Montag, 24.06.2019

»Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten«

Jubiläumskongress:Schriftstellerverband blickt beim Festakt im Aschaffenburger Stadttheater zurück und nach vorne

Aschaffenburg
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Verbands-Jubiläum: Eva Leipprand spricht beim Festakt. Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich

Beim knapp drei­stün­di­gen Fest­akt, mit dem am Frei­tag der Ju­bi­läums­kon­gress des Ver­bands der deut­schen Schrift­s­tel­le­rin­nen und Schrift­s­tel­ler (VS) in Aschaf­fen­burg er­öff­net wur­de, blie­ben die Mit­g­lie­der, die Funk­tio­nä­re und die Eh­ren­gäs­te fast un­ter sich - ei­gent­lich scha­de.

Die Veranstaltung im Stadttheater war öffentlich und wurde musikalische von der Aschaffenburger Combo Jazz Connection gelungen umrahmt.

Eva Leipprand, bis zu den Neuwahlen am Samstag Bundesvorsitzende, wies auf Chancen, vor allem aber auf Gefahren der Digitalisierung hin und mahnte: »Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten!« Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, warnte vor der »Kultur der Oberflächlichkeit« in den Zeiten der allgegenwärtigen Handys. Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi - seit 2001 ist der VS Mitglied -, bezeichnete den Verband als »starke politische Stimme für eine weltoffene demokratische Gesellschaft«.

Zeitreise durch die Geschichte

Auf eine »Zeitreise durch 50 Jahre VS-Geschichte« nahm der langjährige VS-Bundesvorsitzenden Imre Török die Zuhörer im knapp zur Hälfte besetzten Theater mit. Sein Impulsreferat wies auf das Erreichte hin, aber auch auf Probleme und Konflikte, vor allem den starken »Rechtsruck« in der Gesellschaft. Er warnte, Humanität sei eine »dünne Humusschicht«, die es zu schützen gelte.

Schriftstellerin Nina George und Games- und Roman-Autorin Lena Falkenhagen - seit der Neuwahl aktuelle Verbandsvorsitzende - befragten fünf ehemalige Bundesvorsitzende über Erfahrungen während der Amtszeit und nach Wünschen für die Zukunft. Hans-Peter Bleuel, Fred Breinersdorfer, Imre Török, Eva Leipprand und Regine Möbius sprachen offen brisante Themen an und riefen mal mit sehr persönlichen Erinnerungen, aber auch mit humorvollen und durchaus pointiert-kritischen Formulierungen spontanen Beifall hervor.

Bleuel hatte in seiner Amtszeit Mitte der 80er-Jahre so manche Diskussion als »Dialog zwischen Blinden und Taubstummen« in Erinnerung und sprach über Chance wie Probleme beim Kontakt zwischen Autoren aus West- und Ostdeutschland. Regine Möbius würdigte unter anderem den »Polen-Plan« und seine Bedeutung für die Völkerverständigung.

Fred Breinersdorfer bekam viel Beifall, als er sich offensiv für einen fairen Lohn für Autoren einsetzte: »Eine sichere ökonomische Existenz ist die Voraussetzung für einen freien Geist!« Er sprach sich klar gegen Hasstiraden im Internet und gegen den Diebstahl geistigen Eigentums in der digitalen Welt aus.

Für Török waren vor allem die Öffnung des Blicks auf die Literatur in Afrika und, nach Bekanntwerden der NSU-Morde, die Aktion »Worte gegen Rechts« in bester Erinnerung geblieben - heute noch große Herausforderungen. Eva Leipprand formulierte optimistisch »Das Buch wird erhalten bleiben!« und nannte als größten Vorzug: »Ich bin mit dem Buch allein, bin ganz bei mir.«

Wunsch nach mehr Prominenz

Schon in dieser Podiumsrunde, aber auch in der Pause und beim Empfang ging es oft um die Frage, wie sich der Verband für die immer größer werdende Zahl von Selfpublishern öffnen sollte. Ob der Wunsch von Hans-Peter Bleuel in Erfüllung geht, im Verband mögen wieder in stärkerem Maß als zuletzt »prominente Kolleginnen und Kollegen« aktiv werden und beispielsweise auch auf der EU-Ebene ihre Stimme erheben?

Immerhin hat die 2004 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek zum Jubiläum eine Grußbotschaft verfasst: »Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, VS, immerhin bist du jünger als ich, und du kannst alles sagen! Ich versuche das auch, bin aber schon etwas müde.«

Hintergrund: Der Verband

Der VS mit Sitz in Berlin wurde am 8. Juni 1969 mit Unterstützung von Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser als Zusammenschluss der Bundesvereinigung der deutschen Schriftstellerverbände, des Verbands deutscher Übersetzer und des Verbands deutscher Kritiker in Köln gegründet. Nach einem Mitgliederentscheid im Oktober 2015 änderte der Verband die ursprüngliche Selbstbezeichnung »Verband deutscher Schriftsteller« in »Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller«. ()

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