»Eine Aufgabe und ein Vergnügen«

Christian Claas: Der Regisseur von »Der Maler des Königs« über die Zeitlosigkeit von Peter Hacks’ Stück - Am 10. und 11. Januar in Aschaffenburg

Aschaffenburg
5 Min.

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»Ich möchte nicht, dass eine Inszenierung bloß mit Hilfe des Programmhefts verstanden wird« (von links): Hans-Joachim Rodewald (Fragonard), Rosemarie Blumenstein (Madame O'Murphy) und Peter Bernhardt (Boucher) in der Meininger Inszenierung von »Der Maler des Königs« (im Hintergrund eine Kopie von Bouchers »Ruhendes Mädchen« von 1751, zu dem die damals 14 Jahre alte Marie-Louise O'Murphy Modell stand).
Foto: Südthüringisches Staatstheater Meiningen
Es ist eine der derzeit am meisten diskutierten Inszenierungen an deutschen Bühnen: Peter Hacks' »Der Maler des Königs« am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen. Am Montag, 10., und Dienstag, 11. Januar, ist die Komödie in der Regie des seit 2007 in Meiningen arbeitenden Christian Claas im Aschaffenburger Stadttheater zu sehen.
Mit dem 1978 in Dortmund geborenen Musik- und Theaterwissenschaftler sowie Sozialpsychologen unterhielt sich vorab Stefan Reis.

Peter Hacks spielte jahrzehntelang allenfalls an alternativen Bühnen seine Nischenrolle. Wie kommt es zu seiner Entdeckung am Meininger Theater?
Es hat am Meininger Theater bereits mehrere Inszenierungen von Hacks' Stücken gegeben. Die Wiederentdeckung Hacks' ist zum einen seiner Sprache gezollt. Er schafft es Sachverhalte, die andernorts eher polemisch oder agitatorisch geäußert werden, in ein Gewand schöner Sprache zu kleiden. Bezeichnend ist sein ausgesprochener Humor, der das vermeintlich immer so Ernste hin zum Menschlichen relativiert.
Gleichzeitig handelt es sich bei unserem Stück um eine Auseinandersetzung mit der Position des Künstlers in einem Staat. Hacks war in der DDR eben auch ein Künstler in einem Staat. Ein Staat, dem er sich auf seine Art verschrieben hat, aber auch ein Staat, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Es gibt den Zusammenhang, in dem Hacks zumeist betrachtet wird, nicht mehr und ich denke, dass es mittlerweile an der Zeit ist, diesen Autor auf die überzeitliche Qualität seiner Stücke zu überprüfen.

Sie haben Theaterwissenschaft und Sozialpsychologie studiert. Interessiert Sie das Stück eher um der Inszenierung willen - oder wegen seiner psychologischen Aspekte?
Das ist wirklich eine interessante Frage. Natürlich kann man eine Inszenierung nicht unter Auslassung der psychologischen Aspekte auf die Bühne bringen, denn grundsätzlich gilt: So abstrakt die Themen eines Theaterstücks auch sein mögen, werden sie doch immer in den Figuren konkret. Die Charaktere stehen immer in einem sozialen Zusammenhang und der wiederum bestimmt die Psychologie.
Der Maler Boucher, der im Mittelpunkt des Stückes steht, befindet sich in einer fast pathologischen Situation. Vormals der erste Maler des Staates, lebt er nun völlig verarmt und zurückgezogen. Einerseits leidet er, andererseits hat er seinen Stolz behalten und besitzt einen eigenen Lebenspragmatismus.
Hacks macht dadurch eine mehr oder weniger abstrakte politische Debatte konkret. Und das ist eine wichtige Aufgabe des Theaters als einer menschlichen Kunst. Darüber hinaus ist jede einzelne Aufführung eine neue Begegnung mit einem Publikum, also mit Menschen und ihren persönlichen psychischen Biografien. Wir führen unsere Inszenierung vor westdeutschen wie vor ostdeutschen Zuschauern auf und sie reagieren alle anders darauf.

Sie inszenieren »Der Maler des Königs« in einer Rokoko-Kulisse, stimmen im Vorspiel aber mit einem DDR-Propagandafilm von einer Auszeichnungsfeier auf das Thema ein: ein Bruch der Darstellungsmittel, um auf die Zeitlosigkeit von Hacks' Thema zu verweisen - oder bewusste Inszenierung von Hacks DDR-Kritik?
Es ist beides. Die beiden Zeiten, um die es im Stück geht, sind zum einen die von Ludwig XV. und die von Ludwig XVI. Letzterer begleitet den Niedergang eines Systems: Des absolutistischen Frankreichs, das in der Revolution von 1789 sein Ende nimmt.
Für Hacks finden diese beiden Herrscher ihre Entsprechungen in Walter Ulbricht und Erich Honecker. Letzterer ist aus Hacks Sicht mitverantwortlich für den Niedergang der DDR. Die DDR ist für ihn das große soziale Experiment, wegen dem er in den 50er Jahren vom Westen übergesiedelt. Natürlich ist die Entscheidung, in der Vorgeschichte Ludwig XV. als eine Art Walter Ulbricht auftreten zu lassen ein Bruch. Doch dieser Bruch ist auch nötig. Die DDR ist Geschichte und die Geschichte hinter der Geschichte muss sich nicht mehr verstecken. Mittlerweile verschwinden ja auch die Strukturen, auf die angespielt wird.
Manche verstehen die Anspielungen, die das Stück bietet. Viele aber auch nicht und ich möchte nicht, dass eine Inszenierung bloß mit Hilfe des Programmhefts verstanden wird. Mit dem Vorfilm konnte ich die Zeitbezogenheit und die Zeitlosigkeit in eine Waage bringen.

Wieso greifen Sie im 21. Jahr der Einheit das DDR-Thema auf?
Die DDR ist auf dem ehemaligen Gebiet der DDR irgendwie noch präsent, wird aber gleichzeitig mitunter mutwillig vergessen oder gar mystifiziert. Ein Umgang muss noch gefunden werden.
Natürlich kann ich mich als Spätgeborener aus dem Westen informieren und die zunehmende Aufarbeitung der DDR bietet dafür umfangreiches Material, doch die Fakten sind nur das eine, das Erlebnis der psychischen Folgen des Zusammenbruchs der DDR ist das andere. Ich kann mir selbst nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn das, was einmal das ganze Leben und alle Lebensbereiche bestimmt hat, auf einmal nicht mehr existiert. Hier begegne ich tagtäglich Menschen, die das erlebt haben.

Sie waren elf Jahre alt, als die Mauer fiel. Wie haben Sie dieses Ereignis damals gesehen, wie empfinden Sie es heute?
Für mich als westdeutschem Kind stand die DDR immer für einen großen Teil meiner Verwandtschaft, den ich nicht kennenlernen konnte. Der Mauerfall war insofern auch der Fall einer Grenze, die sich durch meine Familie zog. Ich spürte damals die allgemeine Erleichterung in meinem Umfeld.
Heute freue ich mich darüber, dass ein vereintes Deutschland zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, die sich die Generation vor mir lange Zeit nicht hätte vorstellen können.

Hacks ist ein Meister der Sprache. Wo alles gesagt wird, gibt es oft nichts mehr zu sehen: Welche Möglichkeiten hat ein Regisseur, um dem Publikum ein Bühnenwerk im wahren Wortsinn zu geben?
Ein Theaterstück oder vielmehr das geschriebene Drama ist ja zunächst noch nicht lebendig. Genau genommen ist das Kunstwerk noch gar nicht komplett. Erst durch die Schauspieler gewinnt es im Dialog mit dem Regisseur und anderen Beteiligten Leben. Die Schauspieler verinnerlichen die Figuren und machen aus einer künstlichen Sprache einen authentischen Dialog, an dem man sehen kann, ob sich die Idee eines Autors trägt. Dies zu beurteilen obliegt dann dem Zuschauer.
Mir ist wichtig, dass sich der Zuschauer eine eigene Meinung zu diesem bislang unbekannten Drama machen kann, dafür war es nötig, den Text mit seinen verbalen Florett-Gefechten und Pointen so genau wie möglich umzusetzen.

An einer Stelle des Stücks heißt es: »Es gibt Augenblicke, wo die Kunst die Pflicht hat, sich von ihrem Publikum zu trennen.« Ist das tatsächlich so? An einer anderen Stelle immerhin schreibt Hacks: »Ein Kontoauszug ist nicht das schlechteste Lehrbuch der Dramaturgie. Wer nur an seine Börse denkt, vergisst wenigstens eines nicht: das Publikum.«
Beide Sätze sind Provokationen und somit indirekte Aufforderungen, sich mit Hacks auseinanderzusetzen. Kunst ohne Publikum ist ja doch ein Paradox schlechthin. Jeder Künstler braucht Publikum, denn er will mit seiner Kunst etwas ausdrücken. Wenn man wie Hacks zudem auch noch ein großes politisches Sendungsbewusstsein hat, braucht es das Publikum umso mehr.
Was Hacks seinem Publikum bietet, sind geschliffene pointierte Dialoge, denen zu folgen eine Aufgabe und ein Vergnügen bedeuten. Ob man sich jedoch von Hacks Ideologie beeindrucken lässt, ist allerdings eine andere Frage, die zu beantworten jedem selbst überlassen ist.

»Der Maler des Königs« (150 Minuten, eine Pause): Montag, 10., und Dienstag, 11. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Aschaffenburg
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