Sonntag, 25.08.2019

»Das war europäischer Jazz«

Albert Mangelsdorff: Am 5. September wäre die Jazz-Legende 90 geworden - Weggefährten im Interview - Zwei Konzerte zum Jubiläum

FRANKFURT.
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Christof Lauer. Foto: Detlef Kinsler
Foto: Detlef Kinsler
Albert Mangelsdorff hat dem Jazz eine europäische Variante hinzugefügt. Foto: HR/Urban Kirchberg«
Foto: hr/Urban Kirchberg
Nils Wogram. Foto: HR/Ayse Yavas
Foto: Detlef Kinsler
Am 5. Sep­tem­ber wä­re Al­bert Man­gels­dorff 90 Jah­re alt ge­wor­den. Der 2005 ver­s­tor­be­ne Frank­fur­ter gilt als der wich­tigs­te Bot­schaf­ter des eu­ro­päi­schen Jazz. Und er hat das Spiel auf der Po­sau­ne mit sei­nem mehr­stim­mi­gen Spiel re­vo­lu­tio­niert.

Das Institut für Stadtgeschichte und der Hessische Rundfunk widmen Mangelsdorff zwei Konzerte zum runden Geburtstag. Musiker aller Generation würdigen den prominenten Kollegen, darunter die Saxofonisten Heinz Sauer und Christof Lauer sowie der Posaunist Nils Wogram.

Sauer war ab 1960 ein langjähriger Weggefährte des Hobby-Ornithologen (»Der Gesang der Vögel war für ihn ein Klangideal und stetes Vorbild für seine Musik« heißt es dazu bei Wikipedia), produzierte mit Mangelsdorff auch in den USA gefeierte Schallplatten wie »Never Let It End« ein; Christof Lauer stieß 1979 zum hr-Jazzensemble, um neben dem Mann zu spielen, den er als Jungspund im Jazzkeller bewundert hatte; Nils Wogram (45) schließlich erhielt 2013 den renommierten Albert-Mangelsdorff-Preis. Der jungen Posaunist gehört neben Lauer zu den Musikern, die in Solo, Duo-, Trio- und Quintett-Besetzungen neben der hr-Bigband beim 49. Deutschland Jazzfestival Mangelsdorff huldigen. In einem Gespräch mit dem Main-Echo erinnern sie sich an Albert Mangelsdorff.

Was ist Ihre erste Erinnerung an Albert Mangelsdorff?

Heinz Sauer: Wenn ich an Albert denke, denke ich an den Moment, als er mich fragte, ob ich mit ihm spielen würde. Sein dänischer Saxofonist ging nach Kopenhagen zurück und er hatte ein Monatsengagement mit seinem Quartett in einem Club namens Atlantic Bar in Stuttgart. Das war für mich, der da noch Mathematik und Physik studierte, verrückt, aber ich habe mich kurzfristig entschieden, das Studium an den Nagel zu hängen und mit Albert zu spielen.

Dem Quartett wie auch dem Quintett danach wird zugeschrieben, ab 1961 die Emanzipation des europäischen Jazz vorangetrieben zu haben ...

Sauer: Albert Mangelsdorff ist für mich ja eine Art Philosophie. Er hat immer gesagt, Heinz, hör' Dir nicht immer den Coltrane an, lass' uns in unserer eigenen Kultur bleiben. Das war es eigentlich, für mich das ganz Entscheidende. Wie die Amerikaner zu spielen, das hätten wir nie geschafft, weil wir einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Lass' uns unsere eigene Musik spielen. Das war für mich Albert.

Was zeichnete die Musik aus?

Christof Lauer: Als ich angefangen habe Jazz zu hören und die ersten Male Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre in den Jazzkeller gegangen bin, waren das die Zeiten, als da die Post abging. Das war auch wo ich die Musik von Albert Mangelsdorff das erste Mal richtig wahrgenommen habe. Das war europäischer Jazz, hatte wenig mit dem zu tun, was aus Amerika kam. Das faszinierte mich mehr, vielleicht auch wegen meines musikalischen Werdeganges und weil ich Cello studiert hatte. Es war eine Umbruchzeit, es wurde unglaublich viel gewagt, man hat sich gegenseitig vertraut, dass sich im Zusammenspiel etwas Neues entwickelt, das nicht abgesprochen war. Es war kein Festhalten an Vertrautem, sondern der Versuch, den Ballast abzuwerfen. Und es war ein ständiges Suchen.

Sauer: Das Neue hat die Jugend natürlich fasziniert. Die ältere Generation war nicht so gnädig und hat auf uns heruntergeschaut. Wir haben halt Jazz gemacht. Ich sage das jetzt mal drastisch: Für sie haben wir unsere Kultur verraten ...

Und dabei eine neue geschaffen ...

Sauer: Das mag so sein. Albert war ein Revolutionär. Ich bin ja fünfzehn Jahre mit ihm getourt. Da habe ich viel von ihm bei den Konzerten gehört in dieser Zeit, viele wunderbare Momente erlebt, die es so nicht auf Platten gab. Die sind unwiederbringbar.

Nicht nur auf Solo-Produktionen wie »Trombirds« 1972 führte er sein mehrstimmiges Spiel ein, auch das galt als revolutionär ...

Nils Wogram: Albert hat das Ideal eines Jazzmusikers erreicht: zwei Töne und man weiß es ist er. Und das nicht nur wegen seines mehrstimmigen Spiels. Phrasierung, Melodielinien und Klang waren unverkennbar.

Albert hatte eine klare musikalische Vision, die er kompromisslos umsetzte. Er ist für mich ein absolutes Vorbild.

Niemand der Posaune spielt kommt an Mangelsdorff vorbei. Zum Glück wird sein Erbe weitergegeben und es gibt heute einige Posaunisten, die mit seinem Stil und seinen Spieltechniken vertraut sind. Er war ein Innovator auf dem Instrument.

Sauer: Das mit dem mehrstimmigen Spiel hat mir nicht so imponiert, das war auch nicht das Wesentliche bei Albert, das hat er nebenher auch noch erfunden. Das war natürlich toll, wie er das gemacht hat, viele machen ihm das nach, aber sie können das nicht so gut. Er war sehr kreativ. Wenn ich ein Stück geschrieben hatte, da hat der Albert immer noch Ideen gehabt, wie man das besser machen kann, richtig gute Ideen. Das hat ihn ausgezeichnet.

Bei all dem Lob und seinem Status sogar im Mutterland des Jazz, blieb Mangelsdorff sympathisch bescheiden ...

Lauer: Als ich 1979 Mitglied des hr-Jazzensembles wurde, war ich natürlich aufgeregt und bin auch ein wenig vor Ehrfurcht erstarrt. Wenn man bedenkt, was er musikalisch in die Welt gebracht hat, war er ein total bescheidener Mensch, der nie abgehoben total auf der Erde geblieben ist und auch einer, der sich eher selbst in Frage stellte und immer daran interessiert war, sich weiterzuentwickeln.

Sauer: Ich kenne ihn besser (lacht). Trotzdem: Das ist schon richtig. Er war auf alle Fälle ein Understatement-Typ, den es heutzutage so nicht mehr gibt.

Aber in seiner Kunst war Mangelsdorff sicher unnachgiebig ...

Sauer: Das würde ich schon so sagen. Ich hatte irgendwo in einem Interview mal gesagt, Albert sei tough. Da hat er mich noch kurz vor seinem Tod gefragt, was ich denn damit gemeint habe. Das war schwer zu erklären. Der liebe Albert ... Aber er wusste ganz genau - und das geht in der Kunst auch gar nicht anders - was er wollte. Da war er dann auch tough.

Wogram: Albert Mangelsdorff hat national als auch international viel bewirkt und Musikgeschichte geschrieben. Sein absolut unverkennbares Spiel, seine originellen Kompositionen und seine klare, bescheidene Haltung hat die deutsche Jazzszene nachhaltig beeinflusst. Die musikalische Weltklasse eines deutschen Musikers mit Wohnsitz in Deutschland war und ist etwas Besonderes. Die Konzentration auf Inhalte und die Essenz des Jazz ist was Albert ausstrahlte. Weltweit war seine Spielweise einzigartig und brachte ihm einiges an Renommee ein. Zumindest bei den Fachleuten und Musikerkollegen. In Deutschland hatte Albert sogar eine gesellschaftliche Bedeutung und hat dem Jazz einiges an Popularität gebracht.

b»Spielen für Albert«, Frankfurt, Institut für Stadtgeschichte, 9. September, 17 Uhr; »Hut ab!«, Eröffnungskonzert beim 49. Deutschland Jazzfestival, Frankfurt, Alte Oper, 22. Oktober, 20 Uhr

DETLEF KINSLER
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