»Ich bin wohl ein Dramatyp«

Kurzfilm: Mit »Meer bei Nacht« über das Korsakow-Syndrom hat die unterfränkische Regisseurin Kim Fabienne Hertinger 31 Preise erhalten

WÜRZBURG
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Erfolgreiche Kurzfilmerin: Kim Fabienne Hertinger. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider

»Filme waren für mich schon als Kind wie Freunde«, sagt Kim Fabienne Hertinger. Die heute 29-jährige Unterfränkin tauchte ein in andere Welten, dachte Erzählungen weiter, erarbeitete sich eigene Geschichten. Und auch heute macht sie dies wieder - ziemlich erfolgreich: Ihr 26-minütiges Kurzfilmprojekt »Meer bei Nacht«, das komplett in Würzburg entstanden ist, war weltweit auf mehr als 50 Festivals zu sehen und hat - aktueller Stand - 31 Awards abgeräumt. Kim Hertinger schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte. »Es freut mich, dass der Film auf der ganzen Welt verstanden wird und Menschen berührt. Bis in die Antarktis«, sagt die junge Frau.

Aufgewachsen in der 2000-Einwohner-Gemeinde Wonfurt im Landkreis Hassberge, entdeckte sie ihre Leidenschaft für Regiearbeit schon zu Schulzeiten. Damals spielte sie Theater, allerdings mit nicht allzu großer Begeisterung. »Ich merkte, dass es mir viel mehr liegt vor als auf der Bühne zu stehen.« Entgegen kam ihr da ein Schulprojekt zum Thema Film, bei dem sie zum ersten Mal ein Drehbuch schrieb und Regie führte. Mit 18 Jahren ging sie während der Sommerferien an die Filmacademy London, besuchte dort einen Crashkurs im Filmemachen, spricht von einer prägenden Erfahrung. »Ich war damals zum ersten Mal überhaupt allein im Ausland.«

Kim Hertinger wirkt im Gespräch zurückhaltend, gleichzeitig blitzt aus ihren haselnussbraunen Augen ständige Entschlossenheit. Sie durchdenkt jeden Satz genau. Und ähnlich reflektiert dürfte sie sich dem komplexen Filmthema Korsakow-Syndrom genähert haben. Dieses gilt als eine spezielle Form der Amnesie und tritt häufig bei schwer alkoholkranken Menschen auf. Bei den Betroffenen kommt es häufig zu Erinnerungslücken, diese füllen sie mit meist frei erfundenen Inhalten auf. Experten sprechen dabei von »Konfabulieren«. »Meer bei Nacht« handelt von einem einst gefeierten Theaterstar, der auf die Rückkehr auf die großen Bühnen des Landes hofft. Bei einer Premiere bricht er zusammen, erwacht im Krankenhaus und muss erkennen, dass ihm eine Krankheit Selbstbestimmung, Ansehen und sozialen Rückhalt genommen hat. Und er begegnet seiner Tochter.

Um zu verstehen, weshalb sich eine junge Frau mit einem komplexen Thema wie dem Korsakow-Syndrom auseinandersetzt, hilft ein Blick in ihre Biografie. Einen Platz an einer deutschen Filmhochschule zu ergattern, ohne bereits Filmprojekte vorzeigen zu können, ist nahezu unmöglich - und so entschied sich Kim Hertinger nach dem Abitur alternativ für ein Studium der Psychologie in Würzburg. »In den ersten Jahren gab ich dem Studium die volle Chance und ließ das Thema Film komplett ruhen«, erzählt Hertinger. »Dann merkte ich, dass mir etwas extrem fehlt.« Neben dem Studium machte sie 2016 ein Praktikum im Werbefilmbereich. Jetzt ging alles ziemlich schnell.

Psychologiestudium

Mehrere Dinge passierten nun parallel. Durchs Praktikum hatte die Studentin Kontakte in Würzburgs Filmszene geknüpft. Im Studium wurde, als es um Alzheimer und Demenz ging, am Rande das Korsakow-Syndrom gestreift. »Hängen blieb bei mir, was die Krankheit einzigartig macht: das Konfabulieren«, sagt Hertinger. Filme wie die Psychothriller »Black Swan« oder »Shutter Island« inspirierten zusätzlich. Zudem las die Psychologiestudentin zu diesem Zeitpunkt einiges über Klaus Kinski, über seinen Alkoholkonsum und seine Beziehung zur Tochter. Die Idee entstand, in einem Kurzfilm die wenig bekannte Krankheit bei einem Theaterschauspieler anzusiedeln.

Im Dezember 2016 stellte Hertinger das Drehbuch zu »Meer bei Nacht« fertig, suchte sich ein Kernteam für Kamera, Schnitt und Regieassistenz, überzeugte die Stadt Würzburg, das Filmprojekt mit vierstelliger Summe zu fördern, castete Schauspieler - alle mit Filmerfahrung, schaffte es, Equipment mit Millionenwert günstig auszuleihen. In Jonas Göbel aus ihrer Heimatgemeinde Wonfurt fand sie einen Komponisten, der die Filmmusik komponierte. Im August 2017 wurde schließlich gedreht - drei Tage im Theater Chambinzky, dann im realen Ambiente der Würzburger Psychiatrie. Zwei Tage bekam das inzwischen mehr als 30-köpfige Filmteam dafür am Universitätsklinikum ein Zimmer zur Verfügung gestellt.

Dass Kim Hertinger den Kurzfilm anschließend bei rund 200 Festivals einreichte, ist ihre Art, sich beim Team zu bedanken, denn Lohn konnte sie keinen zahlen. Das Filmprojekt entstand auf rein ehrenamtlicher Grundlage. Im Februar 2018 erhielt »Meer bei Nacht« in Indien einen ersten Preis fürs beste Drehbuch. 30 weitere Awards sollten folgen - unter anderem beim Sioux City International Film Festival. Ins Kino dort passten 1700 Menschen, der deutsche Kurzfilm räumte gleich dreifach ab: Er wurde für den besten Film wie auch das beste Drama ausgezeichnet und erhielt den Publikumspreis.

Den riesigen Erfolg erklären, kann sich Kim Hertinger nicht. »Erwartet hätten wir das nie. Ich freue mich immer noch über jede Nominierung und jeden Preis«, sagt die 29-Jährige. Die Herausforderung beim Kurzfilm sei, die Zuschauer sofort abzuholen. »Das ist uns wohl gelungen, scheinbar kann man dem Schauspieler auf seinem Weg an einem Wendepunkt des Lebens gut folgen. Ich habe häufig erlebt, dass Menschen weinen, wenn sie den Film sehen. Das zu erreichen, ist in 26 Minuten nicht so einfach.« Für Kim Hertinger persönlich übrigens die bislang wichtigste Auszeichnung: ein Preis für die beste weibliche Regie bei den Independent Shorts Awards in Los Angeles. Zur Verleihung in diesem August reiste die junge Frau selbst in die USA, um den Preis entgegenzunehmen.

Solange Filme auf Festivals laufen, dürfen diese in aller Regel nicht in »gewöhnlichen« Kinos gezeigt werden. Jetzt, nachdem die meisten Festivals vorbei sind, will Kim Hertinger dies so schnell wie möglich ändern. Zu sehen war der Film in Würzburg bereits bei einer Fachtagung zum Thema Demenz, eine erste, tatsächlich öffentliche Vorführung ist am 29. November im Capitol Kino in Zeil am Main inklusive Vortrag geplant, die Filmmusik wird dabei live performt werden. Viele weitere Kinoabende sollen - so zumindest Kim Hertingers Hoffnung - in ganz Unterfranken folgen. Und darüber hinaus. In Kontakt steht die 29-Jährige derzeit auch mit der Alzheimer-Gesellschaft Schleswig-Holstein, die einen Aktionstag zum Thema Demenz plant.

Ihr Psychologiestudium hat Kim Hertinger übrigens im März abgeschlossen. Schon zuvor, im Januar, hatte sie sich als Film- und Medienproduzentin in Würzburg selbstständig gemacht und erarbeitet Produkt- und Imagefilme. Mit den Werbeaufträgen sammle sie als Autodidaktin auch weitere Berufserfahrung. Und: Die Einnahmen will die Regisseurin nutzen, um neue künstlerische Projekte umzusetzen. Ein weiteres Kurzfilmskript sei fertig, auf die Frage nach dem Inhalt lacht sie, sagt: »Ich bin wohl ein Dramatyp. Es geht um das Leben nach dem Tod.« Zudem befindet sich die junge Frau aktuell in der Recherchephase für ein vielleicht abendfüllendes Filmprojekt. Auseinandersetzen will sie sich dabei mit dem Thema Pädophilie.

Hintergrund

» Es freut mich, dass der Film auf der ganzen Welt

verstanden wird. «

Kim Fabienne Hertinger,Kurzfilmerin

Hintergrund

» Ich freue mich immer noch über jede Nominierung

und jeden Preis. «

Kim Fabienne Hertinger,Kurzfilmerin

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