Entbunden von des Lichtes Fessel

Gitarrentage: Der Abend »Nachtstücke« in der Musikschule Großostheim untersucht die Nacht in Literatur und Musik

Großostheim
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Richard Gläser (Percussion) und Christoph Nonnweiler (Gitarre) spielen das »Duo concertante«.
Foto: Harald Schreiber
Richard Gläser (Percussion) und Christoph Nonnweiler (Gitarre) spielen das »Duo concertante«.
Foto: Harald Schreiber
Hier die Nacht als zentraler Begriff in der Literatur der Romantik, dort zeitgenössische Gitarrenmusik: Eine kühne Verbindung wagte das Literaturkonzert »Nachtstücke - Musik des 20./21. Jahrhunderts« der Musikschule Großostheim im Rahmen der diesjährigen Aschaffenburger Gitarrentage. Das Experiment im übervoll besetzten Musiksaal des Nöthigsguts am Samstagabend ging äußerst zufriedenstellend aus.
Nämlich mit der 1974 von Harald Weiss (Jahrgang 1949) komponierten »Nachtmusik für Sologitarre, Streichorchester, Gitarrenensemble und Schlagzeug«. Atmosphärisch dicht bis narkotisierend, bisweilen lieblich, verträumt, dann sich zum Alptraum steigernd und schließlich mit Glockenklang verhallend: So präsentierten Solist Rainer Schrecklinger und das musikschuleigene Ensemble Neue Musik, dirigiert von Musikschulleiter Bernd Nonnweiler, das eingängige, gefällige Stück.
Es war die Belohnung fürs Durchhalten bei streckenweise schroffen und ungeordneten Gitarrenklängen - freilich dargeboten auf höchstem technischen Niveau von Christopher Brandt. Er ist Professor für Gitarre und Methodik an der Frankfurter Musikhochschule und gilt als einer der bedeutendsten Interpreten zeitgenössischer Musik. Die von Brandt vorgestellte sechssätzige »Musica Notturna Marciana I«, komponiert 2003/04 von Frank Gerhard (Jahrgang 1967), war nichts für Harmoniesüchtige. Die Beschreibung des ersten Satzes als »ruhig und distanziert« erwies sich als untertrieben. Da wurde mit den Fingernägeln gekratzt, gescheuert und tremoliert. Explosive Schläge in den folgenden Sätzen ließen an eine sehr ereignisreiche venezianische Nacht denken, und das zum Schluss von Brandt leise und monoton deklamierte Ringelnatz-Gedicht »Es ist besser so« verstärkte den Eindruck von einer nächtlichen Parallelwelt mit eigenen, von der Tagwelt unkontrollierbaren Gesetzen.
Aparte Strukturen
Den literarischen Part der Veranstaltung bestritten abwechselnd Nonnweiler und Christoph Hornbach, der seit 2009 die Frankfurter Musikschule leitet und als langjähriger Lehrer an der Aschaffenburger Musikschule die Großostheimer Außenstelle mit aufgebaut hat. Gelesen wurden Texte von Mörike, Hölderlin, Nietzsche und Novalis. Dessen »Hymnen an die Nacht« stellten Parallelen her zwischen der Kritik der Romantik am Zeitalter der Vernunft einerseits und die an die Grenzen der Machbarkeit stoßende Moderne andererseits.
Toni Völkers Komposition »Hymnen an die Nacht« von 2005/06 transponieren Novalis' feuriges Plädoyer gegen »des Lichtes Fessel« in Musik. Brandt interpretierte die Sätze »Abwärts wend ich mich...«, »...ein funkelndes, unzerreißliches Band...« und »...zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft« meisterhaft: mit schwindelerregenden Wirbeln, mit plastischem Tropfen und Klatschen der Töne, irrsinnig schnellen Läufen und Vibrieren der Saiten. Voller Dynamik war der zweite Satz mit Knallen wie von Schüssen, ruhig, fast narrativ der Anfang des dritten Satzes, bei dem man den Wind zu hören glaubte beim Reiben der Saiten. Schön, dass die Komponisten Völker (Jahrgang 1948) und Gerhard Müller-Hornbach (1951) beim Konzert anwesend waren.
Auch Müller-Hornbachs »Durchscheinende Linien, 19 Skizzen für Gitarre und Kontrabass« von 2009 waren hörenswert mit ihren aparten Strukturen und Schichtungen. Neben Brandt spielte hier Nicola Vock am Kontrabass.
Reizvoll war auch der Beginn des Konzerts: Richard Gläser (Percussion) und Christoph Nonnweiler spielten als »Echo« zu Mörikes Gedicht »Um Mitternacht« das »Duo concertante« aus dem Jahr 1986 von Joseph Fung (geboren 1955): ein Stück voller Spannung und Dynamik, wechselnd zwischen Transparenz und dichtem, vibrierendem Rhythmus, zwischen weichen Echos und auflärmendem Trubel, sehr anregend, wie der ganze Abend. Melanie Pollinger
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