Montag, 10.12.2018

Geheimschriften, Handlesen, Geisterbeschwörung

Parawissenschaften:»Magische Spurensuche« in den Sondersammlungen der Würzburger Universitätsbibliothek

WÜRZBURG.
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Von einer wahren Begebenheit erzählt die »Christnachts-Tragödie«. Hatte der Teufel die Hand im Spiel, oder aber lässt sich das Unglück wissenschaftlich erklären? Bildunterschrift 2018-12-07 --> Von einer wahren Begebenheit mit zwei Todesopfern erzählt die »Christnachts-Tragödie«. Hatte hier der Teufel die Hand im Spiel, oder aber lässt sich das Unglück wissenschaftlich erklären? Foto: Michaela Schneider
Fotograf: Michaela Schneider  | Location: Würzburg | Datum: 25.11.2018

Sie ging als Ma­gier­tref­fen in die Re­gio­nal­ge­schich­te ein: ei­ne Be­geg­nung des Hu­ma­nis­ten Jo­han­nes Tri­t­he­mi­us (1462 - 1516) mit dem Uni­ver­sal­ge­lehr­ten Hein­rich Cor­ne­li­us Agrip­pa von Net­tes­heim (1486 - 1535) im Jahr 1510 in Würz­burg.

Trithemius, zu diesem Zeitpunkt Abt des Schottenklosters Würzburg, beschäftigte sich seit Jahren mit Geheimsprachen. Wegen seines um 1500 entstandenen Werkes »Steganographia« war er einige Jahre zuvor der schwarzen Magie verdächtigt worden. Und von Nettesheim setzte sich Zeit seines Lebens mit der Bedeutung der Magie auseinander.

Nach dem Treffen verfasste Agrippa von Nettesheim - wohl auch auf Trithemius' Anregung hin - sein dreibändiges Hauptwerk »De occulta philosophia« (»Über die geheime Philosophie«) als eine Art systematische Zusammenfassung des damaligen Magie-Wissens.

Idee für eine Magie-Führung

Die einzige Handschrift zum Werk liegt heute in der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Würzburg. Anlass genug für den Leiter der Handschriftenabteilung, Oliver Weinreich, sich gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Diplom-Bibliothekar Bernhard Werner, auf die Suche zu machen nach weiteren »magischen Spuren« in den Bibliotheksbeständen und diese bei einer »Bibliothek für alle«-Führung zu präsentieren.

Auch Drucke der »Steganographia« finden sich dort und ermöglichen Einblicke in die von Johannes Trithemius gesammelten Geheimschriften. Den Vorwurf der Gotteslästerung brachte diesem ein System ein, bei dem er einzelne Buchstaben mit lateinischen Begriffen versah. Latein verstanden nur Gelehrte, wie Weinreich erzählt - und so klangen die Texte für die meisten Menschen wie ein lateinisches Gebet.

Dass sich Wissenschaftler im Zeitalter der Renaissance mit Magie beschäftigten, war nicht ungewöhnlich, denn unter Magie verstand Agrippa von Nettesheim eher eine Universalwissenschaft, die Physik, Mathematik und Theologie umfasste. Die Frage, was Magie sei, beantwortet er in seiner geheimen Philosophie folgendermaßen: Sie sei »die tiefste Betrachtung der verborgensten Dinge, das Wesen, die Macht, die Beschaffenheit, der Stoff, die Kraft und die Kenntnis der ganzen Natur«.

Das »Magische Quadrat«

Bis heute findet man in manchem Mathematikbuch in der Schule das so genannte »Magische Quadrat«, das auch von Nettesheim vorstellte: Zahlen sind in einem Quadrat so angeordnet, dass die Summe der Zahlen aller Zeilen, Spalten und der beiden Diagonalen gleich ist. Diese Summe wird auch »magische Zahl« genannt.

Allerdings verband von Nettesheim - abseits der Mathematik - zudem jedes Quadrat mit einer symmetrischen Figur, die als Kraftzeichen gedeutet wurde.

Neben den Werken von Trithemius und von Nettesheim findet sich auch jede Menge »magische Literatur für den Hausgebrauch« in den alten Universitätsbeständen. Bibliothekar Bernhard Werner präsentiert zum Beispiel die »Astronomia Teutsch« im Druck von 1583. Der aufmerksame Leser erfährt hier etwa: Gibt man einem frisch Geborenen einen gebraten Apfel, wird es später gute Tischmanieren haben. Die »Chiromantia, metoposcopia & physiognomia curioso-practica« von Johann Ingebern aus dem Jahr 1692 (Bibliotheksdruck von 1724) erklärt, wie Handlesen funktioniert. Die Linien geben demnach Antworten auch auf ganz praktische Fragen - etwa, ob ein Mensch fürs Heiraten geeignet sei oder nicht. Eher ein Büchlein für den Zeitvertreib als für magische Handlungen: ein »Looßbuch« von 1546, in dem der Weltenlauf und das Schicksal als Glücksrad dargestellt sind und der Leser sich würfelnd und Zahlhinweisen folgend durch das Büchlein hangelt, um Antwort auf seine jeweilige Frage zu erhalten. Ebenfalls nett, aber etwas völlig anderes als Magie im Sinne eines Agrippa von Nettesheim: das »Natürliche Zauberbuch« aus dem 18. Jahrhundert mit Zaubertricks bis hin zu einer Apparatur zum Fliegen.

Geisterbewschwörung

Und fehlen soll nicht der Blick auf eine wahre Begebenheit, die in dem Druck »Jenaische Christnachtstragödie« erzählt wird. Demnach kamen am Heiligabend im Jahr 1715 drei Menschen zusammen, um einen Geist zu beschwören, der ihnen einen Schatz zeigen sollte. Am nächsten Morgen fand man die drei dann - zwei waren tot, einer sehr benommen. Mehrere medizinische Fakultäten erörterten das Ereignis im Anschluss.

Während die einen überzeugt waren, dass hier der Teufel seine Hand im Spiel hatte, verwiesen andere aufs offene Kohlefeuer im geschlossenen Raum und eine Kohlenmonoxidvergiftung. Im Büchlein in den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek besonders hübsch: Erzählt wird die Geschichte nicht nur im Text, sondern auch über einen aufklappbaren, detailreichen Kupferstich.

MICHAELA SCHNEIDER
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