters Unterzell.

Genau. Diese war 1945 bei der Bombardierung Würzburgs niedergebrannt. Seit 1971 befindet sich in der einstigen Apsis die evangelische Versöhnungskirche. Wir überlegten erst, das Stück in den Garten der Klosterruine zu legen, die Geräuschkulisse dort ist aber durch die nahe Straße erheblich. Der offene Innenraum der Ruine hat ebenfalls seinen Reiz, transportiert er doch die Enge des klösterlichen Lebens in jenen Tagen.

Welche Idee steht hinter der neu gegründeten Theater-Company Zell?

Zunächst einmal geht es hier natürlich um das Theaterstück »Herr, öffne meine Lippen«. Nach dieser Arbeit will ich mit den Ensemble aber weitere Stücke in Angriff nehmen. Gut vorstellen könnte ich mir zum Beispiel auch Boulevardtheater. Kurzum: Das soll nicht die letzte Aufführung sein.

Können wir denn - aus heutiger Sicht - etwas lernen aus den Ereignissen um Maria Renata Singer im Jahr 1749?

Im Stück kommt Schwester Monika vor, sie tat sich mit dem Unterordnen schwer und spielte immer eine Sonderrolle. In der ersten Szene wird sie auf offener Bühne eingekleidet. In der letzten Szene gelingt es ihr dann, sich von allem zu lösen und ihre Freiheit wiederzuerlangen. Sie legt die Klosterkleidung ab und trägt darunter weltliche Kleidung aus der heutigen Zeit. Sie spricht: »Schwestern, verzagt nicht, glaubt an Euch. Es kann gelingen, wenn Ihr es nur wollt. Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund die Freiheit verkünde.« Das ganze Stück spiegelt letztlich eine Problematik auch unserer Zeit: Freiheit als solche wird nicht richtig gewürdigt. Menschen lassen sich stattdessen instrumentalisieren.

bVorstellungen am 18., 19., 20., 26. und 27. Juli. Zusatzvorstellungen sind geplant. Kartenvorverkauf im Rathaus Zell, Telefon 0931/46878-14 und in der Tourist-Informationim Falkenhaus am Würzburger Marktplatz, Telefon 0931/2398.

Hintergrund: Zell am Main

Zell am Main (amtlich: Zell a.Main) ist ein Markt im Landkreis Würzburg im Süden des Regierungsbezirks Unterfranken und liegt etwa fünf Kilometer nordwestlich der Stadt Würzburg am Main. Als Ortschaft wird Zell erstmals 1128 anlässlich der Gründung des Prämonstratenser-Klosters Oberzell urkundlich erwähnt. Eine Pfarrkirche wird dem Ort von verschiedenen Chronisten bereits für das Jahr 983 zugeschrieben. Der Ort hat besonders durch das noch intakte Kloster Oberzell und auch durch das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kloster Unterzell eine wechselvolle Geschichte. (mk)

Hintergrund

Norbert Bertheau, Regisseur des Theaterstücks »Herr, öffne meine Lippen«.

Foto:

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!