»Es ist wild, auf einer fahrenden Ape zu tanzen«

Auf einen Kaffee mit . . .:Helena Waldmann - Choreografin inszeniert mit Laien das Stück »Balagan« - Premiere am 1. Juli auf dem Schlossplatz

Aschaffenburg
6 Min.

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Gruppenbild mit Ape: Drei kleine, italienische Flitzer dienen als fahrende Bühnen in »Balagan«, einem Stück, das die Tanzregisseurin Helena Waldmann mit Laien in Aschaffenburg entwickelt. Am 1. Juli ist Premiere auf dem Schlossplatz. Fotos: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich

Cappuccino gibt es auf der Mauer an der Fachoberschule, die Füße auf einer Ape abgelegt. Drei der italienischen Fahrzeuge dienen in »Balagan« Tänzern als rasende Bühne. So heißt das Stück, das Helena Waldmann, renommierte Tanzregisseurin aus Berlin, aktuell mit Laien in Aschaffenburg entwickelt. Geprobt wird im Hof der FOS/BOS. Die Premiere am 1. Juli, bei freiem Eintritt auf dem Schlossplatz, eröffnet gleichzeitig die Aschaffenburger Kulturtage. Zeit für einen Kaffee und ein Gespräch mit Fee Berthold-Geis.

Wie laufen die Proben?

Ich gehe gerne aufs Glatteis. Ich befinde mich gerade auf richtigem Glatteis. (lacht)

Wieso?

Weil ich was mache, was ich noch nie getan habe. Aber das mache ich oft. Und sehr gerne.

Sie inszenieren ein Tanzstück, in dem drei fahrende italienische Flitzer eine Rolle spielen...

Diese Idee ist eine Corona-Geburt. Ausgedacht habe ich mir das im vergangenen Jahr. Tänzer haben in dieser Zeit kleine Choreografien in ihrem Zuhause aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Das fand ich traurig. Da kam die Idee auf, mit kleinen Bühnen zu arbeiten, damit die Tänzer den Abstand einhalten können, aber nicht so isoliert sind. So kam ich auf die Ape. Es sind mobile Bühnen geworden. Und gleichzeitig ein Lieferdienst. Ihre Ladeflächen eignen sich nicht nur, um Menschen anzukarren, sondern auch für große, groteske Auftritte der Tänzer.

Was bedeutet Balagan?

Das ist eine russische Theaterform. Das Wort stammt aus dem Persischen und heißt »Balkon« und »erhöhtes Zimmer«. Die Bedeutung entwickelte sich hin zu »Jahrmarkt«. Eine Ape passt deshalb gut zu »Balagan«. Wenn man mit Tänzern arbeitet, die keine Profis sind, muss man etwas machen, das grobschlächtig sein kann. Es geht nicht darum, ziselierte, feine Bewegungen zu machen. Eine Ape knattert, sie ist extrem wackelig, man muss Mut haben, darauf zu tanzen. Das meinte ich mit dem Glatteis. Ich habe mich in dieses Projekt hineinbegeben, ohne zu wissen, was daraus wird. Auf einer Ape kann man eine ganze Menge machen. Leute, die viel Angst haben, die halten sich mit zwei Händen fest und tanzen. Ein anderer drischt wild auf ein imaginäres Pferd ein.

Die Api fahren wild hin und her?

Ich habe die Fahrzeuge zu Tänzerinnen erklärt. Sie haben einen kleinen Wendekreis. Am Anfang fahren sie Formationen. Die Konkurrenz zwischen dem Vehikel und dem Menschen ist ziemlich interessant. Ich wollte ein Solo entwickeln, aber es ist schwierig auf dem Platz. Er ist zu klein. Da kam ich drauf: Es ist kein Solo, sondern ein Tanz zwischen einem Menschen und einem Vehikel.

Die Konkurrenz haben wir ja auch im echten Stadt-Leben. Ein Auto ist praktisch und gemütlich. Gleichzeitig schränkt es unseren Lebensraum ein und macht ihn gefährlich. Ist doch spannend: Was macht so eine Maschinentänzerin im Gegensatz zu einem doch sehr zerbrechlichen Menschen? Ein Tänzer ist in einer Probe gegen die Windschutzscheibe gesprungen. Das war super. Es erinnert an Verkehrsunfälle, an die Gefahr, die diese Viecher mit sich bringen. Nicht eine Ape, aber etwa ein SUV.

Die Zuschauer stehen auf dem Schlossplatz und gucken zu?

Jetzt kommt etwas, das mich sehr traurig macht. »Balagan« ist geplant als Pop-Up-Theater, das keine Spuren hinterlässt. Es soll auftauchen und wieder verschwinden. Und nichts hinterlassen außer ein bisschen Geknatter und etwas in den Leuten. Jetzt muss es so sein, dass der Platz bestuhlt werden muss.

Das ist schräg.

Das ist es. Eigentlich müsste ich meine Sachen packen und abreisen.

Bitte nicht!

Das Projekt geht für mich so nicht mehr auf. In Ulm, wo ich das danach inszeniere, wird mit Sprühkreide auf den Boden gezeichnet, wo Zuschauer stehen können. Ich hoffe, dass sich bis zur Premiere die Regelungen in Aschaffenburg geändert haben. Es ist ja als Arena gedacht. und die Zuschauer sollen drum herum stehen.

Wie viele Laien sind dabei?

30 tanzen mit. Es ist eine wilde Angelegenheit, da muss man sich wohlfühlen, sich auf einer fahrenden Ape zu präsentieren. Ich finde die Menschen, die mitmachen, unheimlich mutig. Aschaffenburg ist klein. Wenn du so etwas in Kreuzberg machst, da kennt dich keiner. Hier schon. Chapeau!

Das ist nicht das erste Mal, dass Sie mit Laien arbeiten.

Doch.

Beim »Good Passports, bad Passports« waren auch Laien dabei?

Ja, aber da hatte ich eine fertige Idee, die Laien formten eine Mauer aus Menschen. Das ist etwas völlig anderes, mit was Fertigem zu kommen oder mit Laien etwas zu erarbeiten, was ich noch gar nicht kenne. Ich wollte in eine Stadt kommen und mit Leuten aus der Stadt arbeiten. Mir war nicht klar, dass es in Aschaffenburg kaum Profitänzer gibt. Deshalb gibt es keine ausgefeilten Choreografien.

Auch spannend.

Ja, weil in Aschaffenburg viele Leute dabei sind, die keine Ahnung von den Abläufen im Theater haben. Sie wundern sich oft, dass von einem Tag auf den anderen alles anders gemacht wird.

Weil es gerade entsteht.

Genau. Etwa die Konkurrenz zwischen Mensch und Vehikel. Das habe ich mir vorher so nicht ausgedacht. Passt aber gut zum Titel. »Balagan« bedeutet ja »Chaos«. Die Vehikel erzeugen ja Verkehrschaos, Lärm und Gestank. Das ist das Tolle: Diese Dinge bei den Proben herauszufinden.

Für das Stück konnte sich jeder bewerben. Ihnen ist Vielfalt wichtig. Hat es geklappt?

Hat geklappt. Es tanzen Menschen mit, die deutlich über 60 sind. Eine Frau, die Trisomie 21 hat. Es sind Menschen aus Afrika, Ägypten, Brasilien, Asien, Usbekistan dabei. Und Dicke und Dünne.

Kann jeder tanzen?

Das ist Definitionssache. Bisschen hin und herbewegen kann jeder. Bei der Hitze muss ich das Niveau zurückschrauben. Viele, die dabei sind, tanzen gerne. Darum geht es.

Was war die größte Überraschung bei der Probe?

Die Ape-Fahrer. Die Jungs finde ich großartig. Sie kommen aus einer völlig anderen Welt. Da ist ein 16-Jähriger aus Rothenbuch (Kreis Aschaffenburg) mit seiner Cross-Ape dabei. Der fährt einen Stiefel - unglaublich! Der hat mit Theater nichts am Hut. Uns unterstützt ein Besitzer eines Motorradgeschäfts, der sonst eine Harley Davidson fährt. Jetzt setzt er sich in dieses winzige Ding.

Die Api fürs Stück sind von hier?

Am Anfang dachten wir: Wie kriegen wir das hin? Aber es ist oft so: Wenn man für etwas einen Blick hat, sind die Sachen einfach da. Ich kam nach einem Meeting aus dem »Wilden Mann« und da steht auf dem Parkplatz eine Ape!

Die dem Hotelier Peter Gemeinhardt gehört.

Ja. Er hat seine Werbeschilder abmontiert und hat gesagt: »Könnt ihr haben für das Stück!« Das ist so ein bisschen Aschaffenburg, oder? Die Leute hier sind wahnsinnig nett. Gerade, wenn man aus Berlin kommt, denkt man »wow«.

Sie arbeiten überall.

Ich bin eine Nomadin. Ich habe im Iran, in Palästina und Brasilien inszeniert. Lustig, dass ich jetzt in Aschaffenburg bin. (lacht)

Sie waren die erste europäische Frau, die im Iran inszeniert hat. Wie war das?

Der Hammer. Großartig. Aber auch unglaublich schwer. Ich spreche gerade in den Proben oft darüber. Denn ganz oft höre ich aktuell: Das darf man aber nicht wegen Corona! Im Iran ist die Situation ähnlich. Da besteht immer die Angst, dass die Zensur Sachen streicht. Da wurde oft gesagt: Das darf man nicht.

Tanz ist verboten im Iran.

In der Öffentlichkeit ist tanzen für Frauen dort verboten. Dann haben wir den Trick gemacht und die Frauen in Zelte gesteckt. Die Zensoren kamen mehrfach in die Proben. Aber sie wollten, dass das Stück aufgeführt wird. Vielleicht weil ich Ausländerin bin, vielleicht weil ich die erste Frau war, habe ich das Glück erfahren, dass sie offener waren und sagten: Wenn du diese Szene als Standbild machst, kannst du das machen!

Wenn Sie inszenieren, erwartet man etwas mit politischer Sprengkraft. Auch bei »Balagan«.

Die Konkurrenz zwischen Mensch und Fahrzeug ist das Politische am Stück. Wie wir unsere Umwelt zerstören, ist ein Riesenthema. In der Berliner Friedrichstraße dürfen fast keine Autos mehr fahren, das ist diesen Fahrzeugen gegenüber auch eine Kampfansage. Ich würde mir wünschen, dass Berlin bald autofrei wird. Man braucht in Großstädten kein Auto. Auf dem Land ist das anders.

Haltung ist ein Thema beim Stück.

Das sage ich in der Probe immer wieder, ja. Momentan ist eine Zeit gekommen, in der man wieder Haltung hat, sich präsentiert und deutlich macht: Ich bin da. Die Leute sind sehr lange hinter ihren Monitoren verschwunden. Der reale Körper taucht kaum noch auf. Fast alles fand in der Pandemie virtuell statt. Das ist für mich eine politische Aussage: Ich lasse mich nicht wegsperren. Ich lasse mir meine Dreidimensionalität nicht nehmen.

Schluss damit, hinter dem Bildschirm zu sitzen?

Deshalb sage ich zu den Tänzern: Ich möchte nicht, dass ihr in der Schlabberhose zum Auftritt kommt. Wir saßen lange genug in Schlabberklamotten in Zoom-Konferenzen. Aber ja, meine Inszenierungen haben immer mindestens einen doppelten Boden.

Nach Aschaffenburg ziehen Sie mit dem Projekt nach Ulm. Was kommt danach?

Ich reise nach Usbekistan. Es ist eine Recherchereise des Goetheinstituts. Ich habe einen Tanz entdeckt namens Lazgi aus der Wüstengegend Khorezm. Es ist ein superwilder Tanz. Damit würde ich gerne ein Stück machen.

Und sich wieder aufs Glatteis begeben? Sozusagen. (lacht)

Hintergrund

» Das Stück soll nichts

hinterlassen außer ein bisschen Geknatter. «

Zur Person: Helena Waldmann

Helena Waldmann, geboren 1962 in Burghausen, ist Tanz-Regisseurin. Die Stücke der freien Choreografin aus Berlin sind voller politischer Kraft. So thematisiert sie in ihrem in Teheran produzierten »Letters from Tentland« für sechs iranische Frauen die Verschleierung durch den Tschador. Das Stück war die erste Produktion einer westlichen Choreografin überhaupt, die in Teheran aufgeführt und dort beim Internationalen Fadjr-Theater-Festival gezeigt wurde. In »Made in Bangladesh« beleuchtet sie die Ausbeutung der Beschäftigten in den Arbeitsverhältnissen der Gegenwart.

Waldmann studierte von 1982 bis 1987 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Von 1993 bis 1999 lebte sie in Frankfurt am Main, inszenierte am Künstlerhaus Mousonturm optische Verwirrspiele. 2000 war sie Artist in residence im Podewil in Berlin-Mitte. 2003 bekam sie den Unesco-Preis für die Produktion »Headhunters«, die sie in Salvador da Bahia choreografiert hatte. Seit 2018 ist sie Jurorin für den Deutschen Tanzpreis. Ihr Tanzstück »Balagan« hat am Donnerstag, 1. Juli, um 19.30 Uhr auf dem Schlossplatz in Aschaffenburg Premiere. Coronakonform tanzen im Stück Laien auf Api, kleinen, italienischen Fahrzeugen mit Ladeflächen. Nach den Vorstellungen am 2. und 3. Juli zieht Waldmann mit dem Projekt weiter nach Ulm. Die Premiere dort ist am 23. Juli. ()

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