Mittwoch, 24.07.2019

CD und Vinyl für »Jäger und Sammler«

Musik: Streams für die Masse - Das ändert alles, auch die Hörgewohnheiten

BERLIN
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Warm klin­gen­de Vi­nyl­plat­te oder knis­ter­f­reie CD? Die­se von Mu­si­kern und Fans ideo­lo­gisch auf­ge­la­de­ne Fra­ge nach dem opti­ma­len Sound-Ge­nuss hat nun auch die Kund­schaft in Deut­sch­land ein­deu­tig be­ant­wor­tet - zu­guns­ten des nüch­t­ern-prag­ma­ti­schen di­gi­ta­len Au­dio­st­rea­mings.

Nach den Halbjahreszahlen des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) vom Donnerstag lässt die Branche ihre fast 20 Jahre währende Krise hinter sich, weil die Menschen ihre Lieblingsmusik auch hierzulande immer weniger auf Tonträgern kaufen, sondern über Plattformen wie Spotify, Amazon, Apple Music, Tidal oder Deezer. Die Gewohnheiten beim Musikkonsum ändern sich radikal, wie auch eine derzeit laufende Nutzerstudie zeigt.

Plus von 7,9 Prozent

Gingen die Gesamtumsätze nach Verbandsberechnung 2017 und 2018 noch leicht zurück, so läuft es dieses Jahr bisher wieder rund. Bei 783,2 Millionen Euro Umsatz in den ersten sechs Monaten verzeichnete die Musikbranche ein Plus von knapp 60 Millionen Euro (7,9 Prozent) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum - die höchste Wachstumsrate seit 1993. Zum Vergleich: Zwischen 1998 und 2012 hatten sich die Umsätze fast halbiert.

Weder Compact-Discs mit zuletzt nur noch 28,2 Prozent Marktanteil (nach 36,4 Prozent im Gesamtjahr 2018) oder Vinyl-Schallplatten mit gleichbleibend 4,4 Prozent Marktanteil sind Antreiber des Trends - sondern das bei vielen Musikpuristen verpönte Audiostreaming. Es legte im ersten Halbjahr 2019 um satte 27,7 Prozent zu und hat nun 56,4 Prozent Marktanteil (Gesamtjahr 2018: 46,4). Der Digital-Umsatz insgesamt - inklusive vor allem der Musik-Downloads - hatte einen Anteil von zwei Dritteln des gesamten Kuchens (2018: 56,7 Prozent).

»Das Audiostreaming verhilft uns gerade im globalen Markt zu einer Erfolgsgeschichte«, sagt BVMI-Vorstandschef Florian Drücke im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Plattformen seien »hierzulande mit einem geringen Zeitrückstand in den Markt gegangen«, räumt der Verbandsmanager ein. »Es gab sicherlich zu Beginn die Sorge vieler Konsumenten in Deutschland um die persönlichen Daten beim Zahlungsverkehr, die Angst vor Missbrauch von Kreditkartendaten. Auch hat sich der deutsche Fan länger in seiner physischen Welt aufgehalten als die Fans in anderen Ländern.«

Drei Jahre lang untersucht

Letztlich sei es aber nur eine Frage der Zeit gewesen, betont Drücke: »Wann bekommt der Nutzer Appetit auf diese neue Welt des Streamings?« Die 2018 gestartete, auf drei Jahre angelegte Untersuchung »Zur Zukunft der Musik« der Universität Hamburg mit 5140 Befragten zeigt: Jeder zweite Musikkonsument in Deutschland nutzt inzwischen Streaming-Angebote.

Der Besitz von Tonträgern - das berühmte »haptische Element« beim Umgang mit Musik - oder ein Verfügungsrecht über Downloads ist für fast die Hälfte der Kunden nicht mehr wichtig. Jeder zehnte Befragte besitzt laut Studie keine CDs oder Vinylplatten mehr. Musikgenuss wird immer flüchtiger, und die Streaming-Auswahl für einen Zehner pro Monat in einem riesigen Musikkatalog kostet weniger als physische Tonträger. Die Bereitschaft, für Live-Events der Lieblingsmusiker mehr Geld auszugeben, ist der Befragung zufolge indes hoch.

Musik-Tauschbörsen

Deutschland - der viertgrößte Musikmarkt der Welt, eine Branche mit rund 20 000 Beschäftigten - verabschiedet sich von den klassischen Tonträgern gleichwohl weniger radikal als andere Länder. »Der Markt ist hier ein bisschen anders, die CD ist weiterhin gefragt«, erklärt Verbandschef Drücke. Seit dem »Napster-Schock« mit Musik-Tauschbörsen und massenhaft privat gebrannten CDs war die Nachfrage abgestürzt. Im ersten Halbjahr 2019 stabilisierte sie sich nun etwas, aber immer noch mit deutlichem Minus (28,2 Prozent, nach 36,4 Prozent 2018).

»Es gibt bei uns nach wie vor viele Jäger und Sammler von Musik«, sagt Verbandschef Drücke. Dies gilt erst recht für den Bereich Vinyl - auch wenn bei den schwarzen Scheiben die Bäume nicht in den Himmel wachsen: 2018 gab es die erste Umsatz-Delle seit Jahren, nun geht es wieder etwas bergauf.

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