Die Grausamkeit von Sprache

Lesung: »Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« in der ausverkauften Bühne 3 des Stadttheaters

Aschaffenburg
1 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Nüchterne Einblicke in »Die Festung Aschaffenburg« (von links): Heinz Kirchner, Carsten Pollnick und Albrecht Sylla sowie Schlagwerker Jörg Fabig.
Foto: Björn Friedrich
Mit dem letz­ten Pau­ken­schlag hebt Jörg Fa­big die Hän­de, so wie das Per­kus­sio­nis­ten und Schlag­wer­ker tun, wenn sie die Ar­beit an ih­rem In­stru­ment ein­s­tel­len und dem Nach­hall Frei­raum ge­ben.
So steht denn nun in der Düsternis des Raumes ein Schatten mit erhobenen Händen, einem Soldaten gleich, der sich in die Dunkelheit seines Schicksals hinein ergibt. Und das ist das Bild, das noch weit nach diesem Moment im Gedächtnis bleibt: Denn diese eine unschuldige Bewegung bündelt das ganze Grauen all der nüchternen Daten und Fakten, die an diesem Abend vorgetragen wurden.
Es ist keine Kunst im eigentlichen Sinne, die Heinz Kirchner, Carsten Pollnick und Albrecht Sylla als Rezitatoren und Jörg Fabig als Musiker des Hörspiels »Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« am Mittwochabend im Bühnenraum 3 des Aschaffenburger Stadttheaters bieten (siehe Interview mit Heinz Kirchner im Kulturteil der Montagsausgabe, »Gegenwart permanent auf den Prüfstand stellen« - www.main-netz.de).
Deshalb ist es unerheblich, ob bei der Premiere dieses von dem 1930 in Aschaffenburg geborenen und heute in München lebenden Heinz Fischer geschriebenen Stück das Lesen so oder pointierter, so oder in einem anderen Tempo, so oder in einem anderen Zusammenspiel von Wort und Musik hätte sein können oder sollen: Wesentlich ist an diesem Abend, dass Kirchner / Pollnick / Sylla sich jeder Gefühlsregung beim Darstellen von Sterben und Tod - was im Krieg immer ein Hinrichten und -schlachten und Verrecken ist - versagen und Fabig in einer sehr ausdrücklichen und eindringlichen Lautmalerei den Sinneseindruck von Bedrohung (mit kaum hörbarem Streichen der Trommelfelle) und Schlachtenlärm (mit herzjagendem Trommelgewitter) erzeugt und damit Empfindung in die Gedanken der Zuhörer sät.
Es war natürlich Zufall, dass an diesem sonnigen Mittwochabend das Lichtspiel in diesem Raum erfüllt war von den riesenhaften Schatten, den die Rezitatoren an die hinter ihnen stehende Wand warfen: Auch solche Details sind wichtig für den Gesamteindruck einer auf Gefühl zielenden Handlung. Allgegenwärtige Bedrohung: Und umso grausamer und schwerer zu ertragen gerät die Nüchternheit der darin eingebetteten Sprache. Stefan Reis

»Die Festung Aschaffenburg im Frühjahr 1945« (etwa 60 Minuten, keine Pause): Samstag, 31. März, 20 Uhr, Bibliothekszentrum Hösbach; Dienstag, 15. Mai, 19.30 Uhr, Café Hench, Sandgasse Aschaffenburg
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!