»Ich fühle den Rhythmus«

Juho Saarinen / Elisabeth Pinilla Isabela: Die Macher des Gehörlosen-Theaterstücks »Aniara« über ihre Arbeit

Aschaffenburg
4 Min.

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Verständnis ohne Worte: Viel Vorarbeit haben Regisseur Juho Saarinen (48) und Vorsitzende Elisabeth Pinilla Isabela (49) gemeinsam geleistet, um das neue, aus Schweden stammende Stück des Deutschen Gehörlosen-Theaters in deutscher Gebärdensprache zu inszenieren. Zu sehen ist es am 9. März im Stadttheater Aschaffenburg.
Foto: Andrea Hammerll
Thea­ter von Ge­hör­lo­sen für Ge­hör­lo­se und Hö­ren­de zu­g­leich ist ei­ne fas­zi­nie­ren­de Ge­schich­te. Wäh­rend die Schau­spie­ler Ge­bär­den­spra­che nut­zen, wird der Text von zwei Schat­ten­schau­spie­lern für Hö­ren­de über­setzt be­zie­hungs­wei­se hör­bar ge­macht.
Das Konzept ist neu und wird erstmals beim aktuellen Stück »Aniara« eingesetzt, mit dem das Deutsche Gehörlosen-Theater (DGT) am Samstag, 9. März, im Stadttheater Aschaffenburg gastiert. Andrea Hammerl erzählten Regisseur Juho Saarinen (48) und Vorsitzende Elisabeth Pinilla Isabela (49), die zugleich Texterin und Co-Regisseurin ist, wie »Aniara« entstanden ist.

Wie sind Sie zum aktuellen Stück gekommen und was gefällt Ihnen daran besonders?
Juho Saarinen: Ich habe »Aniara« von Harry Martinson vor zehn Jahren gelesen, seitdem fand ich die Idee toll, in den Weltraum zu reisen. Es ist ein Superbuch, so vielfältig und in verschiedenen Sprachen geschrieben, dazu die wunderbare Poesie . .
Elisabeth Pinilla Isabela: Ich habe das Stück nicht ausgesucht. Aber mit der Zeit faszinierte mich das Epos immer mehr, während Juho und ich uns mit den Gesängen auseinandersetzten. Die Geschichte, wie Menschen sich im endlosen Weltraum angesichts des Todes verhalten, und dass wir daraus eine wunderbare Poesie inszeniert haben, fasziniert mich immer noch.

Es geht um die Suche nach dem Sinn des Lebens - glauben Sie, dass sie anders ist für Gehörlose als für Hörende?
Elisabeth Pinilla Isabela: Wir Gehörlose suchen genauso wie Hörende nach dem Sinn des Lebens. Der Sinn meines Lebens zum Beispiel ist die Suche nach dem Sinn des Lebens. Wir setzen uns mit Natur, Religionen, dem Verhalten und Leben sowie Denken anderer auseinander. Wir versuchen, vieles zu begreifen und zu verstehen - auch wenn wir manchmal nicht begreifen und nicht verstehen. Da unterscheiden wir uns wohl kaum von Hörenden.

Wesentlicher Aspekt des Stückes ist das Versmaß. Sprechen die beiden Schattenschauspieler im Versmaß? Wie lässt sich das in Gebärdensprache umsetzen?
Elisabeth Pinilla Isabela: Die beiden Schattenschauspieler sprechen die in deutsche Gebärdensprache übersetzten Texte, genauso wie die gehörlosen Schauspieler sie auf ihrem Textskript haben. Es war sehr schwer, zuerst die Versmaße zu verstehen, sich davon inspirieren zu lassen, und das Begriffene dann in die Gebärdensprache zu übersetzen. Juho suchte die Gesänge aus und ich erklärte ihm, wie ich sie verstehe. Das Theaterstück hat ein Versmaß, aber nicht mehr das originale, sondern mein eigenes.
Juho Saarinen: Zuerst hat eine Freundin das Drehbuch in Finnische Gebärdensprache übersetzt. Es ist brutal abstrakt, daher haben Elisabeth und ich uns zusammengesetzt, um ein gemeinsames Bild daraus zu erarbeiten. Sie übersetzte in die Gebärdensprache, ich sagte ihr, wie ich diesen Gesang umsetzen will und dann hat sie ihn aufgeschrieben.

Was ist die besondere Herausforderung des Stücks für Regie und Schauspieler?
Elisabeth Pinilla Isabela: Die besondere Herausforderung für mich war, mich erst einmal durch 103 Gesänge mit verschiedenen Versmaßen durchzubeißen, um es zu verstehen.
Juho Saarinen: Schließlich sollte daraus ein poetisches Theaterstück auf hohem Niveau werden. Ich mag Abstraktes, Poesie ist mir wichtig, vor allem aber muss es anspruchsvoll sein. Und dieses Stück dann den Schauspielern begreiflich zu machen, war auch nicht einfach. Meine Frau, Julia von Juni, hat geholfen, sie in ihren Rollen zu coachen.

Warum gibt es nun Schattenschau- spieler statt die früheren Vorleser im Zuschauerraum?
Elisabeth Pinilla Isabela: Ich habe bei meinen früheren Stücken Vorleser eingesetzt. Sie waren ja nicht schlecht, aber wir konnten nicht kontrollieren, ob ihre Sätze auch richtig mit den Schauspielern übereinstimmten. Und in jeder neuen Stadt mussten wir Vorleser suchen. Immer wieder erhielt ich Beschwerden, vor allem von den gefürchteten Codas (Children of deaf adults), von Dolmetschern und Hörenden, die Gebärdensprache konnten. Sie sagten mir immer wieder, dass man auf die Vorleser verzichten könnte, was ich bei dem Stück »Die Bluthochzeit« versuchte. Aber auch das führte zu Empörung - diesmal bei den Hörenden.
Juho Saarinen: Dann kam mir die Idee mit den Schattenschauspielern, die den gehörlosen Schauspielern folgen. So funktioniert es viel besser und die Hörenden sind begeistert.

Herr Saarinen, Sie sind hauptberuflich Regisseur und Choreograph - wie schaffen Sie es, als Gehörloser Tänze zu choreographieren?
Juho Saarinen (legt die Hand an die Brust): Ich fühle den Rhythmus und habe alle Tanzbewegungen mit Hilfe des vibrierenden Bodens erlernt. Und natürlich kenne ich die Noten und arbeite danach.
Gibt es auch gehörlose Tänzer?
Juho Saarinen: Ja, natürlich. Ich kenne zwei, aber es gibt bestimmt noch viel mehr in Deutschland.

Wie oft probt das Deutsche Gehörlosentheater?
Elisabeth Pinilla Isabela: Wir haben ein halbes Jahr vor der Premiere mit den Proben angefangen, anfangs je ein Wochenende im Monat. Die letzten beiden Wochen vor der Premiere wurden durchgehend im Gehörlosenzentrum in München geprobt.

Wie geht es Ihnen auf Tournee mit all den neuen Städten und Bühnen?
Elisabeth Pinilla Isabela: Um Anreise, Bühnen bestellen und Fahrten organisieren kümmert sich Gertraud Sailer, unsere Projektleiterin, die zugleich Geschäftsführerin vom Deutschen Gehörlosen-Theater ist. Es ist schon jedes Mal viel Aufwand, aber es klappt immer gut - was an der ausgezeichneten Organisation von Gertraud Sailer liegt.

b»Aniara« Informationen zum Stück und zur Aufführung am 9. März im Aschaffenburger Stadttheater im Service-Magazin, heute, Mittwoch, Seite 1
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