Das Wilde und das Gezähmte

Ausstellung:»Sauvage« mit Werken zweier Künstlerinnen im Kunstforum der Technischen Universität und im Jagdschloss Kranichstein in Darmstadt

Darmstadt
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Wild­nis ist im Mo­ment in Mo­de. Kein Wun­der, wenn es in der Rea­li­tät im­mer we­ni­ger wil­de Räu­me gibt und Na­tur­schüt­zer ver­zwei­felt um den Er­halt sol­cher un­ge­zähm­ter Um­ge­bun­gen kämp­fen wie ak­tu­ell im Ham­ba­cher Forst. Da be­sinnt man sich ger­ne auf die Be­rei­che, in de­nen es noch un­ge­stört wild zu­geht.

In Frankfurt werden in der Schirn Kunsthalle aktuell mit der Schau zum Afrikamaler Wilhelm Kuhnert und zeitgenössischen Positionen gleich zwei Ausstellungen zum Thema gezeigt - von denen wir eine an dieser Stelle in der vergangenen Woche besprochen haben. Und jetzt zieht Darmstadt nach mit der Ausstellung »Sauvage« mit Werken von Emmanuelle Rapin und Angelika Krinzinger, die an zwei Orten bis nächsten Februar zu sehen ist: im Kunstforum der Technischen Universität (TU) Darmstadt und im Museum Jagdschloss Kranichstein.

Motive aus der Jagd

Die Künstlerin und diplomierten Haute-Couture-Stickerin Emmanuelle Rapin, die 1974 in Épinal in Frankreich geboren wurde und in Berlin lebt, verknüpft Motive aus der Jagd mit handwerklichen traditionellen Tätigkeiten wie dem Sticken. Rapin fertigt aus organischen Materialien wie Knochen, Federn, kostbaren Steinen oder präparierten Tieren Objekte. »Meine Kunstobjekte sehe ich als visualisierte Gedichte, die man anfassen kann«, sagt die Künstlerin.

Einige ihrer Objekte können wie Modeaccessoires auch getragen werden. Beispielsweise der Falter, den Rapin aus Federn und Perlen gemacht hat. Einerseits wirkt das zarte Geschöpf mit den interessant gezeichneten Flügeln und dem schwarz glänzenden Körper faszinierend und ästhetisch, anderseits jagt einem das leblose und wie aufgespießte Tier auch Schauer über den Rücken. Es veranschaulicht das Werden und Vergehen, aber auch die fragile Schönheit des Seins. Und dafür scheut sich Rapin auch nicht, das Fell von Säugetieren, Vogelfüße oder Sexualorgane von Pflanzen für ihre Kunstwerke zu verwenden.

Der Ausstellungstitel - Sauvage ist das französische Wort für wild - bezieht sich auf die ungezähmte Natur des Waldes ebenso wie auf die Kraft der Kunst. In der griechischen Mythologie und im Märchen ist der Wald oftmals der Ort von Ungewissheit, Gefahr und Unheil - aber auch von Verwandlungen und Wundern. Die Waldmetapher spielt in fast allen Werken Rapins eine Rolle. Auch ihr vergoldeter und mit einem Dorn bewehrter Fingerhut »The sleeping beauty« (2010) weist auf ein Märchen und den Wald hin. 100 Jahre schlief die Königstochter Dornröschen nach dem Stich durch die Spindel durch einen bösen Fluch in einem Schloss tief im Wald, bis ein Prinz sie wieder wachküsste und erlöste.

Im Jagdschloss Kranichstein werden Rapins Werke den historischen Stillleben eines Zacharias Sonntag gegenübergestellt, der als Hofmaler der Landgrafen von Hessen Darmstadt im 18. Jahrhundert ebenso den Wald als Metapher für Wildheit und Unberechenbarkeit benutzt, diesen jedoch durch tote Vögel, Hasen, Rehe und jagdliche Ausrüstung als vom Menschen beherrschbar interpretiert. Auch er erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens und den Schein - wenn auch auf entgegengesetzte Weise.

Auf Hände fokussiert

Im Kunstforum der TU treffen Besucher dann auf die fotografische Serie »An Hand« der 1969 geborenen Wiener Künstlerin Angelika Krinzinger sowie auf ausgewählte Exponate aus dem Jagdschloss Kranichstein.

Krinzinger hat die historische Porträtgalerie der Habsburger in Schloss Ambras bei Innsbruck fotografiert, sich jedoch ausschließlich auf die Hände fokussiert. Der restliche Teil des Körpers fehlt. Was die jeweilige Handhaltung zu bedeuten hatte, Hinweise auf Tugendhaftigkeit etwa, moralisches Verhalten oder Jungfräulichkeit, konnte in der damaligen Zeit entschlüsselt werden. Heute ist das nicht mehr der Fall. »An Hand« symbolisiert das Gezähmte, Kultivierte - im Gegensatz zu Rapins bewusster Wildheit.

BETTINA KNELLER
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