Donnerstag, 18.04.2019

Französisches Lebensgefühl

Tanztheater:Mit der Choreografie »Chansons« feiern Würzburgs neue Ballettdirektorin Dumais und ihr Ensemble gelungenes Debüt

WÜRZBURG.
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Marcel Casablanca und Maya Tenzer im Tanzstück »Chansons« im Würzburger Mainfranken Theater. Foto: Nik Schölzel
Foto: Mainfrankentheater

Chan­sons brin­gen mit, was es für ein­dring­li­che, für gu­te Un­ter­hal­tung braucht: Witz, Dra­ma, Iro­nie, No­st­al­gie, Sinn­lich­keit, Ge­sell­schafts­kri­tik - und ei­nen Kos­mos an Ge­füh­len.

Frankreichs Liedermacher erzählen von Menschen, die alle Kämpfe des Lebens, alle Kämpfe der Liebe angenommen haben, wie es Francis Cabrel in »Je l'aime à mourir« besingt. Sie vermitteln ein Lebensgefühl, feiern das Savoir-Vivre. »Ne veut rien dire« und »Me dit tout« steht auf der Bühne in weißer Schrift auf schwarzen Balken: »Es bedeutet nichts« und »Es sagt mir alles«. Mit dem Ballett »Chansons« feierte die Frankokanadierin Dominique Dumais, neue Ballettdirektorin am Mainfranken Theater, ihr Debüt in Würzburg und zaubert mit ihrer Ballettcompagnie 25 stimmungsgeladene Tanzszenen auf die Bühne.

»Was, schon vorbei?«, fragt eine junge Frau ihre Begleitung am Ende des so kurzweiligen wie intensiven Sinnenerlebnisses. Zugegeben, Dumais war mit den »Chansons« kein allzu großes Risiko eingegangen, denn uraufgeführt hatte sie die Choreografie bereits 2008 am Nationaltheater Mannheim - und feierte anschließend damit jede Menge Erfolge.

Auch neues Ensemble

Und dennoch: eine wunderbare Wahl, denn nicht nur die Ballettdirektorin ist neu in Würzburg, auch alle zwölf Tänzerinnen und Tänzer feierten am Premierenabend ihren Einstand in der mainfränkischen Stadt. Und »Chansons« rückt nicht wenige Einzelne in den Vordergrund, sondern gibt jedem Ensemblemitglied die Möglichkeit, sich individuell vorzustellen. Und gleichzeitig kann das Publikum in Gruppenszenen erleben, dass sich die Compagnie nach intensiven Trainingswochen gefunden hat. Und so läuft das Ensemble als Stückeinstieg noch hektisch über die Bühne, plaudert in verschiedenen Sprachen, guckt neugierig ins Publikum, begrüßt sich. Comme la vie. Wie das Leben.

Im Chanson kommt dem Text eine besondere Bedeutung zu, die Melodie tritt hinter diesen zurück. Oft mischt Sozialkritik hinein und so führte seinerzeit Feldherr und Kaiser Napoleon nicht von ungefähr die Zensur für Chansons ein. Trotzdem choreografiert Dumais ganz bewusst nicht die Texte, auch ergeben die einzelnen Lieder - hier mischen sich übrigens unter die französischen auch wenige englische, spanische und das deutschsprachige »Was nützt die Liebe in Gedanken« - zwar einen Bogen, erzählen jedoch keine zusammenhängende Geschichte. Das vielleicht ist die größte Veränderung fürs handlungsballettgewohnte Würzburger Publikum.

Szenen statt Handlungsstrang

Dafür sind es nun Stimmungen, sind es Gefühle, die transportiert werden: etwa, wenn ein Paar (Clara Thierry und Dominic Harrison) zu Jeff Buckleys »Hallelujah« Trennungsschmerzen durchlebt, in Hebefiguren mit sich selbst und dem Partner kämpft und in innigen letzten Umarmungen verschmilzt; wenn Mann und Frau in vertauschten Rollen auftreten und der spanische Tänzer Marcel Casablanca im schwarzglänzenden, hautengen Palettenkleid geheimnisvoll verführt; wenn fünf Kumpel zu Nino Ferrers »Les cornichons« ausgelassen und mit tänzerischem Augenzwinkern Party feiern; und wenn zwei Freundinnen zu Carla Brunis »La derniere minute« lebensfroh nachlegen. Das Publikum erlebt Ausdruckstanz mit einigen klassischen Elementen, es erfährt feinsinnige Körperpoesie. Im ersten Teil des Abends sind die Tänzer noch nah dran am Publikum, einzelne Personen stehen im Vordergrund - das spiegelt auch der Bühnenaufbau (Bühne & Kostüm Jean-Marx Puissant).

Der schwarze Fadenvorhang rückt im zweiten Teil aus dem Hintergrund nach vorn, fällt dann - und das Publikum darf den Blick in die Ferne und verstärkt auf Ensembleszenen richten. Die grauen Anzüge und Kleider haben die Tänzer inzwischen abgelegt, treten nun in bunter, unterschiedlicher Kleidung auf.

Das Publikum erlebt einen Abend voller zauberhafter, kleiner Szenen, die das Leben nun mal in all seinen Farben zeigen. Ein »Bravo« für die neue Ballettdirektorin und vor allem auch ein »Bravo« für zwölf Tänzerinnen und Tänzer, die es in kurzer Zeit geschafft haben, zum Ensemble zu wachsen.

bDauer: Zwei Stunden (mit Pause); nächste Vorstellungen 15 Uhr: 7.10.; jeweils 19.30 Uhr: 10.10./ 19.10./ 27.10./ 20.11./ 01.12./ 21.12./ 26.12./ 20.01./ 20.02./ 27.03./ 12.07./ 21.07./ 25.07. Einführung: jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Oberen Foyer.

MICHAELA SCHNEIDER
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