Samstag, 17.08.2019

Der Alltag taugt selten für das Besondere

Schlauster Azubi: In Literatur und Film spielt Ausbildung eine untergeordnete Rolle - Vor allem Zauberlehrlinge sind gefragt

Aschaffenburg
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Weltbekannter Azubi: Daniel Radcliffe in einer Szene des Kinofilms »Harry Potter und die Kammer des Schreckens« als Zauberlehrling. Foto: Warner/dpa
Foto: A3322 dpa-Film Warner
Nationalsozialistische Propaganda: Szene aus »Hitlerjunge Quex«, der eigentlich Druckerlehrling ist. Foto: dpa
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA)
Karl Valentin (links) und Liesl Karlstadt als Meister und Lehrling in »Im Fotoatelier«. Foto: dpa
Foto: Deutsche Presse-Agentur (DPA)
Er ist wohl der be­rühm­tes­te Azu­bi der Welt: Har­ry Pot­ter - Held der gleich­na­mi­gen Fan­ta­sy-Ro­m­an­rei­he der eng­li­schen Schrift­s­tel­le­rin Joan­ne K. Row­ling (53). Und da­mit steht Har­ry Pot­ter auch stell­ver­t­re­tend für ein Bild, das die Kunst von Aus­zu­bil­den­den im Lau­fe der Jahr­hun­der­te ge­prägt hat:

Wenn junge Menschen in der Literatur oder im Film in die Lehre gehen, dann meist bei Zauberern und Magiern. Ausbildung als Alltag von Jugendlichen und Heranwachsenden: Das ist die Ausnahme - und wenn, dann wird die Lehre zum Lehrbeispiel für kriminelle Energie in der Welt der Finanzen, beispielsweise in dem Hollywood-Film »Wall Street« von 1987.

Ob Harry Potter oder Krabat - der Waisenjunge, den der Schriftsteller Otfried Preußler (1923 bis 2013) in seinem Roman »Krabat« am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) als Lehrling in einer Wassermühle zum Helden der Handlung macht: Sie stehen stellvertretend für Menschen, die weniger einem Beruf denn eher einer Berufung nachgehen - was im Buch oder im Film natürlich im Vergleich zur ganz normalen Darstellung von Alltag erheblich mehr Spannung erzeugt. Sogar in einem vergleichsweise spannungsarmen autobiografischen Roman wie Peter Roseggers (1843 bis 1918) »Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit« von 1877 heißt es im dritten Band »Der Schneiderlehrling«: »Und hier ist mir denn, einige Zeit nachdem ich in die Lehre eingestanden, etwas Wunderliches passiert« - es wird also auf das Besondere im Alltäglichen verwiesen.

NS-Propaganda

Literatur und Film in Deutschland tun sich seit jeher schwer, Normalität auf dem Weg zum Erwachsenwerden darzustellen. In der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945) beispielsweise spielt für Schriftsteller und Regisseure das Thema Ausbildung so gut wie keine Rolle - denn letztlich konzentrierte sich das Interesse der Machthaber und damit der Öffentlichkeit auf die offiziellen Staatsorgane: Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädchen (BDM) beispielsweise. Wer jung war in Nazi-Deutschland konnte gemäß dieser Denkart nur in der Gefolgschaft des Führers »besonders« und damit erwähnenswert sein. Ein bekanntes Propaganda-Beispiel dafür ist der 1933 entstandene Kino-Film »Hitlerjunge Quex«: die Geschichte eines Berliner Druckerlehrlings, der in die HJ eintritt und letztlich von Kommunisten ermordet wird.

In einer Besprechung zum Film in den 1930er Jahren wird Quex als Vorbild hervorgehoben, weil er »für eine Sache an die er glaubte, für seine Kameraden, für seine Fahne, und vor allem für seinen geliebten Führer«. Und in der 1944 erschienenen Studie »Jugend und Film« heißt es »Die Ausdrucks- und Eindruckskraft dieses Films ist, gemessen an der Subtilität des Stoffes und der politisch-tendenziösen Problemstellung einmalig. Mit solchen Bildern, mit solchen Szenen, mit solchen Dialogen, mit solchen Menschendarstellern lassen sich Menschen packen, ergreifen, erschüttern und damit überzeugen und führen. ? Dieser Film wird noch den nachwachsenden Generationen 'vom Opfergeist der deutschen Jugend in der Kampfzeit des Nationalsozialismus' Kunde geben.«

DDR-Romanze

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) erhielt das Thema Ausbildung vor allem in der DDR bis Ende der 1950er Jahre gewisse Bedeutung: Der 1956 veröffentlichte Film »Eine Berliner Romanze« beispielsweise thematisiert eine junge deutsch-deutsche Liebe, wobei sich die Ost-Berliner Verkäuferin-Auszubildende Uschi (16) in einen Hallodri aus West-Berlin verliebt, der allerdings nur für kurze Zeit die pflichtbewusste Uschi vom Pfad der (sozialistischen) Tugend abbringen kann.

In dem drei Jahre später in die DDR-Kinos gekommenen »SAS 181 antwortet nicht« ist der Propaganda-Einsatz pro sozialistischer Treue schon bedeutend intensiver: Lehrlinge eines Fischkombinats bringen unter turbulenten Umständen einen Kutter, mit dem ein Kapitän nach Dänemark geflohen ist, in die DDR zurück. »Die Helden des Films bestehen ihre Aufgabe nicht schlecht, denn sie sind doch schon viel stärker Kinder unserer Republik, als sie sich das selber eingestehen«, schrieb damals ein Kritiker.

Der schlau-dreiste Azubi

Zu den wenigen deutschsprachigen Künstlern, die Ausbildung und Lehre als selbstverständlichen Teil des Lebens in ihre Alltagsdarstellungen aufgenommen haben, zählt der Münchner Komiker Karl Valentin (1882 bis 1948). Nicht nur in seinen (Kurz-)Filmen, sondern auch in seinen Bühnenstücken und in satirischen Liedern stellte Valentin immer wieder die Beziehung zwischen Meister und Lehrbub dar: er stets als der eher schusselige Lehrmeister oder der arbeitsscheue Geselle, seine Partnerin Liesl Karlstadt (1892 bis 1960) als schlau-dreister Azubi. In der Komödie »In der Schreinerwerkstatt« zum Beispiel gibt es folgende Episode:

Lehrbub: (nagelt ? ein Kistl)

Meister: Wie lang brauchst denn jetzt noch zu dem Kistl, der Nagel is ja no net ganz drinnen, da hau nauf auf den Nagel!

Lehrbub: (haut auf den Fingernagel des Meisters)

Meister: Ja Rindviech siechst denn nimmer, haut er mich auf den Nagel nauf!

Lehrbub: Sie ham ja g'sagt auf'n Nagel.

Meister: Ah Depp, doch net auf den Fingernagel.

Allerdings konnte Valentin auch sehr deutlich die damalige Wirklichkeit einer Lehre schildern - eher eine Tortur denn eine Ausbildung. In dem Lied »Ein moderner Schreinerlehrling« von 1915 heißt es: »Wia war's denn früher in der Lehr - hast g'arbat ganz umsunst und für des dast na g'arbat hast - da hams die g'schlagn und g'huntzt / a Schusterlehrbub musste da anstatt die Stiefel sohl'n zum Wirt und dann zum Kramer gehn und Bier und Schmeizler hol'n.«

Nächste Folge am Samstag, 22. Juni: Der Aschaffenburger Kreishandwerksmeister Dieter Eser im Main-Echo-Gespräch über Unternehmensnachfolge

Dossier: www.main-echo.de/verlag/schlauster-azubi/

Rätsel: Die Fragen zur Reihe »Der Schlauste Azubi«

Jeden Tag stellen wir für die an der Aktion »Der Schlauste Azubi« teilnehmenden Auszubildenden zwei Fragen zum Thema Ausbildung und zum Allgemeinwissen. Zur Aktion angemeldete Auszubildende beantworten die Fragen an diesem Tag im dem für sie freigeschalteten Online-Bereich der Homepage

www.schlauster-azubi.de

Unabhängig vom Gewinnspiel für unsere Auszubildenden: Testen auch Sie Ihr Allgemeinwissen - auch wenn kein Gewinn winkt: Es bleibt zumindest das gute Wissen, beim Geschehen in der Welt und in der Region auf dem Laufenden zu sein.

Und hier die heutigen Fragen:

Frage 1:

Von wem stammt das Lied »Ein moderner Schneiderlehrling«?

a) Herbert Grönemeyer

b) Karl Valentin

c) Rex Gildo

Frage 2:

In welchem Jahr fiel die Berliner Mauer?

a) 1949

b) 1961

c) 1989

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