Sonntag, 18.08.2019

Auch Gliederpuppen haben Gefühle

Ausstellung: Emotionen von Mensch und Maschine im Frankfurter Kunstverein - Homo sapiens und Homo digitalis noch weit auseinander

FRANKFURT
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Menschlich wirkend: Diesen kleinen Plastikkopf schuf der Japaner Takayuki Todo. Foto: Frankfurter Kunstverein
Foto: Frankfurter Kunstverein
Die­se Le­be­we­sen sind nicht aus Fleisch und Blut, son­dern Glie­der­pup­pen oh­ne Ant­litz und Mi­mik. Sie sind auf das Sein re­du­ziert und da­mit Ur­bil­der des Men­schen - oder eher der Ro­bo­ter? Das fragt sich der Be­trach­ter vor den Zeich­nun­gen, Fil­men und Skulp­tu­ren, die Yves Netz­ham­mer jetzt auf drei Eta­gen des Frank­fur­ter Kunst­ve­r­eins zeigt.
Technoide Künstlichkeit

Der 48-jährige Schweizer bewegt sich im Spannungsfeld zwischen technoider Künstlichkeit und emotionaler Nähe. Ein Thema, das uns in naher Zukunft viel beschäftigen wird. Denn inzwischen gibt es auch rege Kommunikation von Mensch zu Maschine und zwischen zwei digitalen Geräten.

Diese Veränderungen durch die Digitalisierung begleitet der Frankfurter Kunstverein unter Direktorin Franziska Nori schon seit einiger Zeit, etwa mit Ausstellungen über virtuelle Welten oder über die Künstliche Intelligenz. Jetzt geht es um die emotionale Bindung zwischen Mensch und Maschine, die neben Netzhammer zwei weitere Künstler in der Schau thematisieren, der 71-jährige Theo Jansen und der 28-jährige Takayuki Todo.

Alle drei arbeiten mit unterschiedlichen Strategien und Ästhetiken, zielen aber auf unsere Gefühle gegenüber den künstlichen Lebewesen. »Empathische Systeme« heißt die Schau, denn Roboter bestimmen bald den Alltag und damit auch unser Handeln und Fühlen. Aber werden Maschinen dann menschlicher oder Menschen eher »maschineller«? Klare Antworten darauf gibt es nicht.Aus Netzhammers unterkühlter Ästhetik spricht die Suche nach neuen Erfahrungshorizonten, wenn alles von Algorithmen gesteuert wird. Der Japaner Takayuki Todo indes konzentriert sich auf den menschlichen Blick und kann dabei Emotionen mit einem Roboter erzeugen. Sein kleiner Plastikkopf birgt allein 16 Motoren für die Mimik und die Bewegung des Kopfes.

»Seer«, so der Name des noch nicht ausgeklügelten Roboters, sucht mit einer Kamera den Blick des Betrachters, erwidert ihn und spiegelt dessen Mimik. Im ersten Moment glaubt man, der Roboter könne menschliche Empfindungen ausdrücken. Doch er gibt lediglich das wider, was der Mensch ihm vormacht. Der Mensch schaut also nur eine Spiegelung seiner selbst an.

Roboter überfordert

Homo sapiens und Homo digitalis scheinen noch meilenweit voneinander entfernt zu sein. Diese Erkenntnis verbreitet auch die Datenspezialistin Meredith Broussard, die seit ihrem elften Lebensjahr selbst programmiert: »Die Kommunikation des Menschen birgt eine so unglaubliche Vielfalt an Varianten, dass Roboter noch lange damit völlig überfordert sein werden.«

Da versprühen Theo Jansens Skulpturen einen erfrischenden Charme, bestehen sie doch aus Plastikrohren, Kabelbindern, Nylonfäden und Klebeband. Ihr krudes Gestänge erinnert an Skelette von Dinosauriern. Mittels Sensoren erkennen sie Hindernisse, arbeiten aber sonst nur mechanisch, angetrieben vom Wind. Im Kunstverein ersetzt der Kompressor den Wind, um den zwölf Meter langen »Umerus« laufen zu lassen.

»Strandbiester« nennt Jansen seine Geschöpfe, kommen sie doch am besten im Sand voran, nah beim Meereswind. Allein durch Bewegung erinnern sie an Lebewesen, können weder mit Blicken noch mit Mimik aufwarten. Aber sie sind liebenswert altmodisch, kurzum: schön.

bBis 8. September; geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 19 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Internet: www.fkv.de

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