Dienstag, 18.09.2018

Wie ein Tempel der Moderne

Architektur:Vor 50 Jahren wurde die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin eröffnet - Ursprünglicher Entwurf war für eine Rumfabrik auf Kuba

BERLIN. Montag, 10.09.2018 - 18:29 Uhr

Ein glä­s­er­ner Ku­bus mit weit über­ste­hen­dem fla­chen Stahl­dach, auf ei­nen wei­ten So­ckel ge­s­tellt, über­ragt den Stadtraum wie ein Tem­pel der Mo­der­ne. Vor 50 Jah­ren, am 15. Sep­tem­ber 1968, wur­de die Neue Na­tio­nal­ga­le­rie nach ei­nem Ent­wurf von Lud­wig Mies van der Ro­he (1886-1969) am Kul­tur­forum im Tier­gar­ten er­öff­net.

Sie ist das einzige Bauwerk, das der in Aachen geborene und 1938 in die USA emigrierte Architekt im Nachkriegsdeutschland schuf. Neben seinem berühmten Barcelona Pavillon für die Weltausstellung von 1929 gilt der Museumsbau in Berlin als Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts. Er ist zugleich der Schlussstein im Werk des ein Jahr nach der Einweihung verstorbenen Baumeisters.

1961, anlässlich des 75. Geburtstags von Mies van der Rohe, war der West-Berliner Senat an den in Chicago lebenden Architekten herangetreten und hatte ihn mit dem Entwurf eines Museums für die Sammlung des 20. Jahrhunderts der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beauftragt. Mies van der Rohe reizte der Gedanke, mit seinem Bau das neue kulturelle Zentrum im Westteil der Stadt zu prägen, direkt gegenüber der von Hans Scharoun ab 1960 errichteten Philharmonie.

Für sein Museum griff er auf das Projekt eines Bürogebäudes für die Bacardi-Rumfabrik in Kuba von 1957 zurück, das wegen der Machtübernahme Fidel Castros nicht realisiert wurde. Die Idee hatte er seit 1960 in einem Museumsprojekt für den Schweinfurter Sammler Georg Schäfer weiterentwickelt, das jedoch ebenfalls im Sande verlief. Mit dem Auftrag aus Berlin erhielt Mies van der Rohe die Chance, seine Vision eines stützenfreien transparenten Idealraums zu verwirklichen.

Ein erster in seinem Büro entwickelter Entwurf von 1962 schlug zunächst ein zweigeschossiges rechteckiges Gebäude vor. Dirk Lohan, der in Rathenow geborene Enkel von Mies van der Rohe, hatte gerade als Mitarbeiter im Büro des Großvaters in Chicago angefangen. Er erinnert sich, dass er gemeinsam mit dem damaligen Bürochef das Modell Mies, der sich einer Operation hatte unterziehen müssen, ans Krankenbett brachte. »Als wir ihm das zeigten, rief er aus: Vergesst diesen Entwurf, wir werden das Bacardi-Schäfer-Konzept in Berlin machen, das gehört nach Berlin!«

Für das Kulturforum entwarf Mies van der Rohe einen granitverkleideten Sockel mit breiter Terrasse, die über Freitreppen betreten wird. Darauf stellte er eine freistehende, rundum verglaste quadratische Ausstellungshalle mit einem weit darüber hinausragenden, durch Kassetten gegliederten Stahldach, das von acht Stützen getragen wird. Die eigentlichen Ausstellungsräume befinden sich im Untergeschoss, im Westen öffnen sie sich mit einer Glaswand zu einem von Mauern eingefassten Skulpturenhof.

SIGRID HOFF

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