Künstler als Seiltänzer zwischen Fakt und Fake

Ausstellung: Der Neue Kunstverein Aschaffenburg zeigt die Schau »Artist / Don Quixote« im Kunstlanding

Aschaffenburg
2 Min.

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Die Installation von Thomas Breuer und Sophia Greff im Kunstlanding soll den »biografischen Grenzgang des künstlerischen Egos« erfahrbar machen. Foto: Melanie Pollinger
Foto: Melanie Pollinger
Der Künst­ler als Wahr­heits­su­cher und Wel­ten­ret­ter: Ist er nicht ein Seil­tän­zer zwi­schen Fakt und Fa­ke, ein Wett­läu­fer ge­gen das ei­ge­ne Schei­tern, ein Kämp­fer ge­gen Wind­müh­len? Die ak­tu­el­le Aus­stel­lung beim Neu­en Kunst­ve­r­ein Aschaf­fen­burg im Kunst­lan­ding »Ar­tist / Don Qui­xo­te« setzt sich mit die­sen Fra­gen au­s­ein­an­der.

Kurator der Schau von Künstlern über Künstler, die am Samstagabend eröffnet wurde, ist der in Frankfurt lebende Iraner Ahmad Rafi (58), der schon öfter im Aschaffenburger Raum ausgestellt hat.

Tanz in der Wüste

Rafis Labdsmann, der Iraner Mohsen Hosseini, 1958 in Teheran geboren, hat Miguel Cervantes' Ritter von der traurigen Gestalt in zwei Videofilmen tänzerisch umgesetzt. Diese zeigen den Choreographen in der chinesischen Wüste Takliemakan und der Lut-Wüste im Iran selbstverloren sich drehend mit wehenden langen Haaren im orientalischen Gewand. Bei der Vernissage am Samstagabend tanzte Hosseini erneut. Diesmal in einem rosa Kleid seiner verstorbenen Mutter, unter dem er einen schwarzen Bodystocking trug. Die bizarre Verwandlung bei der Live-Performance vor dem Hintergrund des Wüsten-Videos ist nun als zweites Video in Endlosschleife zu sehen.

Historische Mauern

Spuren einer Reise durch ganz andere Landschaften finden sich im selben Raum. Die Kroatin Ana Sladetic zeigt Abdrücke historischer Mauern, entstanden unter anderem in Berlin, China und am Atlantik-Wall: sicht- und tastbare Erinnerungen auf Papier an Orte, die zu etwas Abstraktem werden.

Von 2D zu 3D

Mit der Grenze zwischen Abstraktem und Konkretem spielt Ea Bertrams (54) aus Berlin. Ihrer filigranen Grafik auf Papier - einer raffinierten Kombinationen aus Handzeichnung und digitaler Bearbeitung - stellt sie raumfüllende Installationen aus schwarzen Nylonnetzen gegenüber. Erhöht wird der Effekt des Übergangs aus der Zwei- in die Dreidimensionalität mit einer aufwendig produzierten Schwarzweiß-Animation. Alles sei »ohne Dramaturgie und Konzept« entstanden, sagt Bertrams. »Wie Don Quixote gehe ich ein Wagnis ein, bei dem das Ende nicht absehbar ist.«

Demontierte heile Welt

Karin Hoerler, 1952 in Frankfurt am Main geboren, erschüttert mit ihren Collagen »Landschaft mit Kühen« und ihrer »Bildlexikon«- Installation Sehgewohnheiten, die sich durch die Bilderflut der Werbung in den Köpfen festgesetzt haben. Sie verfremdet Heile-Welt-Motive - wie Dorfidyll und glückliche Kühe - und entlarvt die Lüge dahinter. In einer Videoinstallation erzählt Hoerler Don Quixotes Geschichte in Abziehbildern und macht so die Kluft zwischen Realität und vermeintlich Gesehenem deutlich. »Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir die dreidimensionale Welt zweidimensional abbilden können.«

Königin von Saba in Trümmern

Die Illusion unvergänglicher Schönheit hat Vollrad Kutscher (74) aus Frankfurt unfreiwillig platzen lassen. Seine Skulptur der Königin von Saba fiel nach dem Aufbau unbeobachtet zu Boden und liegt nun in Trümmern unter der Videoprojektion. Diese zeigt, wie das ebenmäßige Gesicht innerhalb von Minuten verwelkt.

Alptraum auf Lkw-Plane

Einen Alptraum hat Christine Biehler (55) aus Hanau im Kabinett des Kunstlanding sichtbar gemacht. Sie fotografierte den alten Dielenboden und übertrug die Maserung auf eine acht mal vier Meter große Lastwagenplane. Diese füllt nun, in Falten gelegt, den Raum wie eine bedrohliche Welle bis zur Decke.

Ausgestopfte Gestalten

Absurd wirken die ausgestopften Gestalten der gebürtigen Rumänin Sofia Kreff (44) und des Kölners Thomas Breuer (50). Sie bestehen aus Altkleidern und Teilen von Stühlen. Ein Geräuschgenerator erfüllt den Raum mit nervigen Klängen - gewollt, wie Breuer sagt. »Die Besucher sollen sich ihren Weg durch die störenden Objekte bahnen und dabei den »biografischen Grenzgang des künstlerischen Egos« erfahren, seine »Reise auf unsicherem Grund mit unsicherem Ziel«.

Netz nach oben

Als Grenzgänger präsentieren sich auch Amir Mobed (45) und Mehdi Naderi (46) aus dem Iran mit Dokumentarfilmen. Amir Mobed ist aus ungewöhnlicher Perspektive bei der Arbeit aufgenommen: Er knüpft ein Netz, das ihm Halt auf seinem Weg nach oben gibt, dem Betrachter entgegen. Naderi thematisiert den Titel einer Komposition des italienischen Musikers Luigi Nono. »No hay caminos hay que caminar« (es gibt keine Wege, man muss gehen) und bringt die künstlerische Sinnsuche auf den Punkt.

bDie Ausstellung dauert noch bis zum 15. September

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