Heinz Ehrhardt und Georg Kreisler ins Jahr 2022 gebeamt

Musikkabarett: Das Multitalent Holger Blüder begeistert auf der ausverkauften Mildenburg das Publikum

Miltenberg
2 Min.

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Ein mitreißender Auftritt auf der Mildenburg: Holger Blüder mit seinem Musikkabarett. Foto: Heinz Linduschka
Foto: Heinz Linduschka
Mu­sik­ka­ba­rett in Kon­kur­renz mit ei­nem EM-End­spiel - der Sie­ger steht fest? Von we­gen: Als am Sonn­ta­g­a­bend Hol­ger Blü­der mit sei­nem Pro­gramm Heinz Ehr­hardt und Ge­org Kreis­ler in den idyl­li­schen Hof der Mil­den­burg beam­te, wa­ren al­le Stüh­le be­setzt und es hät­ten noch weit mehr Kar­ten ver­kauft wer­den kön­nen.

Dabei spielt Blüder dieses Programm - immer wieder leicht variiert und aktualisiert - seit 2004 immer wieder, am Untermain und auch in seiner neuen Heimat rund um Warendorf. In Miltenberg waren viele gekommen, die Blüders Hommage an zwei große, und oft verkannte Dichter in deutscher Sprache zum zweiten und auch zum dritten Mal besuchten - und auch sie stimmten am Ende gerne in den euphorischen Jubel ein, der selbst einem Rockkonzert alle Ehre gemacht hätte.

Sensibel und ausdrucksstark

Es klingt immer ein bisschen pathetisch, wenn man einem Musiker und Kabarettisten eine Mission nachsagt, aber Holger Blüder, dieses Multitalent als Pianist, Chorleiter, Dirigent, Musikpädagoge und Kabarettist von hohen Graden, war bei diesem Open-Air-Konzert zwei Stunden lang tatsächlich als eine Art Botschafter unterwegs. Als Botschafter für die Überzeugung, dass die weit verbreitete Unterschätzung des witzigen, ironischen, auch mal satirischen Tons in der deutschsprachigen Literatur ein schwerer Fehler war und ist und dass die hierorts beliebte Trennung zwischen E- und U-Kunst endlich zum alten Eisen gelegt werden sollte. Heinz Ehrhardt in seinen Gedichten und Bühnenauftritten - weniger in seinen Filmen - und Georg Kreisler mit seinem rabenschwarzen Humor in seinen »Everblacks« haben nachhaltig bewiesen, dass das laute, befreite Lachen des Publikums nicht gegen hohe Qualität und sprachliche Innovationskraft bei Texten und Liedern spricht - im Gegenteil! Die Sprachspiele des 1909 in Riga geborenen Allroundtalents Heinz Ehrhardt bilden eine mitreißende Symbiose von Witz, sentenzartigen Weisheiten und liefern den Beweis, dass es den berühmten Brecht'schen Verfremdungseffekt auch in der unterhaltsamen Variante gibt, z.B. im Vierzeiler »Die Zelle«: »Das Leben kommt auf alle Fälle aus einer Zelle, doch manchmal endet's auch - bei Strolchen - in einer solchen.« Im »Pianist« dürfte sich Blüder durchaus selbst angesprochen fühlen, in diesem Gedicht, das mit den Versen endet: »O eminenter Tastenhengst, / der du der Töne Schlachten lenkst / und sie mit jeder Hand für sich / zum Siege führst, / dich preise ich! Und jeder Hörer merkt alsbald: / Du siegst mit Liszt, nicht mit Gewalt!« Genau das führte Blüder mit seinem sensiblen, ausdrucksstarken Spiel am exzellenten E-Piano eindrucksvoll vor.

Georg Kreisler, Komponist, Sänger und Dichter, wurde 1922 in Wien geboren und hatte tatsächlich viel mehr Gemeinsamkeiten mit Ehrhardt als man gemeinhin glaubt. Diese Parallelen zeigte Blüder in den zwei Stunden auf in anschaulichen Kapiteln wie »äußere Ähnlichkeit«, »Liebe zu den Klassikern«, »Sprachakrobatik« und »gleiche Themen«. Ein Beispiel für viele: Kreislers »Musikkritiker«, zugleich der Beweis, dass Blüder schwarzen Humor und auch sarkastische Passagen kongenial vortragen kann, im tiefsten Inneren aber freundlich und sehr sympathisch ist. So nahm er von diesen Versen den Pressevertreter vor Ort ausdrücklich aus: »Heute findet jede Zeitung / Größere Verbreitung durch Musikkritiker / Und so hab auch ich die Ehre / Und mach jetzt Karriere als Musikkritiker / Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist / Denn ich bin beruflich Pharmazeut / Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist / Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.«

Einer der großen Vorzüge des Abends: Offenbar lernten viele Zuhörer Kreisler und Ehrhardt durch Blüder neu oder doch wieder kennen und waren von vielen Zitaten und vor allem von den Kreisler-Liedern in der überzeugenden und ganz eigenständigen Version des 53-jährigen Musikkabarettisten mit seiner jungenhaft-frischen Ausstrahlung hörbar begeistert und überrascht. Der Nachteil: Das Programm war so reichhaltig und facettenreich, dass es hier auch nicht andeutungsweise skizziert werden kann - weder Ehrhardts »Tannhäuser«-Inhaltsangabe in fünf Abteilungen, noch seine »Wilhelm-Tell-Version«. Die Kreisler-Lieder können nicht einmal vollständig genannt werden von »Wie wunderbar ist doch Musik«, in das Blüder die aktuelle Bundesregierung einfließen ließ, über die mitreißende kleine Musikszene in »Die Triangel« bis zum Kultsong »Tauben vergiften im Park«.

Glänzendes Klavierspiel

Was bleibt zu tun? Entweder Aufnahmen der beiden großen deutschsprachigen Künstler anhören oder darauf warten, dass Holger Blüder mit seinem ansteckenden Temperament und der guten Laune, mit seinem glänzenden Klavierspiel, der klaren, oft einschmeichelnden und sehr wandlungsfähigen Singstimme und Mimik das Programm am Untermain noch einmal präsentiert.

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