Mittwoch, 22.05.2019

Luftgeister, Magier, Fieslinge und große Helden

Musiktheater:Mit Henry Purcells »King Arthur« aus dem Jahr 1691 zeigt das Mainfranken Theater in spartenübergreifender Produktion eine mitreißende Semi-Oper

WÜRZBURG
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Märchenhafte Szenen in der Würzburger Aufführung von Henry Purcells »King- Arthur«. Foto: Mainfranken Theater
Foto: Nik Schölzel

Rich­tig ge­mei­ne Fies­lin­ge und ein at­trak­ti­ver Held, der sa­gen­haf­te Abenteu­er er­lebt. Ei­ne Frau, so hübsch wie selbst­be­wusst, zwi­schen zwei Män­nern. Gro­ße Ma­gi­er, die die Ge­schi­cke der Men­schen be­ein­flus­sen. Geis­ter, Si­re­nen und sinn­li­che Wald­we­sen. Ver­füh­re­ri­sche Ero­tik ne­ben Sze­nen zum La­chen wie zum Her­zer­wär­m­en.

Die Fantasy-Motivkiste bietet mehr als genug Stoff, um in Hollywood einen Streifen nach dem anderen zu produzieren. Man mische noch eingängige Musik dazu und untermale die ein oder andere Szene mit Tanz - fertig ist das Fantasymusical. Was nach einem kassenklingelnden Konzept des 21. Jahrhunderts klingt, taugte wohl auch schon vor mehr als 300 Jahren, wie jetzt in Würzburg zu erleben ist.

Mit Henry Purcells (Musik) und John Drydens (Libretto) 1691 in London uraufgeführter Semi-Oper »King Arthur« sorgt das Mainfranken Theater fürs ganz große Aufgebot: Neben Sängern und Schauspielern sind Tanzcompagnie, Opernchor und Extrachor, Komparserie sowie das Philharmonische Orchester Würzburg unter dem Dirigat der Kapellmeisterin Marie Jacquot an der Produktion des Regisseurs Dominik von Gunten beteiligt. Zur Seite steht ihm nicht nur als Choreograph, sondern auch als Co-Regisseur Kevin O'Day, Artist in Residence in der Tanzsparte.

Nur Nebenrollen singen

Die Semi-Oper ist dabei prädestiniert für eine spartenübergreifende Produktion - und das hatte wohl einst mit dem englischen Gemüt zu tun: Die Erfahrung habe gelehrt, dass dieses den fortwährenden Gesang nicht vertrage, schrieb der Journalist Peter Anthony Motteux seinerzeit, um zu erklären, warum sich französische oder italienische Opern auf der Insel nicht durchsetzten: Englische Gentlemen wollten »Musik, Tanz eng verflochten mit Komödie und Tragödie.« Was damals auf der Insel funktionierte, taugt heute auch in Würzburg: So kurzweilig, so märchenhaft und fantastisch, letztlich auch so modern erlebt man Musiktheater des 17. Jahrhundert selten.

Die Inszenierung dürfte gerade auch jungem Publikum einen Zugang zum klassischen Musiktheater eröffnen. Eine schöne Idee ist es da, den Orchestergraben nur halb abzusenken, so dass das Orchester - ständig im Publikumsblick - in die Handlung einbezogen werden kann und Magier Merlin etwa kurzerhand Marie Jacquots Dirigentenstab in einen Zauberstab umfunktioniert. Und die Kapellmeisterin arbeitet mit den Musikern auch händisch das so herrlich Erzählende der Purcell-Kompositionen filigran heraus, lässt beim »Cold Song« aus der Frostszene bibbern und zittern, macht große Gefühle hörbar. Zauberhaft: Die ruhigen Spielmomente, nur mit historischer Harfe und Cello. Zum Saisonende wird Jacquot übrigens Würzburg verlassen und an die renommierte Oper am Rhein mit den Spielorten Düsseldorf und Duisburg wechseln.

Gesanglich überzeugt - neben gut gelungenen Chorszenen - vor allem Sopranistin Akiho Tsujii als Luftgeist, Cupido und Venus. Und ein Rundum-Ohrenschmaus: die Art und Weise, wie Tenor Mathew Habib als Hirte, Priester und Waldwesen das herrliche, alte Englisch herausarbeitet. Übrigens singen im »King Arthur« vor allem Nebenrollen, für die Protagonisten sind Sprechrollen vorgesehen, unter anderem mit Cedric von Borries als sympathischem Helden »King Arthur«, Georg Zeies als lässigem Merlin im himmelbauen Anzug, Alexander Darkow als schön fiesem Oswald und Johanna Meinhard als reizender und zum Glück durchaus emanzipierter Emmeline. Süß: Tänzerin Maya Tenzer als deren schlagkräftige Freundin Matilda. Verdienten besonderen Applaus zollt das Publikum - vor allem auch für seine schauspielerische Leistung - Bariton Daniel Fiolka als zotteligem, buckligem Magier.

Zauberhafte Ideen

Das Regieteam entwickelte den Abend über eine Fülle zauberhafter, witziger, effektreicher Ideen. Die Bühnenbilder von Philipp Nicolai entführen mit bewegbaren, hohen Blockelementen, Lichtspiel oder Nebelschwaden in einen verwunschenen Wald, eine idyllische Schäferszene, oder eine eiskalte Winterlandschaft aus Spiegeln, kaltem Blau und grellen Lichtstäben. Kostümbildnerin Sabine Böing spielt ständig mit Farbsymbolik, etwa wenn sich Geister, am Ende doch fürs Gute entscheiden und ihre Kleidung immer heller wird.

Reizenden, tanzenden Rehlein stehen uralte Bräuche und archaische Menschenopfer gegen-über. Es wird gekämpft und bitter geklagt, dann wieder traben niedlich blökende Kinderkomparserie-Schäfchen über die Bühne. Und während sonst Rollen bei Bühnenstücken heute eher zusammengefasst werden, entscheidet sich Regisseur von Gunten glatt für den umgekehrten Weg: Luftgeist Philidel (Julia Baukus, Katherina Nakui, Akiho Tsujii) tritt in dreifacher Ausfertigung auf, echot sich nach, neckt sich selbst, bringt ständig zum Schmunzeln. Und symbolisiert so gleichsam mit Schauspiel, Tanz und Gesang die drei Sparten eines einzigen Theaters. Natürlich darf ein Showdown, Mann gegen Mann mit Schwertern, Fäusten und nackten Oberkörpern, vor dem großen Happy End nicht fehlen.

bDauer: 165 Minuten (mit Pause); nächste Vorstellungen, jeweils 19.30 Uhr: 7., 17. 26. und 30. April; 3., 18. und 29. Mai; 2. und 27. Juni; 10. Juli. 15 Uhr: 5. Mai. Stückeinführung jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

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