Die Lebensfreude, gebremst in Zeiten des Virus

Hip-Hop/Deutsch-Pop: Moop Mama geben im Aschaffenburger Colos-Saal ein prächtiges Konzert, aber so richtig in Ekstase geraten weder Band noch Publikum

Aschaffenburg
3 Min.

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Am Aschaf­fen­bur­ger Roß­markt sind die ir­ren Ton­läu­fe schon vor Kon­zert­be­ginn auf der Stra­ße zu hö­ren. Wenn sich fünf Blech­blä­ser und zwei Sa­xo­pho­nis­ten warm spie­len, macht das or­dent­lich Ra­dau - und das ist auch nö­t­ig, wenn man als Blä­ser zwei Stun­den lang in Laut­stär­ke und Sound so rich­tig ab­lie­fern will.

Das haben Moop Mama im Aschaffenburger Colos-Saal dann auch gemacht. Das Sousaphon, die Posaunen und die Bass-Drum haben den Boden zum Vibrieren gebracht, das hohe Blech und die Snare die Luft. Wenn die zehnköpfige Truppe auftaucht, dann ist da Rumms dahinter. Kein Wunder, dass die Gruppe in ihren Anfängen bei Guerilla-Konzerten auch hin und wieder mit der Polizei aneinandergeraten ist.

Trotzdem fühlt sich der Abend ein bisschen an, als würde man mit angezogener Handbremse fahren. Vorwerfen kann man das aber niemandem. Die Band spielt fantastisch, das Publikum tanzt, winkt, singt und springt und verbringt ganz offensichtlich eine gute Zeit. So richtig in Ekstase, wie das in der Prä-Corona-Ära auf Konzerten der Band meistens der Fall war, gerät in Aschaffenburg aber keiner. Als sich eine junge Frau im Crowdsurfing versucht, kommt die gar nicht erst vom Fleck - obwohl fast keiner Maske trägt, scheint die Hemmung vor körperliche Nähe zu Fremden noch groß zu sein. Nur einmal geht Keno, der Rapper der Band, kurz ins Publikum und läuft längs durch den Saal. Vor sich hält er einen Handventilator, den ihm jemand am Bühnenrand in die Hand gedrückt hat, und bläst die Aerosole vor sich her. »Anders hätte ich mich das gar nicht getraut« sagt er noch, als er wieder auf der Bühne zurück ist.

Moop Mama, das sind sieben Bläser, zwei Drummer und ein Rapper. Die Musiker stehen auf der kleinen Bühne fast enger gesteckt als das Publikum im locker gefüllten Saal. Die Musik könnte man als Hip-Hop mit Brasssound umschreiben oder als Urban Brass, wie die Band selbst ihren Stil nennt. Statt Battlerap gibt es hier aber eher ein Kampf der Posaunisten, bei dem sich Christian Kohlhaas und Jan Rößler gegenseitig zu virtuosen Soli anheizen und sich mit jedem Takt noch ein bisschen weiter übertreffen. Technisch beeindruckend ist auch das mehrminütige Tenorsaxophon-Solo von Marcus Kesselbauer, der in riesigen Intervallen springt und dabei jeden tiefen Ton so direkt und sauber anspricht, dass jeder Freizeitsaxophonist im Publikum in Ehrfurcht erstarrt.

Sozialkritischer Geist

Das macht Moop Mama aus: Die Band ist nicht der Beatproduzent im Hintergrund, während der Rapper im Zentrum seine Lines performt, sondern jeder einzelne Musiker hat seine Daseinsberechtigung und bekommt auf der Bühne seinen Raum. Alles andere wäre bei diesen Vollblutmusikern Verschwendung.

Was aber purer Hip-Hop ist, ist nicht nur Kenos Flow, sondern auch der sozialkritische Geist der Songtexte. Ein Prachtexemplar ist da die Single »Alte Männer« aus dem vergangenen Jahr, die an die Privilegien weißer Männer erinnert und damit am neoliberalen Leistungsideal und Aufstiegsmythos kratzt. Als weiße männliche und damit ziemlich nicht-diverse Band zeugt das zumindest auch ein Stückweit von Selbstreflexion. Wenn dann die Aschaffenburger Fans auf die Frage im Refrain »Was willst du werden, wenn du groß bist?« lautstark mit dem Vers »Ein reicher, weißer, alter Mann« antworten, lässt sie das vielleicht auch über das eigene Potenzial ein »alter weißer Mann« zu werden nachdenken. Und das gilt für Fans aller Geschlechter, denn der Ausdruck beschreibt eine sozial konstruierte Form von Männlichkeit, eine Geisteshaltung, die jeder und jede internalisieren kann.

»Meermenschen« aus dem Jahr 2016 hingegen erinnert an die Flüchtlingskrise und ist inzwischen ein Klassiker der Band. Der Song zeigt in seiner Melancholie und Ernsthaftigkeit, dass sich die Band auch ohne Witze über Männerpenisse, die »unaufhaltsam verfall'n und verschrumpeln« politisch positionieren kann.

Die Klassiker

Überhaupt sind es die Klassiker und die alten Songs, die den Abend bestimmen. Natürlich wird die aktuelle Platte »Ich« im September schon vier Jahre alt, die Musiker reisen aber noch weiter zurück und präsentieren einen Querschnitt ihres Oeuvres. Das Konzert beginnt schon mit dem Intro des Mooptopia-Albums und muss damit auch direkt in »Die Erfindung des Rades« übergehen. Mehr benötigt das Ensemble nicht, um die Fans gleich am Anfang auf seine Seite zu ziehen. Vom »Roten Album« sind »Liebe«, »Stadt die immer schläft« und »Elefant«; »Alle Kinder« kommt noch von »Mooptopia«. Sogar die »Deine Mutter«-Platte ist mit »Helden« und »Bullenwägen« vertreten, das »Ich«-Album mit »Molotow« und »Kapuze«. Es fällt schon sehr auf, dass immer die beliebtesten und bekanntesten Songs des jeweiligen Albums ausgewählt wurden. Damit ist dann auch die Mitsing-Quote hoch. Bei »Nüchtern« will Das Publikum gar nicht mehr aufhören, selbst als die Instrumente pausieren, wiederholt die Menge die Refrainzeilen immer und immer wieder. »Wie lange wollt ihr das noch durchziehen«, fragt Keno von der Bühne herab. Am Ende grätscht die Band dem Chor einfach mit einem satten Bläserakkord dazwischen, der den Auftakt zum nächsten Song bildet.

In »Schwimm« dann der Vers, der ausspricht, was an diesem Abend fehlt: »Träume von Menschenklumpen in Clubs und Umarmungen«.

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