Grauer Alltag in Großstadt im Bann der Diktatur

Sprechtheater: Barbara Bürk inszeniert »Nach Mitternacht« in Kammerspielen Frankfurt - Nazi-Zeit mit viel Klamauk und Humor betrachtet

FRANKFURT
2 Min.

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Journalist Heini (Michael Schütz) wird von Liska (Melanie Straub) in »Nach Mitternacht« umgarnt. Foto: Felix Grünschloß
Foto: Felix Grünschloß

»Eine Runde Kirsch bitte«: Wenn Menschen nicht weiter wissen oder unsicher sind, fangen sie oft an zu trinken. Das ist im richtigen Leben so - und in Theaterstücken sowieso. Überhaupt geht es in Irmgard Keuns »Nach Mitternacht« viel um Trinkgelage und mit reichlich Alkohol angereicherte Zusammenkünfte in Hinterzimmern von Lokalen. Denn das Stück spielt im Jahr 1936 nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland. Und das ist schon Grund genug für einen Vollrausch aus Verzweiflung - für die auf der Bühne und für die, die davor sitzen. Und dennoch zeichnet die Autorin mit leichter, galanter Hand die sich zuspitzende Lage, die sich verändernde Stimmung.

Ein Sommer 1936 in Frankfurt

Protagonistin in »Nach Mitternacht« ist Susanne Moder. Sie erzählt ihren Sommer 1936 in Frankfurt, bevor sie sich zur Flucht entschließt. Zusammen mit ihrem Cousin Franz verlässt sie das Land. Barbara Bürk hat Keuns 1937 erschienenen Exilroman für die Bühne in den Kammerspielen Frankfurt adaptiert. Susanne oder kurz auch Sanna wird von sechs Schauspielern verkörpert, Männern und Frauen, unter anderem Michael Schütz, Christina Geiße, Uwe Zerwer und Christoph Pütthoff. Das gibt dem Stück jede Menge Schwung - der zwar für Dynamik sorgt und damit die schnelle Veränderung damals gut widerspiegelt, aber zu wenig Platz für leise Momente lässt. Wenigstens die Musik am Klavier und am Vibraphon von Markus Reschtnefki bringt Schmelz, Wehmut und Melancholie in die Inszenierung und sorgt für Atmosphäre.

Sanna wächst auf in einem kleinen Dorf an der Mosel, später wird sie zur Tante nach Köln geschickt. Aber unter Kittelschürze und Kopftuch versteckt sich eine böse Frau. Die Sanna wegen einer unbedachten Äußerung bei der Gestapo verrät - worauf sich die junge Frau im Verhör wiederfindet. Mit Glück entkommt sie der Situation. Gewarnt aber ist sie allemal vor dieser Willkür.

Diese Willkür begegnet einem in Keuns Stück immer wieder. Wenn Sannas Bruder Algin plötzlich Bücher schreibt, die von den Nazis verboten werden. Wenn der jüdische Freund ihrer Freundin Gerti plötzlich verschwindet und niemand weiß, wo er ist. Und wenn der Journalist Heini nach dem ausgelassenen Fest bei seinem Freund Algin plötzlich um Mitternacht zur Waffe greift und sich erschießt, weil er keinen Ausweg mehr sieht.

Man feiert, man säuft

Man feiert, man säuft, man sinniert über Politik. Man sieht sich Hitler auf dem Opernplatz an und sinniert wieder. Man liebt und entliebt sich. Man hetzt und petzt. Der graue Alltag in einer Großstadt, die zunehmend in den Bann der Diktatur gerät, unterbrochen von wenigen hellen Momenten mit ein bisschen Glanz.

»Nach Mitternacht« versucht mit viel Klamauk und Humor auf die Grauen der Nazi-Zeit zu verweisen. Und manchmal schimmert auch durch, dass die Regisseurin Vergleiche zur Pandemie zieht, die mit ihren Einschränkungen von etlichen ebenso als Diktatur empfunden wird. Spätestens das zieht der Inszenierung den letzten Zahn. Schade für das sehr engagierte Ensemble.

b»Nach Mitternacht«: 26. September, 3., 4., 25. Oktober (Dauer 90 Minuten, keine Pause), Kammerspiele Frankfurt; Karten und Informationen: https://www.schauspielfrankfurt.de

Stichwort: Exilliteratur

Als Exilliteratur wird die Literatur von Schriftstellern bezeichnet, die unfreiwillig Zuflucht in der Fremde suchen müssen, weil ihre Person oder ihr Werk im Heimatland bedroht ist. Meist geben politische oder religiöse Gründe den Ausschlag für die Flucht ins Exil. Die deutsche Exilliteratur entstand 1933-1945 als Literatur der Gegner des Nationalsozialismus. Dabei spielten die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 und der deutsche Überfall auf die Nachbarstaaten 1938/39 eine ausschlaggebende Rolle. Der Amsterdamer Querido Verlag war ein für Exilliteratur bekannter Verlag. Dort wurde 1937 auch Irmgard Keuns »Nach Mitternacht« verlegt. ()

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