Eine pastorale Offenbarung

Rock-Geschichte(n): AC/DC gastierten am 16. August 1976 im Londoner Marquee Club und danach mehrmals im Rhein-Main-Gebiet

LONDON/FRANKFURT/WIESBADEN
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Eher beiläufige Erwähnung: Ankündigung eines AC/DC-Konzerts 1976. Foto: Obermaier
Foto: RAINER OBERMAIER
1976 ein Geheimtipp, 2020 mit dem neuen Album »Power Up« noch immer eine Institution. Foto: AC/DC. Sony Music/ Columbia/dpa
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Als stark musikbegeisterter Teenager durfte ich den megaheißen Sommer 1976 in London verbringen. Megaheiß deshalb, weil selbst der Rasen im supergepflegten Hyde Park braun verbrannt aussah. Im allwöchentlichen New Musical Express entdeckte ich eine Anzeige des Marquee Club in Soho. Als Resident Band spielte da regelmäßig eine mir unbekannte Truppe aus Australien: AC/DC.

Wechselstrom / Gleichstrom - den Begriff kannte ich schon vom finalen Song auf LP »Sweet Fanny Adams« von The Sweet. Vor allem aber als Angabe auf den unerlässlichen Strom-Adaptern für die Besucher Großbritanniens vom Kontinent. Zudem kann AC/DC umgangssprachlich auch etwas aus dem Bereich der Sexualität bedeuten. Mein Interesse, ja meine Neugierde waren geweckt. Im Marquee Club - Eintritt kostete 85 Pence - herrschte an jenem Montagabend drängende Enge samt Südostasien-Klima während des Monsuns: Vollbepackt bis oben hin, zirkulierten gefühlte 80 Grad Hitze mit hoher Luftfeuchtigkeit im Raum.

Augenöffner-Spektakel

Was folgte, lässt sich als ein manisches Augenöffner-Spektakel, eine fast schon pastorale Offenbarung umschreiben. Was war das bloß? Etwa jenes neue Genre namens Punk, den die wöchentlichen Londoner Musikgazetten Disc, Sounds, Melody Maker und New Musical Express schon fleißig thematisierten? Oder doch eine Überblendung aus Glamrock, Rhythm'n'Blues, Rock'n'Roll und Hard'n'Heavy? Es klang jedenfalls aufregend neu. Man wohnte zwar nicht der Geburtsstunde von AC/DC bei, aber im Nachhinein erwiesen sich die Auftritte im Marquee Club als signifikante Etappe im Werdegang der Band.

Im Zentrum des Band-Vulkans der unnachahmliche, unerreichte wie unersetzbare Bon Scott. In hautenge Jeans gezwängt und ein knappes Leoparden-Westchen über die muskulöse Statur und haarige Brust gestreift, verkörperte dieses dynamisch dominante Kraftwerk alles was Rock'n'Roll sein sollte: Subversive Gefährlichkeit paarte sich mit lüsterner Laszivität in unmissverständlicher Alles-hört-auf-mein-Kommando-Aura. Bons dreckiges Stimmtimbre durchzog in alles durchdringender Vehemenz die knappen Riff-Songs mit einprägsamen Harmonien.

Zu jener Zeit zupfte noch Mark Evans den Bass, Phil Rudd saß schon am Schlagzeug. Angus Young sah in seiner blauen Samtschuluniform samt auf Rücken geschnalltem Ranzen wie 12 aus. Sein stoisch Rhythmusgitarre hackender Bruder Malcolm, dessen Komponistenhändchen sich für AC/DC schon bald als unbezahlbar erweisen sollte, wirkte kaum älter.

Im zwar immens lauten, aber glasklar ausgesteuerten Klangbild ertönten schon spätere Evergreens wie »Jailbreak«, »Live Wire«, »Problem Child«, »High Voltage«, »She's Got Balls«, »(She's Got) The Jack«, »Rock'n'Roll Singer« und zum Finale »It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll)«. Dazu zwei urig auf die Band umgemodelte Coverversionen: Chuck Berrys »School Day (Ring Ring Goes The Bell)« und Joe Williams' Washboard Blues Singers' »Baby, Please Don't Go«.

Von da an pilgerte ich im Zuge meines London-Besuchs zu jedem weiteren Auftritt von AC/DC in den Marquee Club. Mit der in Sachen Besucherschar aufgeschlossenen Band - nach den Gigs bevölkerte die Truppe immer jovial die Bar im Marquee Club zum inoffziellen Meet'n'Greet - konnte ich mich tatsächlich anfreunden. Besonders mit Bon Scott, ein unglaublich offen zugänglicher wie sympathischer Typ, entwickelte sich ein innig freundschaftlicher Kontakt. Nach der dritten Begegnung gab mir Bon überraschenderweise eine Telefonnummer, ich rief Tage später an und besuchte die Band mehrmals in ihrer Londoner Unterkunft.

Am hinteren Ende der Portobello Road erstand ich in einem Basement-Schallplattenladen das just erschienene europäische Album »High Voltage« für 1,50 Pfund. Wenige Tage später erhielt ich die beiden australischen Originalalben »High Voltage« und »TNT« von der Band geschenkt. Ich bekam hautnah mit, wie Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood kurz nach Open-Air-Auftritt am 21. August auf der von Menschenmassen überfluteten Knebworth Fair locker ohne Security in den Marquee Club schlenderten, um die neue Live-Attraktion zu begutachten - besonders Richards bekundete Interesse an AC/DC. Ich sah und hörte, wie Ritchie Blackmore Bon Scott an der Marquee-Bar ansprach und AC/DC einlud, als Support Act von Rainbow im Herbst auf Euro-Tour zu gehen.

Zur Rock-Größe avanciert

Ich traf die Band am 30. September 1976 wieder auf der Rainbow-Tour in der Multihalle in Mannheim, erhielt weitere Einladungen für den 1. Oktober in der Wiesbadener Rhein-Main-Halle und am 6. Oktober in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Zum letzten Mal sah und begegnete ich AC/DC, als sie mit der »Highway To Hell«-Tour am 1. Dezember 1979 in der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen und am 4. Dezember in der Offenbacher Stadthalle gastierten - als Support Act fungierten Judas Priest.

Da war die Club-Combo auf »Lock Up Your Daughters«-Tour vom Sommer '76 längst zu einer internationalen Rockgröße avanciert - zwar für frühe Wegbegleiter noch zugänglich, aber nunmehr von harscher Security und strikten Planungsstrategien umgeben. Vor allem aber bemerkte ich, dass der immer noch unglaubliche herzlich offene Bon Scott einen immensen Alkoholkonsum exerzierte - knapp zwei Monate später, am 19. Februar 1980, fand man den 33 Jahre alten Ultra-Frontmann unter bis heute nie restlos geklärten Umständen nach Besuch eines Konzertes im Club Music Machine in Londons Stadtteil Camden Town tot in einem Renault 5 eines Freundes.

Hintergrund: Die Szene

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet waren ab den 1950er-Jahren wegen der vorhandenen großen Hallen und den US-amerikanischen Kasernen ein bevorzugter Konzert-Ort für Bandsaus dem Rock- und Pop-Milieu.

In loser Folge beleuchten wir herausragende Konzerte der jüngeren Geschichte. ()

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