»Gegenwart permanent auf den Prüfstand stellen«

Heinz Kirchner: Der Autor und Regisseur über die Lesung »Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« - Premiere am 28. März im Stadttheater

Aschaffenburg
4 Min.

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Festung Aschaffenburg im März 1945: das verbarrikadierte Sandtor in der Sandgasse.
Foto: Fritz Geist/Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg
»Erinnerung an eine Zeit hier in Aschaffenburg, die wir nicht vergessen sollten«: Heinz Kirchner im Main-Echo-Gespräch über die Lesung »Die Festung Aschaffenburg«.
Foto: Stefan Gregor
Der am 28. März 1945 hingerichtete Leutnant Friedel Heymann.
Foto: Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg
Wie mit der ei­ge­nen Ge­schich­te um­ge­hen? In Aschaf­fen­burg gibt es da­zu in die­ser Wo­che und im Mai ein künst­le­ri­sches Ex­pe­ri­ment:
Der Regisseur und Autor Heinz Kirchner, der freiberufliche Schauspieler Albrecht Sylla und Stadthistoriker Carsten Pollnick lesen das Hörspiel »Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« des 1930 in Aschaffenburg geborenen und heute in München lebenden Heinz Fischer über die letzten Tage der Stadt und ihres Umlands unter dem NS-Regime.
Mit Heinz Kirchner (61) sprach Stefan Reis über die informativen und emotionalen Möglichkeiten dieser Lesung.

Was ist so spannend an dieser Geschichte »Die Festung Aschaffenburg«?
Nun, schon allein Heinz Fischer kennengelernt zu haben. Der Mann ist 1930 in Aschaffenburg geboren, hat hier Abitur gemacht, in München und in Tübingen Germanistik studiert, promoviert und habilitiert, ist ein international anerkannter Büchner-Experte, hat in Kalifornien und an der Universität Kairo gelehrt, schreibt Dramen und Hörbilder - und damit sind wir bei diesem Text, den wir nun auf die Bühne bringen.
»Die Festung« hat ja eine zweite Geschichte, die sich in der Widmung von Heinz Fischers Buch »Mut der Frauen« mit Frauenporträts findet: »gewidmet den Hösbacher Frauen«. In »Die Festung« hat Heinz Fischer einen Erfahrungsbericht über ein eigenes Erlebnis im März 1945 eingearbeitet: Auf dem Hösbacher Kirchturm ist eine weiße Flagge gehisst, SS-Soldaten fordern den damals 14 Jahre alten Heinz Fischer auf, sie einzuholen. Sich zu widersetzen bedeutete standrechtliche Erschießung. Darauf hin drängen sich schwarzgekleidete Hösbacher Frauen zwischen Fischer und die Soldaten und ermöglichen ihm die Flucht.
Ein Stück Zeitgeschichte von Aschaffenburg und Umgebung also: Es gibt sicherlich noch viele ältere Einwohner der Stadt und der Umlandgemeinden, die sich an diese Zeit und an diese Ereignisse erinnern. Die erste Lesung ist ja am Todestag von Friedel Heymann - Heinz Fischer war mit Heymanns Schwester befreundet: Insofern ist dieser erste Tag der Lesung sowieso eine ganz spannende, weil hochemotionale Geschichte.

Wie setzt man eine solche Geschichte als Lesung dramaturgisch um?
Wir sind zu dritt: Albrecht Sylla, Carsten Pollnick und ich lesen, Jörg Fabig untermalt mit Schlag- und Effektinstrumenten. Bei Fischer gibt es einen Sprecher und zwei sogenannte Zitatoren. Wir haben uns entschlossen, die Rollen etwas gleichmäßiger aufzuteilen, weil im Original der Sprecher sehr dominiert. So gibt es nun drei gleichberechtigte Leser, die von musikalischen Intermezzi unterstützt werden.

Woher speisen sich diese musikalischen Intermezzi?
Wir haben mit Jörg Fabig bereits bei der Eröffnung der Aschaffenburger Kulturtage und anschließend auch im Stadttheater hervorragend zusammengearbeitet. Fabig interpretiert einzelne Textstellen mit musikalischen Improvisationen. Da genießt er alle Freiheiten, die ein Musiker braucht.

Bei allen Ambitionen für eine solche Lesung und die Form ihrer Darstellung: Wie verführt man potenzielles Publikum, dem hohen Anspruch Gehör zu schenken?
Im Stadttheater lesen wir auf der Bühne 3 - also in einem Saal mit 80 Zuschauerplätzen. Auch an den anderen Spielstätten wird schon allein von deren Größe die Publikumszahl überschaubar bleiben. Natürlich ist uns klar, dass wir hier keine Unterhaltung als solche bieten.
Ganz flapsig gesagt: Man will natürlich einerseits sehr viele Zuschauer - andererseits aber auch die »richtigen«, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Wer letztlich kommt: Das ist sowieso nicht vorhersehbar und zum Glück auch nicht beeinflussbar.
Vom Projekt her gesehen, sind wir auf der Bühne in der eher glücklichen Lage, das einfach so zu machen. Wir sind keine hauptberuflichen Schauspieler, die vom Kartenverkauf leben müssen. Deshalb müssen wir keine Kompromisse eingehen, um Zuschauerquote zu erzielen. Häufig ergibt sich ja die Situation, dass bisweilen schon in vorauseilendem Gehorsam Szenen einer erhofften Zuschauerreaktion angepasst werden.

Bedeutet »richtiges« Publikum dessen Gefühlsregungen zu Darstellungen, die ja auf der Wirklichkeit basieren?
Natürlich wollen wir die Leute erreichen. Aber wir haben uns bewusst keine Gedanken gemacht, inwieweit Zuschauer auf die Lesung unmittelbar während des Vortrags oder mittelbar danach reagieren. Das wäre schon wieder viel zu viel Taktieren, Interpretieren, Erwartungshaltungen - bei uns - aufbauen.
Kultur lebt von Gefühlen, aber was man bei Fischers Text nicht vergessen sollte: Er hat einen hohen Informationswert, denn er liefert Daten und Fakten.

Daten und Fakten, die in Aschaffenburg nicht mehr präsent sind?
Das ist wohl eine Generationsfrage. Als das Projekt Hösbacher Bürgern vorgestellt wurde, gab es für uns - aber auch für Hösbacher selbst - eine interessante Erfahrung: Heinz Fischer schreibt an einer Stelle vom »Hösbacher Hinnereck« - viele Ältere wussten sofort, welches Quartier im Ort gemeint ist und haben damit ihre eigenen Geschichten verbunden. Es handelt sich um das Viertel hinter der Kirche, aber so wird es heute von den jüngeren Hösbachern nicht mehr »genannt«.

Verleitet der Inhalt des Stücks, einen Zusammenhang zum großen Thema des gerade gewählten Bundespräsidenten herzustellen? Joachim Gauck betont ja ein ums andere Mal den Wert von Freiheit.
Natürlich ist es ein Wert von Kultur und Kunst, die Gegenwart permanent auf den Prüfstand zu stellen. Fischers Anliegen ist es ja, das damalige Untertanendenken zu dokumentieren - insofern trifft er sich da mit Gaucks Anliegen.
Dennoch sollten wir nicht zu viel interpretieren. Es ließe sich auch ganz schlicht sagen: »Die Festung« ist eine Erinnerung an eine Zeit hier in Aschaffenburg, die wir nicht vergessen sollten.

»Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« (60 Minuten, keine Pause): Mittwoch, 28. März, 20 Uhr, Bühne 3 im Stadttheater Aschaffenburg; Samstag, 31. März, 20 Uhr, Bibliothekszentrum Hösbach; Dienstag, 15. Mai, 19.30 Uhr, Café Hench, Sandgasse Aschaffenburg
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