»Erinnerungen besser im Herz als auf dem Handy«

Interview: Bianca Kellner-Zotz, promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, über den Druck, den soziale Medien Familien machen

Hösbach
6 Min.

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Bianca Kellner-Zotz Bildunterschrift 2022-07-07 --> Autorin Bianca Kellner-Zotz
Foto: Sabine Pohla, Fine Art Photos, Illustration: freepik,
Gestaltung: Britta Wittstock
Foto: Sabine Pohla, Fine Art Photos
Im Whats­app-Sta­tus der Freun­de pu­re Idyl­le: Al­le braun ge­brannt, glück­lich, windzer­zaust und im Meer ver­sinkt die glu­tro­te Son­ne. »Fa­mi­li­en­ur­lau­be sind die Ge­le­gen­heit, das Le­bens­glück zu vi­sua­li­sie­ren«, sch­reibt Au­to­rin Bi­an­ca Kell­ner-Zotz in ih­rem Buch »Hap­py Fa­mi­ly«.

»Storytelling ist das halbe Leben« und die Bilder in den sozialen Medien führen zu einem unbewussten Wettbewerb. »Was soll der ganze Zirkus?«, fragt die 46-Jährige. Denn dass das Kind beim Eincremen einen Riesenaufstand gemacht hat, sieht man da nicht. Auch nicht die Kugel Eis, die sandpaniert am Strand liegt. Über überdimensionierte Kindergeburtstage und den Drang, immer zu performen, hat die Mutter zweier Töchter mit Redakteurin Fee Berthold-Geis gesprochen. Unter dem Motto »Happy Family - dem Druck sozialer Medien mit Gelassenheit begegnen« spricht Bianca Kellner-Zotz am Dienstag, 12. Juli, von 19 bis 20.30 Uhr im Bibliothekszentrum Hösbach (Kreis Aschaffenburg) in der Reihe »Expertinnen und Experten auf der Couch«.

Also, was soll der ganze Zirkus? Warum müssen alle in den sozialen Medien immer zeigen, wie toll es bei ihnen läuft?

Das liegt daran, dass gerade Frauen für ihre Familienarbeit nicht genug Anerkennung bekommen. Wir haben gelernt, dass man Zuhörer, Leser, Clicks bekommt, wenn man etwas Besonders macht. Diese Aufmerksamkeit ist eine Belohnung. Gerade Frauen zerreiben sich zwischen Job, Kindererziehung, Bildungsangeboten und Freizeitgestaltung der Kinder. Schön sein sollen die Frauen auch noch und fit. Für all die Aufgaben bekommen sie nicht die Wertschätzung, die sie sich wünschen. Sie haben gelernt, wenn sie ein schönes Bild posten, bekommen sie Likes. Und das ist eine Belohnung.

Das ist also ein Mütterding.

Hauptsächlich ja. Die Männer sind da (noch) wesentlich gelassener.

Wenn ich die schönste Momente ständig festhalte und poste, verpasse ich da nicht das Beste und habe zusätzlich Stress?

Das sehe ich so, ja. Deshalb würde ich raten, das sein zu lassen. Weil es einfach Stress macht. Aber die Menschen merken das oft gar nicht mehr. Neulich war ich auf einer Schulveranstaltung. Da waren Mütter und Väter, die die gesamte Veranstaltung nur durchs Handy gesehen haben. Sie haben 45 Minuten lang gefilmt anstatt zu schauen, was das Kind da macht. Das ist schade. Aber das ist fast ein innerer Zwang. Da wäre meine Botschaft: Lasst das weg!

Was kann man noch weglassen?

Mein erstes Aha-Erlebnis war bei den Kindergeburtstagen meiner Töchter. Heute sind das alles Motto-Partys. Die Mütter basteln Steckenpferde und Fotorahmen. Das hätte meine Mutter nie gemacht. Die hat uns damals das Wohnzimmer leer geräumt, damit wir Platz hatten und hat eine Schnur mit Würsteln aufgehängt. Den Rest haben wir alleine gemacht und etwa Topfschlagen gespielt. Die Idee, dass meine Mutter für uns ein komplettes Rahmenprogramm kreiert, hatte sie nicht. Da habe ich mich gefragt: Wo kommt das denn her, dass wir meinen, das machen zu müssen? Oder warum muss eine Drohne eine Hochzeitsgesellschaft filmen? Brauche ich 400 Fotos von einer Hochzeit?

Nein, vor allem nicht, wenn ich dabei war.

Richtig. Eigentlich sollten wir doch die Erinnerungen im Kopf und im Herzen haben, statt auf dem Handy. Es sind aber hauptsächlich die Frauen, die sich einen Riesenstress machen. Hochzeit, Geburt, Kindergeburtstag, Einschulung,. . ., muss alles perfekt und visualisiert sein. Aber dafür gibt es eben Anerkennung.

Hat sich das durch die Pandemie nicht verändert?

Dachte ich erst. Aber dann habe ich Videos im Whatsapp-Status gesehen von Kindern, die Geige spielen und die Mutter kommentierte: »Sie kann gerade kein Konzert geben, dafür spielt sie eins im Wohnzimmer.« Das ist jetzt sehr überspitzt: Das ist schon eine Instrumentalisierung des Kindes für die eigene Selbstbestätigung. Die Kinder lernen dann: Wenn man was Tolles macht, muss man es allen erzählen. Wenn man es für sich alleine macht, ist es nichts wert. Und das ist doch traurig.

Wie kommt man denn aus diesem unbewussten Wettbewerb?

In dem man sich ertappt. Bei den Kindergeburtstagen habe ich mich ertappt, wie ich dann auch angefangen habe, zu basteln. Ich hasse basteln. Warum mache ich das dann? Meine Kleine bastelt gerne - aber dafür braucht sie mich nicht.

Ich halte das auch für einen Riesenfehler, den Kindern ständig Anleitung vorzugeben. Kinder brauchen viel mehr Freiräume. Sie müssen nicht von Montag bis Freitag durchgetaktet sein. Wir waren auch dienstags beim Kinderturnen, am Donnerstag in der Musikschule und Freitag beim Reiten. Dann habe ich gesagt: Nein, ein Hobby reicht. Aber der Druck ist groß. Das beginnt langsam im Kindergarten. In der Schule kommt dann die Bildungspanik auf. Da denken Eltern, sie müssen ganz viel kulturelles Kapital anhäufen. Die Kinder übernehmen das dann. Später muss es dann immer was Tolles, Großes, Spannendes sein, sonst ist es nichts wert.

Dabei ist Langeweile doch die beste Inspiration.

In den deutschen Wohnzimmern der Mittelschicht stapeln sich die Spiele, Fimo, Steckperlen, Bauklötze..., aber die Familien benutzen das nicht, weil sie keine Zeit haben. Neulich habe ich gelesen, dass es eine 20-Minuten-Version von Monopoly gibt. Da bin ich vom Glauben abgefallen. Man kann Monopoly mögen oder nicht, aber wenn man das spielt dann stundenlang. Und diese Zeit müssen Familien wieder finden.

Ist schwer, bei all den Anforderungen, die heute an Familien gestellt werden.

Ich kenne Mütter in allen Lebenssituationen und Schichten. Alle haben diese Unruhe. Ich kenne wenige Mütter, die in sich ruhen und mit dem zufrieden sind, was sie haben. Ein Psychologe, mit dem ich gesprochen habe, sagt: Einfach sein! Dieses »einfach sein« fällt uns unglaublich schwer. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Es ist jeden Tag wieder ein Kampf, die Kinder einfach sein zu lassen, nicht anzutreiben, mich nicht anzutreiben, mich nicht ständig zu hinterfragen, warum ich einen Blähbauch habe oder warum ich es nicht geschafft habe, zum Laufen zu gehen. Deshalb finde ich Frauenzeitschriften schrecklich.

Sie nennen sie im Buch »Ausgeburt der Hölle«.

Ja, das ist übertrieben. Aber dieses Ratgeber-Format, das sich so durchgesetzt hat, mit Zehn-Minuten-Tipps wie »Nur zehn Minuten Bauchtraining«, »nur zehn Minuten Meditation«, Yoga und Selbstreflexion, nervt. Rechne ich alle diese zehn Minuten zusammen, bin ich bei drei Tagen. Diese hohen Anforderungen an den modernen Menschen kann keiner schaffen. Da nehme ich die Männer gar nicht aus, sie haben auch ihr Pfund zu tragen. Aber sie können sich besser abgrenzen.

Auch gegen unrealistische Darstellungen von Eltern in den Medien?

Ja, Heidi Klum ist sechs Wochen nach der Geburt wieder in Unterwäsche über den Laufsteg gelaufen. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Diese Medienvorbilder leisten Müttern da einen Bärendienst. Meine Hebamme hat gesagt: In keinem Bereich wird so viel gelogen wie in der Kindererziehung. Warum tut man das seinen Mitschwestern an? Aber das hat mit der Belohnung zu tun. Hätten wir eine Gesellschaft, die sagt, es ist in Ordnung, wenn du dich zu Hause um deine Kinder kümmerst, du musst sie nicht zum Yoga und zum Musikgarten schleppen, wäre es leichter. Oder wenn du ein halbes Jahr nach der Geburt wieder arbeiten gehst, weil dich das erfüllt, genauso gut. Aber dieser Anspruch, alles gleichzeitig tun zu müssen, ist brutal.

Was empfehlen Sie?

Gesunden Medienkonsum. Bei uns hat sich gut bewährt, dass das Handy in der Küche sein muss. Es liegt dort immer an der selben Stelle auf dem Fensterbrett. Die Kinder dürfen es auch nicht mit ins Zimmer nehmen. Unsere kleine Tochter hat noch kein Whatsapp. Sie kann alles übers Telefon regeln. Warum soll ich den Kindern das vorher erlauben? Ich boykottiere Instagram und Facebook. Die Kinder haben gelernt, dass es auch ohne geht und sie etwa das Handy nicht zu lange brauchen. Wenn meine Studenten das Handy weglegen müssen, ist das für sie wie ein kalter Entzug. Das ist bei meinen Kindern anderes.

Wie verbringen Sie die Sommerferien?

Unsere Sommerferien sind seit vielen Jahre gleich. Wir fahren eine Woche an die Adria. Wir machen da quasi nichts - außer vom Hotel zum Strand zu gehen. Meine Kinder und wir lieben das. Wir spielen viel Karten. Und zwar Rommé.

Wie macht man sich im Urlaub, wenn alle tolle Fotos posten, frei, vom Druck, mithalten zu müssen?

Wir müssen gucken, was uns gut tut.Wenn es eine Familie erfüllt, 300 Fotos an die gesamte Nachbarschaft zu schicken, möchte ich ihnen das nicht absprechen. Wenn sie sich davon aber eine Belohnung versprechen, würde ich es lassen. In den Ferien würde ich die Medienzeit für alles drastisch reduzieren. Man muss auch nicht jeden Tag Fotos machen. Das Handy kann auch mal im Hotelzimmer bleiben. Pushnachrichten würde ich ausstellen. Mehr Zeit, mehr freie Zeit, um einfach zu sein. Mehr kann man nicht tun. Ich würde mir wünschen, dass Familien wieder die Zeit bekommen, die sie brauchen - und zwar ohne den Applaus von der Tribüne.

bAnmeldung zur Lesung: Familienbildung@Lra-ab.bayern.de

Zur Person: Bianca Kellner-Zotz

Bianca Kellner-Zotz ist Kommunikationswissenschaftlerin, Autorin und Hochschuldozentin. Die 46-Jährige hat über »Das Aufmerksamkeitsregime - wenn Liebe Zuschauer braucht« promoviert. In »Happy Family« seziert die Mutter zweier Töchter (12 und 15 Jahre) die mediale Inszenierung des Familienlebens auf Facebook, Instagram und WhatsApp. ()

bBianca Kellner-Zotz: Happy Family. Warum die Sucht nach Aufmerksamkeit Familien unter Druck setzt und wie wir uns davon befreien können. 320 Seiten, Goldmann 2022, 12 Euro

Hintergrund

Autorin Bianca Kellner-Zotz Foto: Illustration:

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