Samstag, 17.08.2019

Offene Momente

Tanztheater: Mit »Tanzxperiment - Expedition N°1« startet neue Tanzreihe am Theater Würzburg

WÜRZBURG
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Der Mann und die Frau schei­nen ver­tieft in ih­ren Tanz­kampf. Sie füh­len und in­ter­p­re­tie­ren Klän­ge in ei­nem Mit­ein­an­der und Ge­gen­ein­an­der. Sie stei­gern sich in im­mer kom­ple­xe­re Be­we­gun­gen, grei­fen auf, was der Part­ner tanzt, ent­wi­ckeln wei­ter, im­pro­vi­sie­ren. Im­mer in­ten­si­ver. Im­mer inti­mer.

Was das Publikum auf der kleinen Kammerspielbühne an diesem Abend erleben darf, erinnert teilweise an die Wurzeln des Breakdance, als junge Leute die Auseinandersetzungen städtischer Straßenbanden zu interpretieren begannen und sich auf der Straße Tanzwettkämpfe lieferten. »Tanzxperiment - Expedition N°1« hat Artist in Residence Kevin O'Day das neue Format in den Kammerspielen am Mainfranken Theater Würzburg genannt, »Chance Tasks« lautet der Untertitel.

Jeder Abend anders

Der Abend ist im wahrsten Wortsinn einzigartig, auch wenn insgesamt vier Vorstellungen angesetzt sind. Jede wird jedoch anders aussehen und anders klingen. Zwar hat Kevin O'Day mit den Tänzern eine Grundstruktur entwickelt und diese sind an die unnachgiebige, zeitliche Vorgabe einer Digitaluhr gebunden. Auch hatte das Ensemble vorab einen Pool an Bewegungen und Schritten erarbeitet, die sie den Abend über einfließen lassen und zu Motiven formen können. Als Requisite stehen ihnen Hüte zur Verfügung und weiße Klebebänder, die sich im Laufe des Abends zu spontanen Botschaften an den schwarzen Wänden formen. Eine Wand bleibt frei und scheint so etwas wie der Raum und die Freiheit zu sein, um die es sich zu streiten und zu kämpfen lohnt. Nette Idee: Die pink leuchtenden Socken der Tänzerinnen zur schwarzen und weißen Kleidung.

Was indes sonst noch auf der kleinen Kammerspielbühne geschieht, sind spontane Ideen, Gefühle und Fantasie.

Denn sämtliche Tänzer transportieren - mal allein, mal zu zweit oder in kleiner Gruppe, mal als Ensemble - in der 60-minütigen Performance ihre persönliche Botschaft: Sei es die trotzige Entschlossenheit von Katherina Nakui, eine Mischung aus Energie, Zerbrechlichkeit und dem sich verselbstständigenden Körper von Marcel Casablanca, die von Außeneinflüssen gesteuerte Roboterhaftigkeit von Clara Thierry oder auch die lebensbejahende Sexyness von Debora di Biagi.

Kaum zu unterscheiden

Was dabei immer wieder fasziniert: In einzelnen Momenten mag man sehen, dass improvisiert wird, nicht wenige Passagen aber sind nicht zu unterscheiden von einer durchdachten, fein säuberlich erarbeiteten Choreografie. Passender Abschluss: Bei allem Individualismus verlassen die Tänzer am Ende in einer mehr oder weniger homogenen Menschenkette die Bühne.

Improvisiert wird auf der Bühne nicht nur in Sachen Tanz, dafür hat sich das Mainfranken Theater Verstärkung bei der Hochschule für Musik Würzburg geholt. Am Premierenabend zeichnen die Studierenden Quirin Schuhbeck (Schlagzeug), Jona Heckmann (Posaune) und Maximilian Arsava (Klavier) für die Jazzsession auf der Bühne verantwortlich. Folgen die Tänzer den mal sentimentalen, mal lebensbejahenden, mal hektisch jagenden, mal groovenden Melodien oder aber lassen sich die Musiker auf die Tänzer ein? Wohl beides in einem sich ständig befruchtenden, inspirierenden, herausfordernden Prozess.

Weitere Expeditionen

Wie der Name »Tanzxperiment - Expedition N°1« vermuten lässt, wird es nicht bei einer Expedition bleiben. Nach den vier »Chance tasks« folgt ab 15. Februar das Projekt »Soundtrack«, bei dem die Tänzer improvisierend der Poesie der Musik nachspüren wollen. »Tanzxperiment - Expedition N°3« ab dem Frühjahr steht dann unter dem Motto »Homegrown« und wird Ensemblemitgliedern die Möglichkeit geben, sich choreografisch zu erproben.

b»Tanzxperiment« Dauer: 60 Minuten (ohne Pause); nächste Vorstellungen, jeweils 20 Uhr: 16. und 26. Januar sowie 9. Februar.

Hintergrund: Der unbekannte nächste Schritt

Das X im Titel »Tanzxperiment« steht für die Improvisationsmomente. Weder Publikum noch Ensemble wissen, was im nächsten Moment passieren wird. Wer wann wo steht. Und warum. Für die Tänzer ist die Herausforderung entsprechend groß, zumal sie in diesem Format so intensiv sie selbst und so präsent sind, wie in kaum einer anderen Tanzproduktion. Für die Zuschauer liegt hier ein ganz großer Reiz. (mic)

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